Thema oft noch Tabu

Münchnerin gründet erste Selbsthilfegruppe für Opfer sexualisierter Gewalt

Selbsthilfezentrum
+
In der Selbsthilfegruppe können sich Betroffene über die Herausforderungen des Alltags austauschen.
  • Sabina Kläsener
    vonSabina Kläsener
    schließen

Eine selbst betroffene Münchnerin hat eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, gegründet. Sie will anderen helfen und das Thema enttabuisieren.

  • Jede siebte Frau in Deutschland ist von sexualisierter Gewalt betroffen; nach Schätzungen bringt jedoch nur jede zehnte oder 20. Frau die Tat zur Anzeige.
  • In der Münchner Opferambulanz können Betroffene Spuren sichern lassen, auch wenn sie nicht wissen, ob sie Anzeige erstatten wollen.
  • Der Münchner Frauennotruf engagiert sich mit seiner Kampagne „SPEAKUP“ für die Enttabuisierung des Themas.

Jede siebte Frau in Deutschland ist von sexualisierter Gewalt betroffen. Das hat eine Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ermittelt.

Frauen wie Tina, Anfang 30, die anonym bleiben möchte. Tina fällt es nicht leicht, ihre Geschichte zu erzählen, sie abzugeben, sie atmet schwer. „Ich weiß nicht, wie die Leute reagieren.“ Vor rund neun Jahren änderte sich ihr Leben, sie wird Opfer sexualisierter Gewalt. Als Opfer möchte sie sich selbst nicht bezeichnen: „In dieser Situation war ich es. Aber das definiert mich nicht allumfassend.“

Im Nachhinein sei sie erschrocken, wie sie mit der Tat umgegangen sei. „Ich bin reflektiert, intelligent, aber habe mich ohnmächtig gefühlt.“ Zwei bis drei Wochen braucht sie, bis sie es jemanden erzählen konnte. „Da war es für mich zu spät für eine Anzeige – ich hätte nichts mehr nachweisen können.“ DNA-Spuren lassen sich laut BMFSFJ nur innerhalb von 72 Stunden zuverlässig sichern. Beispielsweise in der Münchner Opferambulanz, Nußbaumstraße 26. Dort können Beweise gesichert werden, auch wenn die Betroffene nicht sicher ist, ob sie Anzeige erstatten will.

Tinas Sorge: durch Anzeigenaufnahme und Gerichtsprozess retraumatisiert zu werden. „Das kann passieren, wenn man sich der Situation hilflos ausgeliefert fühlt“, erklärt Franziska Offermann, Fachberaterin vom Trauma Hilfe Zentrum (siehe Kasten).

Münchner Selbsthilfegruppe: Opfer fühlen sich oft ohnmächtig, kennen die Täter - viele Fälle werden nicht zur Anzeige gebracht

Im Sicherheitsreport der Münchner Polizei sind 324 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder sexuellem Übergriff im besonders schweren Fall für 2020 aufgeführt. In Fachkreisen gehe man laut Frauennotruf davon aus, dass nur jede 10. oder jede 20. betroffene Frau die Tat zur Anzeige bringe.

Tina hat jetzt die erste Münchner Selbsthilfegruppe für Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, gegründet. Dieser Begriff drückt aus, dass die Gewalt im Fokus ist, Sexualität die Waffe. „Ich bin selbst überrascht, dass die Gruppe zu diesem Zeitpunkt schon so gut funktioniert.“

Am Anfang können persönliche Treffen stattfinden, dann im Internet. Wenn es die Bedingungen zulassen, gibt es feste Räumlichkeiten im Selbsthilfezentrum in der Westendstraße (Kontakt: Telefon 53 29 56 11).

Vor einem Treffen telefoniert Tina mit den Interessierten. „Sie sind dankbar, dass es so etwas gibt. Auch weil es gut tut, erzählen zu können, ohne viel erklären zu müssen.“ Ein wichtiger Punkt im Vorgespräch: sich nicht gegenseitig zu triggern. Daher ist die Gruppe nur in Begleitung zu oder nach einer abgeschlossenen Therapie gedacht. Rückblickend sagt Tina: „Der größte Schaden war, dass ich die Symptome nicht beachtet habe.“ Dazu zählten Schlaflosigkeit und Flashbacks, dass sie sich nicht mehr sicher fühlte, woraus Zwänge entstanden wie zu überprüfen, ob die Wohnungstür wirklich mehrfach abgeschlossen ist. Sie entwickelt eine Posttraumatische Belastungsstörung. Drei Jahre später beginnt sie eine Therapie, begleitet von ihrem Freund, mit dem sie heute verheiratet ist.

