Schicksale in München

Corona-Alleingang in Bayern – Wie Münchner die Krise erleben

Ministerpräsident Markus Söder hält die Bevölkerung an, Mundschutzmasken in der Corona-Krise zu tragen.
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Ministerpräsident Markus Söder hält die Bevölkerung an, Mundschutzmasken in der Corona-Krise zu tragen.

Bayern fährt während Corona einen eigenen Kurs und stellt Regeln für Schulen und Handel auf. Münchner berichten, wie sie die Krise und Kontaktsperre erleben.

  • Die Kontaktsperre in Bayern wurde verlängert.
  • Einschränkungen werden jedoch ab 20. April gelockert.
  • Münchner erzählen, wie sie die Corona-Krise erleben

Obwohl die Kontaktsperre bis 3. Mai verlängert wird: Die Corona-Einschränkungen in Deutschland werden ab Montag, 20. April, vorsichtig wieder gelockert, Geschäfte und Schulen schrittweise wieder geöffnet. Dabei gelten laut Ministerpräsident Markus Söder für Bayern jedoch strengere Regeln. 

Die wichtigsten Vorgaben in Bayern in der Corona-Krise

Während im übrigen Bundesgebiet Geschäfte mit einer Verkaufsfläche bis 800 Quadratmetern sowie Auto-, Fahrrad- und Buchhändler ab Montag wieder öffnen dürfen, gilt dies für den Handel in Bayern erst ab Montag, 27. April. Nur in Bau- und Gartenmärkten sowie in Gärtnereien im Freistaat kann der Betrieb schon ab 20. April wieder starten. Immer vorausgesetzt, die Hygiene-Vorgaben werden eingehalten. Dazu gehört die dringende Empfehlung, Schutzmasken zu tragen. 

Mehr Geduld brauchen auch Bayerns Schüler – und deren Eltern. Für die Abschlussklassen in Gymnasien, Real- und Mittelschulen soll ab 27. April der erste Unterricht wieder stattfinden. Folgen sollen dann die Jahrgänge, die im kommenden Jahr Abschlussprüfungen haben und Viertklässler – das jedoch frühestens ab 11. Mai. Wann alle anderen Klassen sowie Kitas starten dürfen, steht noch nicht fest. 

Auch wann Lokale und Biergärten wieder öffnen dürfen, ist noch offen. Gottesdienste hält Söder ab Mai für „möglich“. Großveranstaltungen sind bundesweit bis 31. August verboten. Söder zweifelt zudem daran, dass heuer die Wiesn steigen kann.

ul

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Wenn in der schlimmsten Zeit ein neues Leben entsteht

Benno, 29 Jahre, Vater

„Bei der Geburt meines Sohnes Paul im Dritten Orden konnte ich noch dabei sein, dann wurde ich nach Hause geschickt – es gab einen Coronafall auf der Geburtsstation. Drei Tage musste ich allein in meiner Wohnung auf meine neue Familie warten. Jetzt bricht es mir das Herz, dass niemand das Baby sehen kann. Meine Großeltern haben Angst zu sterben, bevor sie ihren Urenkel zum ersten Mal treffen. Toll wäre mit dem Neugeborenen auch Unterstützung aus der Familie, aber wir halten uns strikt an die Beschränkung. Man lernt in so einer Krise, wie wahnsinnig wichtig Familie ist.“ 

jh

Obdachloser Optimist

Bernd, 66 Jahre, obdachlos

„In der Krisenzeit freue ich mich über die Gabentüten an den Brücken – da waren schon viele praktische Sachen drin, mal Klopapier, mal Zahnpasta. An der Isar lagen zuletzt natürlich weniger Flaschen herum als sonst, aber wer genau gesucht hat, hat auch etwas gefunden. Mir hat es sehr gefehlt, mit Freunden unter der Reichenbachbrücke Schach zu spielen. Das hat die Polizei gesperrt, verstehe ich nicht – Spielen ist doch gesund. Für mich hat sich sonst nicht viel geändert, ich bin Optimist. In dem Wohnheim, in der Kyreinstraße, wo ich zur Zeit schlafe, ist mein Zimmernachbar verlegt worden, weil er ständig geniest hat.“ 

hki

Koch-Koller

Alexandra Gaßmann, neunfache Mutter.

