„Systemrelevanz kommt im System zu kurz“

München Klinik fordert bessere Finanzierung von Covid-19-Versorgung als Teil der Daseinsvorsorge

Coronavirus - Die München Klinik kämpft mit den finanziellen Folgen der Pandemie.
+
Coronavirus - Die München Klinik kämpft mit den finanziellen Folgen der Pandemie.

Münchens größtes Klinikunternehmen kämpft mit den finanziellen Folgen der Corona-Pandemie. Kosten der kommunalen Häuser drohen nicht oder nur teilweise refinanziert zu werden...

  • München Klinik fordert eine bessere Finanzierung vonCovid-19-Versorgung.
  • Die Klinik kämpft mit den finanziellen Folgen derPandemie.
  • Kosten der kommunalen Häuser drohen nicht oder nur teilweise refinanziert zu werden. 

München – Das Gesundheitssystem hat der ersten Covid-Welle standgehalten. Ob gerade die kommunalen Krankenhäuser, die den Großteil der Covid-Versorgung gestemmt haben, auch die drohenden finanziellen Folgen überstehen werden, ist eine andere Frage. 

Allein bis Ende Mai wurden an der München Klinik über eine Millionen Mund-Nasen-Schutzmasken, rund 170.000 FFP2-Masken und 350.000 Schutzkittel verbraucht und aufgrund der Materialknappheit zu fast jedem Preis eingekauft. 

Hinzu kommen rund 42.000 Corona-Tests für Mitarbeitende und Patienten, fast 27.000 Mehrarbeitsstunden in der Pflege im Vergleich zum Vorjahr, 7.500 Flaschen selbst produziertes Desinfektionsmittel sowie weitere Ausgaben beispielsweise für den Sicherheitsdienst zur Einhaltung der Besuchsverbote bzw. –einschränkungen. 

Kosten von mehreren Millionen Euro

Mehrere Millionen Euro hat die Covid-Versorgung die München Klinik damit bislang insgesamt gekostet. 

Da die Ausgleichszahlungen für weniger belegbare Betten nur bis zum 30.9. laufen, droht ab Herbst mit Erlösausfällen eine weitere finanzielle Belastung über die Zusatzkosten hinaus – da die Krankenhauskapazitäten mit Blick auf die weltweiten Fallzahlen realistischer Weise bis weit über den Herbst hinaus durch Abstandsmaßnahmen und vorgehaltene Kapazitäten zur Covid-Abklärung und Versorgung eingeschränkt bleiben. 

Entgegen des Versprechens derBundesregierung, dass keine Klinik an der Pandemie wirtschaftlichen Schaden nehmen soll, drohen viele dieser Kosten in den kommunalen Häusern, die den Großteil der Covid-19-Versorgung übernommen hatten, nicht oder nur teilweise refinanziert zu werden. 

„Wir müssen unser gesamtes Gesundheitssystem grundsätzlich überdenken“

Gleichzeitig profitieren Fachkliniken, die kaum in die Covid-Versorgung eingebunden waren, von höheren Ausgleichszahlungen bei gleichzeitig geringeren Ausgaben. 

„In den vergangenen Monaten hat sich einmal mehr gezeigt, dass die kommunalen Daseinsversorger die Kliniken sind, auf die unser Gesundheitssystem fußt. Die Mitarbeitenden der München Klinik haben sich in der Corona-Versorgung unermüdlich für die Stadt eingesetzt und tun dies unter aktuell erneut steigenden Fallzahlen weiterhin. 

Umso wichtiger ist es mir, die München Klinik bestmöglich bei ihrer wichtigen Arbeit zu unterstützen – während der Pandemie und darüber hinaus. Hier sehe ich den Bund und die Länder in der Pflicht. 

Kommunale Kliniken dürfen finanziell nicht schlechter gestellt werden, dafür, dass sie Verantwortung übernehmen. Wir müssen unser gesamtes Gesundheitssystem grundsätzlich überdenken, finanzielle Fehlanreize beseitigen und damit die Kernaufgabe der Krankenhäuser wieder stärken“, so Oberbürgermeister Dieter Reiter. 

Finanzierungslücke Covid-19: „Die Rechnung geht nicht auf“ 

Die Bewältigung der Krise und die uneingeschränkte Versorgung der schwererkrankten Covid-Patienten hatten in der München Klinik von Anfang an höchste Priorität. 

„Wir haben unsere Verantwortung ernst genommen und nehmen sie mit Blick auf eine mögliche 2. Welle weiterhin ernst. Gleichzeitig haben wir darauf vertraut, dass wir uns auf die Regierung genauso verlassen können, wie sie sich auf uns verlassen konnte. 

Leider sieht es jetzt so aus, als würde die Rechnung nicht aufgehen – wir haben große Summen in Personal, Material und Schutzmaßnahmen investiert. Allein die Tests kosten bis zu 40.000 Euro am Tag – die Kosten haben wir lange selbst getragen. 

Damit werden wir allein gelassen, während Kliniken, die zur Covid-Versorgung wenig beigetragen haben, teilweise mehr Geld bekommen, da die Freihaltepauschale höher ausfällt als die Versorgung leichter Covid-Fälle und gerade die hochkomplexe Versorgung schwerkranker Covid-Patienten, die bis zu mehreren Monaten klinisch versorgt werden müssen, unterfinanziert ist“ sagt Dr. Axel Fischer, Vorsitzender der Geschäftsführung der München Klinik. 

