„Überall herrschte Panik“

Kriseninterventionsteam-Mitarbeiter erinnert sich an Abend des OEZ-Attentats

Am Denkmal des rassistischen OEZ -Attentats finden am 22. Juli Gedenkveranstaltungen statt.
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Am Denkmal des rassistischen OEZ -Attentats finden am 22. Juli Gedenkveranstaltungen statt.
  • Benedikt Strobach
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Vor genau fünf Jahren sorgte ein Attentäter am OEZ für Angst und Schrecken. Neun Menschen kamen damals um, viele mussten seelisch betreut werden. Christian Boenisch kümmerte sich um genau diese Menschen.

  • OEZ Attentat jährt sich zum fünften Mal
  • Seelsorger erinnert sich an seine Einsätze
  • Wie ein Traum zum Teil des Lebens wird

Stunden voller Panik, ein Abend geprägt von Ungewissheit und Jahre der Aufarbeitung. Der 22. Juli 2016 hat in der Stadt Spuren hinterlassen. Der Tag, an dem ein 18-Jähriger aus rechtsextremistischen Motiven am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in Moosach neun Menschen erschoss und sich später selbst tötete. Das Attentat jährt sich heuer zum fünften Mal. Damals vor Ort: Christian Boenisch.

Christian Boenisch hat sich nach dem OEZ-Attentat um die seelische Betreuung betroffener Personen gekümmert.

Der 62-Jährige ist Geschäftsführer des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) in München und Mitglied von dessen Kriseninterventionsteam (KIT). Das KIT ist eine Einheit aus etwa 40 ehrenamtlichen Einsatzkräften zur Behandlung von Menschen, die nach einem Notfall unter starker seelischer Belastung stehen. Als gegen 18 Uhr die ersten Notrufe eingingen, begann auch ihre Arbeit – in ganz München. „Aufgrund der vielen Falschinformationen – Schüsse seien am Stachus oder im Hofbräuhaus gefallen – mussten wir viele Orte ansteuern. Ich selbst bin mit einem Kollegen zum Hauptbahnhof gefahren, um mich dort bei der Polizei über die Lage zu erkundigen.“

OEZ-Attentat vor fünf Jahren: KIT-Mitarbeiter mussten 1000 Personen betreuen

Erst um 22 Uhr ging es für Boenisch zum OEZ. „In der Stadt herrschte viel Panik. Überall waren Menschen, die Hilfe suchten“, beschreibt er. Allein in der ersten Nacht haben die 40 KIT-Einsatzkräfte verschiedener Hilfsorganisationen über 800 Menschen betreut. Doch damit endete die Arbeit des KIT nicht: „In den ersten sieben Tagen nach dem Attentat hat das KIT-München weit über 1000 Personen betreut und unterstützt.“

Es habe aber noch ein Jahr gedauert, bis die Anfragen von Betroffenen, die von akuten Probleme berichteten, aufhörten: „Eine Frau hat etwa bei uns angerufen, weil sie sich nicht mehr zur Arbeit traute. Sie müsse nämlich mit der U-Bahn zu ‚diesem Ort’ fahren. Auch ihr konnten wir helfen, indem wir sie in eine Einrichtung der Münchner Regelversorgung vermittelten. Auch an Schulen haben wir mit vielen Lehrern gesprochen, die nicht wussten, wie sie den Kindern das Geschehene erklären sollen.“

Auch bei ihm habe die Tat, wie bei vielen Menschen, Spuren hinterlassen. „Ich frage mich jedes Jahr, wie Menschen aus solch abgrundtiefem Hass handeln können und erlebe durch die Anschläge und Verbrechen, die seit diesem Tag immer wieder stattgefunden haben, dass diese Gefahr immer noch bestehen kann.“ Dennoch ist sich der 62-Jährige sicher: „Solche Traumata sind behandelbar.“ Gerade in München gebe es „hervorragende Angebote der Regelversorgung“. Niemand müsse sein Leben lang damit kämpfen und erkranken. „Irgendwann wird das Ereignis ein Teil deines Lebens.“

Kommentar: „Werden es nie verstehen, dürfen es nie vergessen“

Jeder Münchner erinnert sich noch genau daran, wo er am 22. Juli 2016 war. Wir haben wahrscheinlich alle damals mit Familie und uns wichtigen Menschen Kontakt gehabt, um sicherzugehen, dass sie wohlauf sind. Jeder von uns ist durch die Tat auf eine bestimmte Weise gezeichnet. Dennoch sind wir Privilegierte. Denn: Niemand wird je den Schmerz spüren, den die Menschen tagtäglich erleben, deren Geliebte damals innerhalb von Sekunden von ihnen gerissen wurden. Die Angst der Verletzten und der unmittelbar Anwesenden, die zuschauen mussten, als eine Waffe feuerte und Leben nahm. Wir sollten nicht versuchen, das zu verstehen. Weil wir es nicht können. Aber wir dürfen nie vergessen. Weder die Namen der neun Opfer: Armela, Dijamant, Sabina, Can, Giuliano, Selcuk, Chousein, Janos und Sevda. Noch den Hintergrund der Tat: Rassismus und Rechtsextremismus. Wenn wir vergessen, ebnen wir den Weg für weitere Taten wie diese. Aus reinem Hass und aufgrund eines verkommenen Weltbilds. Gegen Menschen, die nichts dafür können. Die das Leben ebenso verdient haben, wie jeder andere.

Benedikt Strobach, Redaktion

Gedenken am 22. Juli: Das sind die Pläne

Am 22. Juli sind mehrere Veranstaltungen in Moosach geplant:

Die zentrale Gedenkveranstaltung der Stadt findet um 13 Uhr am Denkmal am OEZ statt. Gemeinsam mit OB Dieter Reiter und Ministerpräsident Markus Söder erinnern die Opferfamilien an die Tat.

Um 17 Uhr veranstaltet der Bezirksausschuss Moosach ebenfalls eine Gedenkveranstaltung am Denkmal. Die Opferfamilien hatten sich eine Veranstaltung zur Tat-Zeit gewünscht. Sie gedenken gemeinsam mit BA-Vorsitzendem Wolfgang Kuhn und Alt-OB Christian Ude den Verstorbenen. Dabei wird auch der vom BA produzierte Film „Moosach ist bunt“ (grauer Kasten) gezeigt. Ein interreligiöses Gebet wird zur Tat-Zeit von einer Schweigeminute unterbrochen.

BA präsentiert Film „Moosach ist Bunt“

Für die vielen Verletzten und die Familien der neun Opfer hat sich das Leben nach dem OEZ-Attentat für immer verändert. Die Moosacher sehen die Betroffenen. Entschlossen blicken im dreiminütigen Film von Bernhard Hölbling und Philip Montasser, der Hallo vorliegt, nacheinander rund 50 von ihnen, unter anderem Feuerwehrmänner, eine Schülerlotsin und ein Footballspieler, in die Kamera. Sie übermitteln ohne Worte: „Wir vergessen euch nicht.“ Zum Schluss fließen alle Beiträge zusammen und bilden die Botschaft „Moosach ist bunt“ – gegen Rassismus und Rechtsextremismus, für Vielfalt und Zusammenhalt.

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