Impfstart bei den Hausärzten

Angst vor Astrazeneca? Hallo München klärt die wichtigsten Fragen zur Corona-Impfung

Coronavirus - Start Impfung in Hausarztpraxen
+
Auch in München impfen schon Hausärzte: wie hier Wolfgang Ritter in Obersendling.
  • Kassandra Fischer
    vonKassandra Fischer
    schließen
  • Romy Ebert-Adeikis
    Romy Ebert-Adeikis
    schließen

Impfmythen im Check: Thrombosen, Langzeitfolgen und Wirksamkeit - Zwei Münchner Medizin-Experten klären zu den drängendsten Fragen rund um die Corona-Immunisierungen auf.

  • Hallo München checkt Impfmythen.
  • Die wichtigsten Fragen zur Corona-Impfung, Angst vor Astrazeneca und anderen Impfstoffen.
  • Experten klären auf...

Erst durften sich nur Jüngere mit dem Impfstoff Astrazeneca gegen das Corona­virus impfen lassen. Weil bei Impfungen mit dem Vakzin vor allem bei jungen Frauen Blutgerinnsel in Hirnvenen aufgetreten sind, darf dieses in München jetzt nur noch für Über-60-­Jährige verwendet werden.

Eine Entscheidung, die die Impfstrategien ins Stocken bringt, und in der Bevölkerung die Skepsis gegenüber Impfungen schürt. Hallo hat darum zwei Münchner Medizin-Experten gebeten, ihre Einschätzung zu Astrazeneca, den anderen Impfstoffen und Impfmythen zu geben.

Die Münchner Impf-Experten

Dr. Christoph Spinner ist am Klinikum rechts der Isar Pandemiebeauftragter und Chief Medical Information Officer. Der 36-Jährige ist Infektologe und Facharzt für Innere Medizin.

Dr. Markus Frühwein ist Allgemeinarzt mit Schwerpunkt Reisemedizin und Impfungen. Er betreibt die Praxis „Frühwein+Partner“ an der Brienner Straße.

Ist eine Impfung mit Astrazeneca gefährlich, die Entscheidung, nur noch Über-60-Jährige damit zu impfen, nachvollziehbar?

Dr. Christoph Spinner: „Die Entscheidung ist medizinisch nachvollziehbar und zeigt, dass die Impfstoffsicherheitsüberwachung auch nach der Zulassung funktioniert. Auch sehr seltene potenzielle Nebenwirkungen werden erkannt und ziehen Neubewertungen nach sich. Inzwischen gibt es ein robustes Signal minimal erhöhter Risiken von Sinusvenenthrombosen sowie ein plausible Hypothese eines Autoimmunmechanismus. Im Grunde geht es im Allgemeinen um eine Risiko-Nutzen-Abwägung: Das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, ist dem Risiko einer Hirnvenenthrombose gegenüberzustellen, die bei jüngeren Frauen nach der Impfung statistisch leicht erhöht zu dem normalen Wert auftrat. Mit höherem Alter steigt aber wiederum das Risiko schwerer Corona-Erkrankungen erheblich. Die Zahl der von der Hirnvenenthrombose Betroffenen ist jedoch immer noch gering (Anmerkung der Redaktion: 31 Fälle bei 2,3 Millionen Impfungen in Deutschland, Stand 1.April). Daher sollten alle Personen weiterhin Zugang zur Astrazeneca-Impfung haben, aber bei unter 60-jährigen Risiko-Nutzen sorgsam diskutiert werden.“

Dr. Markus Frühwein: „Aktuell scheint sich das erhöhte Risiko für thrombotische Ereignisse ja nur in einer bestimmten Risikogruppe abzuspielen. Gerade für die ältere Bevölkerung scheint kein Risiko zu bestehen. Wir haben hier einen sehr wirksamen Impfstoff, insbesondere in der Verhinderung schwerer Erkrankungsfälle. Bei jungen Frauen mit besonderem Risiko wäre ich im Moment auf jeden Fall zurückhaltend. Vor allem weil auch andere Impfstoffe zur Verfügung stehen.“

Gibt es bereits Erkenntnisse, dass eine Impfung mit Astrazeneca auch langfristig für ein erhöhtes Thromboserisiko sorgen könnte?

