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„Ort des Unheils, nicht des Heils“ ‒ Kardinal Marx reagiert auf Missbrauchsgutachten

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Von: Sabina Kläsener

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Kardinal Marx entschuldigte sich bei den Betroffenen von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising.
Kardinal Marx entschuldigte sich bei den Betroffenen von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising. © dpa/Sven Hoppe

Kardinal Reinhard Marx reagiert auf das Gutachten zum Missbrauch im Erzbistum München und Freising: Kirche muss Verantwortung übernehmen und Reformen einleiten.

München - Als einen „tiefen Einschnitt“ für die Kirche hat Kardinal Reinhard Marx das Gutachten zum Missbrauch im Erzbistum München und Freising bezeichnet. Eine Woche nachdem dieses (siehe Kasten) vorgestellt wurde, äußert er sich zu den Ergebnissen. „Wer jetzt noch systemische Ursachen leugnet und einer notwendigen Reform der Kirche in Haltungen und Strukturen entgegentritt, hat die Herausforderung nicht verstanden.“ Die Kirche sei für viele Menschen ein „Ort des Unheils und nicht des Heils“ gewesen.

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*HalloMuenchen.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA. © Hallo München

Sexueller Missbrauch im Bistum München: Kardinal Marx räumt Fehler ein

Richard Kick, Betroffener und Mitglied des Betroffenenbeirats, hatte sich mit einem offenen Brief an Marx gewandt, ihn dazu aufgefordert, Verantwortung zu tragen, mit offenen Armen auf Betroffene zuzugehen. Dieser Verantwortung wolle er gerecht werden, erklärt Marx, der einen Rücktritt nicht angeboten, aber auch nicht ausgeschlossen hat, sollte er der angestrebten Erneuerung im Weg stehen. Zudem räumte er Fehler ein.

Als erste Reaktion auf das Gutachten hat am 20. Januar eine neue Anlaufstelle für Betroffene die Arbeit aufgenommen, die unter 21 37 77 000 erreichbar ist. Weitere konkrete Konsequenzen werde man prüfen. Der im Gutachten kritisierte Kirchenrichter Lorenz Wolf wird nach Absprache mit Kardinal Marx seine Ämter ruhen lassen, bis er öffentlich Stellung nimmt. Der ebenfalls beschuldigte emeritierte Papst Benedikt, dem Vertuschung vorgeworfen wird, hatte zuletzt Fehler bei früheren Aussagen eingeräumt. Da eine umfassende Äußerung noch ausstehe, will Marx den Sachverhalt nicht bewerten.

Münchner reagieren auf Gutachten zu sexuellem Missbrauch: Kirchenaustritte verdoppelt

Die Gläubigen in München reagieren: mit doppelt so vielen Kirchenaustritten wie üblich. Wie das zuständige KVR mitteilt, wurden dafür seit der Vorstellung des Gutachtens rund 650 Termine gebucht. Die Folge: erweiterte Öffnungszeiten sowie zwei zusätzliche Beschäftigte – das Personal wurde somit verdreifacht. Ob es sich dabei um ausschließlich Katholiken handelt, kann aber nicht gesagt werden, da Austritte nicht nach Konfessionen aufgeschlüsselt werden.

Der Bund für Geistesfreiheit fordert Kirchenmitglieder zum Austritt, die Justiz zur Aufklärung und die Politik zur Prüfung kirchlicher Sonderrechte auf. Die Stadtrats-Grünen wollen überlegen, Straßen umzubenennen, die Namen von Kardinälen aus der Zeit nach 1945 tragen.

Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Bistum München

Die Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl, Spilker, Wastl hat ein externes Gutachten vorgelegt, das von der Diözese in Auftrag gegeben wurde. Die erschreckende Bilanz: Mindestens 497 Kinder und Jugendliche wurden zwischen 1945 und 2019 im Bistum München und Freising sexuell missbraucht – von Priestern, Diakonen oder anderen Mitarbeitenden.

Das Gutachten benennt mindestens 235 mutmaßliche Täter, darunter 173 Priester und neun Diakone. Dies sei das Hellfeld, erklärten die Anwälte. Das Dunkelfeld sei deutlich größer, nehmen sie an.

40 Täter seien auch weiterhin in der Seelsorge eingesetzt beziehungsweise dort geduldet worden – in 18 Fällen sogar nach einer einschlägigen Verurteilung. Zudem wurden in 43 Fällen Maßnahmen zur Sanktionierung unterlassen. In der Verantwortung sehen die Anwälte dabei die Münchner Bischöfe und Generalvikare, darunter den emeritierten Papst Benedikt, der von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising war. Auch seinem direkten Nachfolger, Kardinal Friedrich Wetter, wird Fehlverhalten vorgeworfen, ebenso Kardinal Reinhard Marx.

Quelle: www.hallo-muenchen.de

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