Von wegen Notbetreuung

München: Kita-Rückkehr für alle? Offiziell müssen Kita-Kinder daheim bleiben – die Praxis sieht anders aus

Hohe Nachfrage nach Notbetreuung
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Keine Seltenheit: Volle Kita-Garderoben trotz Lockdown.
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Notbetreuung für 90 Prozent der Kinder? Was in manchen Münchner Kindertagesstätten Alltag ist, alarmiert Gewerkschaften. Welche Forderung und Risiken das mit sich bringt

  • Wegen der Corona-Pandemie bieten Münchens Kindertagesstätten derzeit bloß eine Notbetreuung an.
  • In manchen Einrichtungen sind dennoch bis zu 90 Prozent der Kinder vor Ort.
  • Eine Expertin erklärt, welches Risiko das mit sich bringt.

Um Corona-Infektionen einzudämmen, bieten Münchner Kitas – wie alle in Bayern – derzeit nur eine Notbetreuung an. Nutzen kann diese aber praktisch jeder. Einen speziellen Nachweis braucht es nicht. Deshalb schlägt Verdi jetzt Alarm: „Viele Kita-Beschäftigte fühlen sich im Stich gelassen“, erklärt Merle Pisarz, Gewerkschaftssekretärin des Bezirks München und Region. Von „Notbetreuung“ könne nicht mehr gesprochen werden. Zum Schutz der Mitarbeiter fordert die Gewerkschaft deshalb verpflichtende Nachweise vom Arbeitgeber.

München: Trotz Notbetreuung sind zum Teil bis zu 90 Prozent der Kinder vor Ort

Alina Müller (Name geändert), Leiterin einer Münchner Kindertagesstätte, bestätigt: „Normalerweise kommen 47 Kinder in unsere Einrichtung. In der Notbetreuung sind es aktuell 35.“ Kein Einzelfall: In den städtischen Einrichtungen nehmen derzeit etwa 46,7 Prozent eine Notbetreuung in Anspruch, erfuhr Hallo auf Nachfrage. In manchen Fällen werden aktuell sogar 90 Prozent der Kinder betreut. Bei solchen Zahlen wäre es Müller lieber, man würde die Kitas gleich wieder für alle öffnen. „Das macht kaum ein Unterschied.“ Außerdem gebe es ja ein Hygienekonzept.

Notbetreuung in München: Das fordert der Verband für Kita-Fachkräfte Bayern

Veronika Lindner vom Verband für Kita-Fachkräfte Bayern kennt beide Seiten: „Die meisten unserer Kollegen würden es begrüßen, wieder mit allen Kindern arbeiten zu können.“ Dazu brauche es aber erst klare und einheitlichere Regelungen zum Schutz aller. „Unter den derzeitigen Umständen erleben wir es überwiegend, dass die pädagogischen Mitarbeiter über jedes Kind froh sind, das zu Hause betreut werden kann, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren.“ Zur Verbesserung der Situation fordert der Verband deshalb verpflichtende regelmäßige Tests für Personal und Kinder – auf kindgerechte und spielerische Art.

München: So groß ist das Corona-Ansteckungsrisiko in Kindertagesstätten

Doch wie groß ist das Ansteckungsrisiko in Kitas tatsächlich? Bis zum 26. April gab es insgesamt 102 bestätigte Infektionsfälle in 82 Münchner Einrichtungen – darunter 53 Erzieher und 49 Kinder. Das Helmholtz Zentrum München hat in einer neuen Studie allerdings herausgefunden, dass während der zweiten Welle drei- bis viermal mehr Kinder in Bayern mit SARS-CoV-2 infiziert waren, als über PCR-Tests gemeldet. „Etwa die Hälfte der Schulkinder und über 60 Prozent der Vorschulkinder haben keine Symptome“, erklärt Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler.

Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler

Die Studie hat außerdem gezeigt, dass am Ende der zweiten Welle etwa achtmal mehr Kinder Antikörper gegen das Coronavirus aufgewiesen haben, als es am Ende der ersten Welle der Fall war. „Bis zum Beweis des Gegenteils würde ich davon ausgehen, dass Kinder auch zum Infektionsgeschehen beitragen“, erklärt Ziegler. Wie konkret der Betrieb von Kitas in das Infektionsgeschehen hineinspielen – auch unter Berücksichtigung von Voll- und Notbetreuung – wurde in der Studie nicht untersucht. Dennoch betont sie: „Distanz, die Gruppengröße und die Anzahl der Kontakte haben natürlich einen Einfluss auf das Infektionsgeschehen.“

Kommentar: Eltern in doppeltem moralischen Dilemma

„Eines vorneweg: Dass nicht immer für alles eine Bescheinigung verlangt wird, ist – gerade in diesen Zeiten – ein wohltuender Pragmatismus, der vielen Familien in für sie extrem belastenden Zeiten entgegen kommt. Dass dieses Angebot aber von vielen ausgenutzt wird – unter anderem von Eltern, die aktuell in Elternzeit sind! – stellt nicht nur die Toleranz der Erzieher auf die Probe. In einem doppelten Dilemma befinden sich die, die sich jeden Tag zerreißen, um ihr Kind daheim zu betreuen. Der Stress für sich selbst wäre noch zu verkraften. Viel belastender ist die Frage: Tue ich meinem Kind einen Gefallen, wenn fast alle anderen aus seiner Gruppe auch weiterhin in den Genuss der wirklich hervorragenden Arbeit der Erzieher vor Ort kommen und sich über Monate hinweg in Sachen Gruppendynamik und Sozialverhalten weiterentwickeln, während der eigene Filius bei den Inzidenz-abhängigen Kurz-Gastspielen langsam zu einer Art Besucherkind wird? Hier ist eigentlich nicht die Politik, sondern die Vernunft und Solidarität der anderen Eltern gefragt! Auf die letzten zehn Prozent kommt es sonst nämlich wirklich nicht mehr an.“

Marco Litzlbauer, Redaktionsleiter

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