Alexandra Gaßmann kümmert sich derzeit um sechs Kinder. Die Laimerin ist sogar neunfache Mutter, doch drei ihrer Sprösslinge sind bereits ausgezogen. Für Gaßmann hat ihre Großfamilie in Zeiten wie diesen viele Vorteile. „Natürlich geht man sich manchmal auch kräftig auf die Nerven. Gleichzeitig kann man sich jeden Tag mit jemanden anderem zusammentun und hockt nicht immer mit denselben drei Nasen zusammen.“ 

Gaßmann versucht, die positiven Seiten der Krise zu sehen: „Wir machen jetzt Dinge, zu denen wir sonst nicht kommen. Beispielsweise kochen wir viel gemeinsam.“ Doch es gebe auch nicht so schöne Seiten. „Wenn wir zu acht unterwegs sind, bekommen wir auch schräge Blicke.“ Beim Einkaufen werde sie für eine Hamsterin gehalten. „Ich brauche halt viele Packungen Nudeln, um die Familie satt zu bekommen“, sagt sie. 

Sie hat auch von Bekannten gehört, die an der Supermarktkasse mit sämtlichen Krankenversicherungskarten nachweisen, dass sie eine Großfamilie ernähren müssen. Deshalb hat Gaßmann, die für die CSU im Stadtrat sitzt, einen Antrag auf eine Mehrkind-Familienkarte gestellt, mit der Eltern schnell die Zugehörigkeit der Kinder zeigen können. „Jetzt hat das Thema noch mal an Relevanz gewonnen.“ Andreas Schwarzbauer

Soziale Kontakte schmerzlich vermisst

Michael Metzenmacher und Clara Wenhart

Michael Metzenmacher und Clara Wenhart vermissen vor allem den Kontakt zu Freunden und Verwandten. Das Pärchen wohnt zusammen in einer Wohnung in Pasing und die beiden sind begeisterte Hobbymusiker. Doch die Proben, die sonst fast jeden Abend stattfinden, fallen derzeit aus. „Man trifft zurzeit nur die Arbeitskollegen“, sagt Wenhart. Metzenmacher hat nicht mal die, denn er arbeitet seit einigen Wochen im Home Office. „Ich versuche, über die sozialen Medien Kontakt zu halten, aber das ist schon etwas anderes“, sagt er. 

Ein weiteres Problem: „Sie reißen gerade die Straße vor dem Haus auf und ich bin den ganzen Tag hier.“ Trotz dieser Situation gibt es derzeit nicht mehr Streit, aber: „Man merkt schon, dass man sich häufiger als normal in getrennten Zimmern aufhält“, sagt Metzenmacher. Immerhin einen Vorteil hätten die Beschränkungen: „Man hat nicht den ganzen Freizeitstress.“ Denn die beiden haben am Wochenende viele Musikauftritte und hetzen oft von Termin zu Termin. 

andy

Blick nach innen in der Kommune

Rainer Langhans, 79, Alt-68er:

"Wir leben seit fast 50 Jahren zusammen in der Kommune, also drei Frauen und ich. Dass da mal geschrien und gestritten wird, gab es schon immer. Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht sogar erfahrener sind als viele, die jetzt zum ersten Mal gezwungen sind, zusammen Zuhause zu bleiben. Ich finde es gut, dass die Menschen nun innehalten und sich mit sich selbst beschäftigen müssen – statt dem Äußeren, dem Konsum, dem Geld und dem Materialistischen hinterher zu rennen. 

Klar, auch mir fehlt zum Beispiel das Tischtennis-Spielen draußen oder, dass ich nicht in die Sauna gehen kann. Aber ich beschäftige mich schon länger mehr mit meinem Inneren und habe schon vor der Krise begonnen, weniger auf Veranstaltungen zu gehen. Ich glaube, das ist eine Botschaft der Corona-­Krise, nämlich, dass wir unser Leben verändern müssen. Weg von diesem wahnwitzigen, selbstmörderischen Tempo, weg davon, unsere Umwelt und unser Klima zu zerstören. Schade, dass es für manches offenbar eine Katastrophe braucht, damit sich etwas ändert. Aber ich hoffe, jetzt beginnt eine andere Zeit.“

hki

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