Halbrunder Geburtstag und Ausstellungseröffnung

Zwei der letzten Shoah-Überlebenden Münchens kämpfen für aktives Gedenken an den Holocaust

Zwei starke wie lebensfrohe Frauen: Ruth und Gabriella Meros in ihrem Stammcafé „Franca“.
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Zwei starke wie lebensfrohe Frauen: Ruth und Gabriella Meros in ihrem Stammcafé „Franca“.

München: Mit 85 noch lange nicht fertig und eine Geschichte, die zusammenschweißt.

Sie ist hier und bleibt hier. Ihr Leben lang hat Charlotte Knobloch gekämpft – erst ums Überleben, dann um ein würdiges Erinnern an die Verbrechen an den Juden und für Synagoge und Gemeindezentrum im Herz der Stadt. 

Am 29. Oktober feiert die gebürtige Münchnerin und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ihren 85. Geburtstag. Warum das kein Grund für sie ist, in den Ruhestand zu gehen, was sie noch für Pläne hat, verrät sie im Hallo-Interview. Maren Kowitz

Frau Knobloch, wie werden Sie Ihren 85. Geburtstag feiern?
Ich habe nichts geplant. Ich lasse mich gerne überraschen – sowohl von meiner Familie als auch von gewissen offiziellen Jubiläumsfeierlichkeiten.
Was ist Ihr größter Wunsch?
Dass der liebe Gott meine Familie beschützt und dass wir weiterhin so zusammenhalten.
Was ist Ihr Lebenswerk?
Die Errichtung der Synagoge, des Gemeindezentrums und des Jüdischen Museums 2006. Dafür habe ich 20 Jahre gekämpft – mit meinen hervorragenden Mitstreitern, insbesondere dem Alt-OB Ude und dem Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Ich hätte nie gedacht, dass das Zentrum am St.-Jakobs­platz auch eine Initialzündung für ganz Deutschland sein wird. Viele Städte haben sich danach Gedanken gemacht, bestehende Synagogen renoviert oder neue gebaut.
Ist jüdische Kultur in München wieder ganz normal?
Zumindest kann niemand mehr wie früher sagen, dass er nicht wusste, dass es so ein reges jüdisches Leben in München gibt. Wir sind da und wir bleiben. Durch die Synagoge in der Innenstadt kommen wir in den direkten Dialog mit vielen Münchnern, wir bieten Führungen durch die Synagoge an. Das Interesse der Menschen ist enorm.
Wovon träumen Sie?
Von Normalität. Wir haben bereits aus einem Nebeneinander ein Miteinander gemacht – wie am Montag, als alle Religionen sich vor der St. Michaelskirche zu einem gemeinsamen Friedensgebet getroffen haben. Das ist die Grundlage für die Zukunft.
Sie sind seit 32 Jahren Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Denken Sie ans Aufhören?
Vielleicht mache ich die 35 Jahre voll, vielleicht werden es noch mehr – das entscheide ich nicht allein. Ich hoffe, der liebe Gott gibt mir noch so viel Kraft, dass ich weiterhin für einen aufgeklärten Patriotismus und für Demokratie kämpfen kann.
Wie bewerten Sie den Einzug der AfD in den Bundestag?
Die Bevölkerung kann sich glücklich schätzen, in einem freien, demokratischen Land zu leben und muss Sorge tragen, dass es in Zukunft keine andere Richtung einschlägt. Wir brauchen die Zivilcourage der Menschen nötiger denn je.
Welches Projekt wollen Sie noch angehen?
Wir planen aktuell ein Seniorenheim für die Kultusgemeinde im Prinz-Eugen-Park. Und ich will eine kluge Erinnerungskultur zukunftssicher machen. Nur wer weiß, was in unserem Land geschehen ist, ist gefeit dagegen, dass es noch einmal passiert.

Geschichte, die zusammenschweißt

Selbstgebackener Kuchen, verspieltes Sofa, ein Rosenstrauß auf dem Tisch: Wenn Ruth Meros (95) zum Gespräch lädt, dann ins Café „Franca“ in Schwabing. Ihrem „zweiten Wohnzimmer“, wie Tochter Gabriella sagt. Mehrmals die Woche ist ihre Mutter dort zum Kaffeklatsch mit Familie und Freunden anzutreffen. „Wenn man sieht, was sie in ihrem Alter noch alles macht, ist das beeindruckend“, findet Gabriella Meros. So beeindruckend, dass die professionelle Mode- und Reportage-Fotografin dem Alltagsleben ihrer Mutter nun eine eigene Ausstellung widmet: „Ma“.

250 Handyfotos, die ursprünglich als persönliche Erinnerung gedacht waren, werden nun öffentlich – gemeinsam mit Statements der bis heute politisch interessierten 95-Jährigen zu Politik, Gesellschaft, Antisemitismus. Denn dazu hat die gebürtige Münchnerin als eine der letzten jüdischen Shoah-Überlebenden der Stadt jede Menge zu sagen. Seit Jahren geht sie in Schulen, erzählt dort ihre Geschichte. „Es ist mir wichtig, dass vor allem Jugendliche von der Zeit erfahren, damit sich die Menschen nie wieder abhängig machen und sich dazu verleiten lassen, keine eigene Meinung zu haben“, sagt sie.

Auch ihrer Tochter hat Ruth Meros, sobald diese die Ereignisse verstehen konnte, alles erzählt: Wie sie als einzige Jüdin im Lyceum von Mitschülern und Lehrern ausgegrenzt wurde. Wie sie in der „Reichs­pogromnacht“ als Kindergarten-Praktikantin die angrenzende Synagoge brennen sah. Wie ihr Vater verhaftet und ins KZ Dachau gebracht wurde. Wie ihre Familie 1939 mit dem letzten Schiff von Venedig aus nach Tel Aviv entkam. Und wie sie in den 60er-Jahren nach München zurückkehrte.

„Ich hab mich da jahrelang herausgehalten“, gibt Tochter Gabriella Meros zu. „Aber seit ein paar Jahren nimmt der Antisemitismus von links wie rechts wieder zu. Es ist eine große Unsicherheit entstanden. Deswegen ist mir unsere Geschichte inzwischen auch sehr wichtig.“ Im Mai 2016 hat sie den Verein „Respect & Remember Europe“ gegründet, dem ein aktives Gedenken an den Holocaust am Herzen liegt – unabhängig von den umstrittenen „Stolpersteinen“. Die Initiative dafür kam wiederum von ihrer „Ma“, die auch die jetzt von der Stadt München vorgeschlagenen Gedenktafeln und -stelen als „den Stolpersteinen zu ähnlich“ ablehnt.

Mutter und Tochter teilen aber nicht nur ihre politischen Ansichten. Ob Kino oder Kunstausstellung: „Wir haben bei vielem den gleichen Geschmack“, so Ruth Meros.

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„Ma. Eine sehr persönliche Ausstellung über Ruth Meros“ ist von Mittwoch, 25., bis Sonntag, 29. Oktober, jeweils 12 bis 19 Uhr im „By Prinzip“, Münchner Freiheit 7, zu sehen.

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