Über sexualisierte Gewalt zu sprechen – „ein großes Tabu.“ Das merke Tina auch privat. Es sei schambesetzt, für Betroffene wie Angehörige. Der Münchner Frauennotruf will das mit seiner neuen Kampagne „SPEAKUP“ ändern.

Dabei wolle man nicht über Gewalt sprechen. „Wir wollen die Öffentlichkeit aufrütteln. Das Thema Gewalt geht alle etwas an. Nur die Hälfte der Betroffenen von sexueller Gewalt spricht über das Erlebte. Damit sich das ändert, müssen die betroffenen Frauen sicher sein, dass ihnen geglaubt wird und dass sie ernst genommen werden“, erklärt Maike Bublitz, Geschäftsführerin vom Frauennotruf.

Der Kampagne gelingt es, eine Ahnung zu vermitteln, wie schrecklich und demütigend es ist, vergewaltigt zu werden. Mit den Beiträgen in den sozialen Medien, jeweils mit einer Triggerwarnung versehen, wolle man das Thema in das öffentliche Bewusstsein bringen und den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel anstoßen.

Franziska Offermann ist Fachberaterin beim Trauma Hilfe Zentrum.

Triggern und Retraumatisierung

Wenn über sexualisierte Gewalt gesprochen oder berichtet wird, sollen Betroffene nicht getriggert werden. „Das kann durch detaillierte Schilderungen von Ohnmachtserleben, Hilfslosigkeit sowie jegliche Darstellung von Gewalt passieren“, erklärt Franziska Offermann, Fachberaterin beim Trauma Hilfe Zentrum. Auch andere Dinge im Außen können Betroffene an die Situation erinnern, doch die habe man nicht in der Hand. „Eine Retraumatisierung kann dann stattfinden, wenn Betroffene die gleiche Ohnmacht und Hilflosigkeit innerlich wieder erleben, ohne die Gewissheit zu haben, dass es jetzt Halt und Unterstützung gibt.“

Eine Anzeige zu stellen kann retraumatisieren, da die Erinnerung möglichst detailliert hochgeholt werden muss, die Sorge aufkommen kann, dass einem nicht geglaubt wird und wenn man sich alleine fühlt. „Dann kann das genauso unheilvoll und überwältigend empfunden werden wie die ursprüngliche Tat.“

Opfer und Täter kennen sich oft, das mache eine Anzeige schwierig. Von einer fremden Person ins Gebüsch gezogen zu werden, ist die Ausnahme, nicht die Regel. „Ein erster Impuls kann sein, so zu tun, als ob nichts gewesen wäre.“

Was Anzeige und Gerichtsprozess erschwere: „Sexualisierte Gewalt kann ein Psychotrauma auslösen und so die Stressverarbeitung im Gehirn beeinträchtigen“. Da könne es passieren, dass nicht alles glasklar geschildert werden kann oder sich Widersprüche ergeben. „Es heißt aber auch ‚im Zweifel für den Angeklagten‘ – ein Dilemma.“ Im Prozess fehle oftmals das angemessene Umfeld, da zu wenig Zeit und personelle Ressourcen zur Verfügung stünden.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

„CovPass“: Der digitale Corona-Impfpass startet schrittweise ‒ Wie der Nachweis für die Impfung funktioniert
„CovPass“: Der digitale Corona-Impfpass startet schrittweise ‒ Wie der Nachweis für die Impfung funktioniert
Corona-Einsätze wegen ausgelassener Stimmung und Menschenmengen ‒ Polizei räumt Party-Hotspots in München
Corona-Einsätze wegen ausgelassener Stimmung und Menschenmengen ‒ Polizei räumt Party-Hotspots in München
Corona-Test in München und im Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann
Corona-Test in München und im Landkreis – Wo man sich in der Stadt testen lassen kann
Allianz Arena wird für die Fußball-Europameisterschaft in München umbenannt
Allianz Arena wird für die Fußball-Europameisterschaft in München umbenannt

Kommentare