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Konsulat im Kriegsmodus: Der Generalkonsul der Ukraine in München, Yuriy Yarmilko, über aktuelle Herausforderungen

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Von: Romy Ebert-Adeikis

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Nur seinen Schreibtisch hat der ukrainische Generalkonsul in München, Yuriy Yarmilko, bisher im neuen Konsulat an der Riedenburger Straße komplett eingerichtet – für den Rest fehlt wegen des Kriegs in der Heimat schlichtweg die Zeit.
Nur seinen Schreibtisch hat der ukrainische Generalkonsul in München, Yuriy Yarmilko, bisher im neuen Konsulat an der Riedenburger Straße komplett eingerichtet – für den Rest fehlt wegen des Kriegs in der Heimat schlichtweg die Zeit. © Romy Ebert-Adeikis

Das ukrainische Generalkonsulat ist umgezogen und befindet sich im Ausnahmezustand. Konsul Yuriy Yarmilko über die aktuellen Herausforderungen der Vertretung in München...

München Gerade ist das ukrainische Generalkonsulat von der Ludwigsvorstadt nach Bogenhausen gezogen. Doch nicht nur einige noch unplatzierte Möbel zeugen von der Ausnahmesituation, in der sich die Diplomaten hier derzeit befinden. Auch schwarze, klobige Pakete, die im Hausflur des Gebäudes an der Riedenburger Straße gelagert sind: Notstromgeneratoren, die das Konsulat dorthin schickt, wo Russland gerade Kraftwerke und Stromnetze bombardiert.

„Unsere allererste Aufgabe zur Zeit ist natürlich, unserer Heimat und den Streitkräften zu helfen“, sagt Generalkonsul Yuriy Yarmilko. Wie sich in den vergangenen Monaten die Arbeit für sein Team noch verändert hat, wofür er dankbar ist und warum Pässe das größte Problem sind...

Das Generalkonsulat der Ukraine ist umgezogen.
Das Generalkonsulat der Ukraine ist umgezogen. © Romy Ebert-Adeikis

Generalkonsul der Ukraine im Interview: „Kämpfen weiter“

Herr Generalkonsul, inwieweit bemerken Sie den Ukraine-Krieg hier in München?

Vor dem Krieg haben wir etwa 30 000 Landsleute in Bayern und Baden-Württemberg konsularisch betreut. Jetzt sind es circa 300 000. Niemand hat mit einer solchen Menge gerechnet. Und die hier Angekommenen haben auch Probleme.

Welche sind das?

Herausforderung Nummer eins sind die Pässe. Etwa die Hälfte der Geflüchteten ist ohne Reisepässe gekommen. Aber unsere Kapazitäten für neue sind begrenzt. Wir haben ausgerechnet: Wenn unsere zehn Mitarbeiter Tag und Nacht nur noch Pässe machen, bräuchten sie dafür sechs Jahre.

Können Sie nicht einfach Personal aufstocken?

Nein. Zum einen sind die finanziellen Möglichkeiten in der aktuellen Lage begrenzt. Zum anderen werden die Pässe in der Ukraine gedruckt und dann per Diplomatenpost an uns geschickt. Das ist aktuell natürlich schwierig. Mehr Leute würden uns da nicht entscheidend helfen.

Aber man kann ja nicht Jahre auf einen Pass warten...

Wir werden das Konsulat ab sofort ganztags für Besucher öffnen. Aktuell kommen am Tag circa 100 Personen zu uns. Wenn es dringlich ist, raten wir den Leuten auch, für den Pass wenn irgendwie möglich in die Ukraine zu fahren. In Polen gibt es temporäre Stellen, an denen Pässe ausgestellt werden. Die Botschaft in Berlin verhandelt gerade über so etwas auch in Deutschland.

Wie ist die Situation der Geflüchteten hier in München?

Es sind etwa 40 000 bis 50 000 Menschen hierher gekommen, genau weiß man es nicht. Viele, die am Anfang kamen, sind in speziellen Lagern untergebracht. Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung des Freistaats und der Stadt München. Die Ukrainer spüren die Gastfreundschaft. Aber es gibt natürlich Probleme. In diesen Lagern kann man Wochen oder vielleicht auch Monate leben, aber nicht dauerhaft. Und eine Wohnung in München zu finden ist praktisch unmöglich, auch im Umfeld ist es schwierig. Wir haben vier Monate nach einer Wohnung für Verwandte meiner Frau gesucht, die zu uns gekommen sind. Trotz meiner Kontakte hat es nicht geklappt. So geht es extrem vielen. Jetzt haben wir zum Glück etwas in Puchheim gefunden.

Hilft die Stadt München ihrer Partnerstadt Kiew genug?

Früher habe ich die Partnerschaft manchmal kritisiert, weil sie nicht so intensiv war, wie ich es mir gewünscht hätte. Jetzt passiert deutlich mehr. München hat uns Feuerwehrautos, Sanitätswagen, Medikamente und viel anderes überlassen. Die bleiben aber nicht zwingend in Kiew. Als in Dnipro das Busdepot bombardiert wurde, wurden einige Stadtbusse aus München dorthin weitergegeben. Alle Partnerstädte helfen uns sehr. Deswegen arbeiten wir jetzt daran, neue Partnerschaften zu knüpfen, für kleinere Städte.

Wie steht es um bisherige Projekte der Zusammenarbeit wie das Bayerische Haus in Odessa oder die jährliche Ukrainische Woche in Bayern?

Die Ukrainische Woche hatten wir dieses Jahr nicht. Allerdings gab es das Jahr über deutlich mehr Kulturprogramm und Konzerte als sonst in dieser einen Woche. Das Bayerische Haus lebt – auch, wenn einige Mitarbeiter und auch die Leiterin nach München gekommen sind. Sie haben hier Deutschkurse für Ukrainer organisiert.

Ist die Ukraine in Deutschland noch präsent genug?

Ja, die Ukraine ist nicht vergessen. Die Solidarität von Bundesländern, Städten, Vereinen ist enorm.

Was glauben Sie: Wie kann dieser Krieg beendet werden?

Mit Diplomatie. Aber dafür ist es momentan zu spät – und gleichzeitig zu früh. Wir sind bereit zu verhandeln, wenn Russland unser Gebiet verlässt. Bis dahin kämpfen wir weiter. Sowohl die Streitkräfte als auch die Menschen sehen dazu keine Alternative. Es geht um unsere Existenz.

Ukraine in München

„München war ein Zentrum ukrainischer Auswanderer während und nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Generalkonsul Yuriy Yarmilko. Darum gebe es in der Stadt viele Vereine und Institutionen mit Bezug zum Land. So finden sowohl orthodoxe als auch griechisch-katholische Ukrainer vor Ort eine Kirchengemeinde. Die Ukrainische Freie Universität mit Sitz an der Barellistraße hat 2021 ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert. Sie ist außerhalb der Ukraine die einzige Hochschule mit Ukrainisch als Unterrichtssprache, bietet elf Studienfächer an und hat gut 900 Studierende.

Auch das Generalkonsulat in München ist besonders: „Es war 1992 das allererste Konsulat der jungen Ukraine im Ausland“, verrät Yarmilko. Nach der Pienzauer Straße, dem Oskar-von-Miller-Ring und der Lessingstraße ist es seit November an der Riedenburger Straße 2 zu finden. In der Ainmüllerstraße 35 erinnert eine Gedenkplakette an das 1918 bis 1923 bestehende Konsulat der Ukrainischen Volksrepublik.

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