Dr. Christoph Spinner: „Allgemein besteht kein erhöhtes Risiko bezüglich konventioneller thrombembolischer Ereignisse.“

Wie sicher sind die anderen Impfstoffe?

Dr. Christoph Spinner: „Die anderen Impfstoffe sind sicher und haben ein mehr als angemessenes Risiko-Nutzenverhältnis.“

Wie wirksam sind die Corona-Impfstoffe wirklich?

Dr. Christoph Spinner: „Auf individuelle Fragen kann es keine pauschale Antwort geben. Zusammenfassend kann ich konstatieren, dass jede zugelassene Covid-19-Impfung zuverlässig vor schweren Covid-19 Verläufe, Krankenhausaufnahme und Tod schützt und die Übertragungswahrscheinlichkeit ganz erheblich reduziert.

Dr. Markus Frühwein: „Ich denke die meisten Menschen haben inzwischen verstanden, dass es sich bei Covid-19 nicht einfach um einen grippalen Infekt handelt. Neben den hohen Todesraten bei Älteren häufen sich inzwischen auch die Langzeitbeschwerden im Rahmen von Long- bzw. Post-Covid-19 mit einer Vielfalt an Beschwerden. Für die meisten stehen über Monate anhaltende Schwäche- und Krankheitsgefühle im Vordergrund. Viele fragen trotzdem noch, ob die Impfung für sie Sinn macht oder dringlich ist. Hier kann man inzwischen klar sagen, dass das Risiko durch die Erkrankung deutlich höher ist als durch eine Impfung. Auch das Thema Wirksamkeit der einzelnen Impfstoffe kommt immer wieder zur Sprache. Hier sollte man nicht zu sehr auf Prozentzahlen schauen. Alle zugelassenen Impfstoffe sind sehr gut wirksam und es kommt hier nicht auf ein paar Prozent hin oder her an, alleine schon aufgrund des unterschiedlichen Studienaufbaus.“

Welche Langzeitfolgen der Impfung sind nach dem aktuellen Stand zu erwarten?

Dr. Markus Frühwein: „Langzeitfolgen der Impfung sind nach aktuellem Kenntnisstand nicht zu erwarten. Impfnebenwirkungen treten in fast allen Fällen innerhalb von ein paar Tagen auf und verschwinden wieder. Auch langanhaltende Nebenwirkungen sind prinzipiell möglich, aber bei Impfungen absolute Einzelfälle.“

Was ist der größte Impfmythos aus Ihrer Sicht derzeit?

Dr. Christoph Spinner: „Aus meiner Sicht gibt es bei einem beträchtlichen Teil der Menschen große Verunsicherung zur Sicherheit und Wirksamkeit der Covid-19 Impfstoffe. Aufgrund der sehr stark medialen Berichterstattung mit teilweiser Hypersensation und der vermeintlich sehr schnellen Impfstoffzulassung haben viele den Überblick verloren. Das sorgt mich, denn die Impfstoffe schützen mit hoher Wahrscheinlichkeit vor schwerem, Covid-19. Und darauf kommt es für den Einzelnen an: Nicht ins Krankenhaus oder die Intensivstation zu müssen.“