Diskrepanzen zwischen Kliniken

Die München Klinik hat seit Januar die erstenCovid-Patienten Deutschlands (Webasto-Cluster) und seitdem über 800 Covid-Patienten, davon rund 170 Intensivpatienten, und 2.500 Verdachtsfälle behandelt. 

Noch vor den behördlichen Vorgaben hat die München Klinik elektive Operationen verschoben und intensivmedizinische Kapazitäten aufgebaut. Zum Schutz der Mitarbeitenden hat die München Klinik auch in Zeiten größter Materialknappheit keine Kosten gespart und für Schutzausstattung jeden Preis bezahlt, um durchgehend ausreichend Schutz zur Verfügung stellen zu können. 

Gerade die Kliniken, die früh Verantwortung für die Covid-Versorgung übernommen haben, werden in der teilweise auf den Zeitraum nach dem 14.5. begrenzten Refinanzierung nun benachteiligt. 

Darüber hinaus zeigt sich eine Diskrepanz zu Kliniken, die von den Finanzierungen über die Maßen profitieren, obwohl und gerade weil sie kaum in die Covid-Versorgung eingebunden waren.

DRG-System vergisst die Daseinsvorsorge und die Pflege 

Daseinsvorsorge ist das, was der breiten Öffentlichkeit im Covid-Kontext als „systemrelevant“ bekannt wurde. Mit der Notfallversorgung, der Geburtshilfe, der Versorgung schwerkranker Kinder, Erwachsener und älterer Patienten stellt sie im Grunde die Kernaufgabe der Krankenhäuser dar. 

Dennoch sieht es mit Blick auf die deutsche Krankenhauslandschaft anders aus: Allein in München gibt es über 50 Kliniken, davon haben jedoch nur 4 eine Kinderklinik (davon 2 städtisch), 10 haben eine Geburtsklinik (davon 3 städtisch) und 9 haben größere Notfallzentren (davon 4 städtisch). 

Im städtischen Klinikverbund München Klinik kommt jedes dritte Münchner Kindl zur Welt, über ein Drittel aller Notfälle der Stadt wird hier versorgt. So sieht es auch in anderen deutschen Städten aus. 

„Der Fehler liegt generell im System“

Die Daseinsvorsorge übernehmen die öffentlichen und insbesondere die kommunalen Häuser. Dieses Ungleichgewicht wird in der Covid-19-Pandemie besonders deutlich. Die Versorgung von schwerkranken Covid-Patienten ist eine neue Säule der Daseinsvorsorge, die in der ersten Welle erneut zum Großteil von öffentlichen Häusern gestemmt wurde.

„Der Fehler liegt generell im System“, so Dr. Fischer weiter. „Systemrelevante Versorgung kommt darin einfach zu kurz. 

Daran liegt es, dass in einer Metropole wie München viele Kliniken Hüftendoprothetik anbieten, aber für ein schwerkrankes Kind nur eine Hand voll Kinderkliniken zur Verfügung stehen. Weil das eine sich wirtschaftlich lohnt, und das andere defizitär ist.“ 

Das DRG-System ist ein leistungsorientiertes Vergütungssystem, das auf Diagnose, Schweregrad der Erkrankung, Verweildauer und den erbrachten Leistungen (Operationen, Eingriffe) fußt. 

Viele Patienten haben eine Vielzahl von Vorerkrankungen 

„Das System setzt auf Effizienz – viele in wenigen Tagen erbrachte Eingriffe gelten als leistungsorientiert. Doch unsere Gesellschaft altert, viele Patienten haben eine Vielzahl von Vorerkrankungen und benötigen eine komplexe ärztliche Behandlung sowie hochprofessionelle Pflege. 

Diese Bedürfnisse sind in den aktuellen Strukturen nicht abgedeckt und der große Verantwortungsbereich von Maximalversorgern unterscheidet sich in der Finanzierung nicht von hochspezialisierten Fachkliniken mit einer sehr begrenzten Patientenklientel. 

Das muss sich dringend ändern. Es darf keinen Anreiz geben, das eine Krankheitsbild zu versorgen und das andere nicht. 

Daseinsvorsorge muss sich lohnen, um auch für die Zukunft ausreichend Versorgungskapazitäten zu sichern und gerade der Pflegebereich muss besser finanziert werden – das zeigt sich aktuell mehr denn je.“

"Ein sehr guter Eindruck" – Oberbürgermeister Reiter inspiziert Corona-Testzentrum auf der Theresienwiese

München Klinik/fb

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Corona-Test in München und Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann
Corona-Test in München und Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann
"Die große Liebe kam unerwartet"
"Die große Liebe kam unerwartet"
Drogen-Skandal bei der Polizei München: Razzia in 30 Wohnungen - Umfangreichste Ermittlung gegen Polizisten
Drogen-Skandal bei der Polizei München: Razzia in 30 Wohnungen - Umfangreichste Ermittlung gegen Polizisten
Maskenpflicht im Unterricht bleibt - Diese Schulen und Klassen sind in München wegen Corona geschlossen
Maskenpflicht im Unterricht bleibt - Diese Schulen und Klassen sind in München wegen Corona geschlossen

Kommentare