Dr. Markus Frühwein: „Über die schlimmsten Sachen sind wir inzwischen hoffentlich hinaus. Bill Gates Mikrochips, impfinduzierte Gedankenkontrolle zur Erlangung der Weltherrschaft und gezielt ausgelöste Unfruchtbarkeit spielen keine große Rolle mehr. Die Allgemeinheit ist im Schnitt einfach deutlich besser aufgeklärt als früher und das Verständnis für Infektionserkrankung und die Wirkungsweise und Wirksamkeit von Impfungen deutlich größer als zuvor. Was sich noch hält ist die hartnäckige, aber unbegründete Sorge um die Veränderung des menschlichen Genoms durch die neuen Impfkonzepte. Hier kann man wirklich Entwarnung geben. Zum einen spielt sich die Übersetzung der mRNA außerhalb des Zellkerns ab, in dem unsere DNA liegt, zum anderen fehlt uns auch das passende Enzym, um die mRNA in DNA umzuwandeln. Außerdem würde sich sonst jedes Virus auch in unserem Genom ansiedeln, womit die Infektion wieder deutlich gefährlicher wäre. Auf der anderen Seite müssen wir Bedenken natürlich auch ernstnehmen, Gerade die aktuelle Diskussion um die Sinusvenenthrombosen macht deutlich, dass es wichtig ist, die Augen offen zu halten und die Situation am Ende nüchtern zu bewerten.“

Ab sofort sollen Hausärzte flächendeckend ebenfalls impfen. Sind diese dafür aktuell gerüstet?

Dr. Christoph Spinner: „Niedergelassene Ärzte impfen seit Jahren zuverlässig. An sich ein guter Weg, um schnell Geschwindigkeit für die Impfungen zu erreichen. Entscheidend dafür ist die Verfügbarkeit und Logistik entsprechender Impfungen sowie die Dokumentation.“

Dr. Markus Frühwein: „Selbstverständlich werden wir impfen. Die Hausarztpraxen sind hier gut aufgestellt. Mit großflächigen Impfungen kennen wir uns in den Praxen aus. Wir impfen ja quasi nebenbei jedes Jahr bis zu mehr als 25 Millionen Menschen innerhalb von wenigen Wochen gegen Influenza. Wenn man die bürokratischen Hürden nicht zu hoch legt, können Hausarztpraxen den entscheidenden Teil zur flächendeckenden Impfung leisten. Alleine in München haben wir mehr als 1000 Praxen.“

Wann Münchner Hausärzte impfen

Bayerns Arztpraxen haben begonnen, die Bevölkerung zu impfen: „Die Hausärzte wissen, wer zu den vulnerablen Gruppen gehört und machen zunächst diesen entsprechende Impfangebote“, sagt ein Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB). Nur an den nötigen Impfdosen mangelt es noch. Vor Ostern wurden 32 000 Astrazeneca-Dosen an 1600 Praxen ausgeliefert – gemeldet hatten sich deutlich mehr. „Das hat natürlich zu Enttäuschung bei Patienten, Personal und Ärzten geführt“, so Andreas Durstewitz vom Ärztlichen Kreis- und Bezirksverband München. Ab 7. April rechnet die KVB mit Impfungen in 8500 Praxen. Wöchentlich können diese dann je 24 bis 48 Impfdosen bestellen. „Was geliefert wird, muss man abwarten.“ 

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Corona-Test in München und im Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann
Corona-Test in München und im Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann
Polizei zerschlägt Internationalen Drogenring ‒ Eine Tonne Crystal Meth und hunderte Kilo Ecstasy geschmuggelt
Polizei zerschlägt Internationalen Drogenring ‒ Eine Tonne Crystal Meth und hunderte Kilo Ecstasy geschmuggelt
Corona-Inzidenz in München sinkt ‒ Die aktuellen Zahlen und Regeln im Überblick
Corona-Inzidenz in München sinkt ‒ Die aktuellen Zahlen und Regeln im Überblick
Verschärfte Corona-Regeln der „Bundes-Notbremse“ ‒ Was sich bei einer 7-Tage-Inzidenz über 100 ändert...
Verschärfte Corona-Regeln der „Bundes-Notbremse“ ‒ Was sich bei einer 7-Tage-Inzidenz über 100 ändert...

Kommentare