Dem Todesurteil entkommen

Welt-Aids-Tag: Münchner erzählt vom Leben mit dem HI-Virus

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Ernst H.: 69 Jahre, erlebnishungrig, Gutmensch – und HIV-positiv. Das Foto entstand für die Ausstellung „Mein positiver Tag“, welche ab 30. November im Schwulenzentrum zu sehen ist.

München: „Wer HIV-positiv ist, ist nicht automatisch ein Todgeweihter.“

Eigentlich hat Ernst H. mit dem Rauchen aufgehört. Jetzt nimmt er doch eine. „Aber nur noch ab und zu. Ausschließlich des Genusses wegen“, sagt er zwinkernd. Darauf, dass er seinen 70. Geburtstag im Februar erleben wird, hätte er vor 32 Jahren keinen Pfennig gewettet.

1985 erfuhr er, dass er HIV-positiv ist. Er war wegen eines Abszesses an der Lippe über Nacht im Krankenhaus und wurde ohne sein Wissen auf HIV getestet – damals war das aufgrund der Gesetzeslage noch möglich. Die Diagnose war ein Schock. Ernst H. dachte, er würde seinen anstehenden 37. Geburtstag nicht mehr erleben. „Damals kam das einem Todesurteil gleich. Es war eine schlimme Zeit, ich war nicht der Einzige. Freunde und Bekannte starben reihenweise weg, statt auf Partys waren wir auf Beerdigungen“, erzählt er. 1987 verlor er seinen Arbeitsplatz an einem Münchner Theater, seine Kollegen wollten nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten. Sie hatten Angst.

„Heute sind HIV und Aids keine brisanten Themen mehr. Doch noch immer verschweigen Betroffene ihre Krankheit. Um ihren Arbeitsplatz nicht zu verlieren, um Familie und Freunde nicht zu verlieren“, sagt Ernst H. Doch man müsse mutig sein, mutig bleiben und anderen Mut machen. Auch er hat sich aufgerappelt. Von der Organisation von Gesprächskreisen und Treffen mit Betroffenen, über die Gründung und Leitung des Café Regenbogen in der Lindwurmstraße bis zu einer kurzen Vorstandstätigkeit in der Aidshilfe. „Anderen zu helfen, hat mir geholfen. Das war mein Weg.“

Heute sitzt Ernst H. vor Tee und Keksen in seiner Wohnung im Westend und erzählt fesselnde Geschichten. Mal handeln sie von HIV, mal sind es einfach Geschichten eines Mannes, der viel erlebt hat. Aus dem Stegreif trägt er mit blitzenden blauen Augen ein Gedicht über das Leben mit dem HI-Virus vor. Sein verstorbener Lebenspartner hatte es verfasst. Er war nicht HIV-infiziert, er starb an den Folgen von Parkinson. Irgendwann möchte Ernst H. noch ein Buch mit Lyrik herausbringen.

Er, der gelernte Gärtner und Blumenbinder, Schauspieler und Künstler. Er hat gelebt und tut es noch immer. „Ich hatte eine reiche Zeit, ein tolles Leben.“ Ob es anders verlaufen wäre, ohne die Diagnose? „Ach, vielleicht wäre ich beruflich erfolgreicher gewesen. Vielleicht aber auch nicht“, sagt er und streichelt seine Katze. Er nennt sie „die Außerirdische“, wegen den riesigen Augen und der platten Nase. „Vor ihr hatte ich nur normale Hauskatzen – so etwas war ich nicht gewohnt“, sagt er lachend. Aber was sei schon normal.

Ernst H. wünscht sich, dass es irgendwann für die Gesellschaft normal ist, jedem mit Menschlichkeit zu begegnen. „Nur weil man HIV-positiv ist, ist man nicht automatisch ein Todgeweihter. Nicht mehr“, erklärt Ernst H.. Er selbst begann erst nach zwei Jahrzehnten mit einer Medikation. Warum, das kann er gar nicht mehr so richtig erklären, doch die Forschung stand erst am Anfang. Der medizinische Durchbruch kam 1996 mit der Kombinationstherapie. Heute liegt die Virenmenge im Blut von Ernst H. unter der Nachweisgrenze. Er gilt als nicht ansteckend. D. Borsutzky

Angebote in München zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember

• Am Dienstag, 28. November, findet ein Diskussionsabend zum Thema „Kennzeichnung infizierter Menschen bei der Polizei“ im Raum M118 der LMU, Geschwister-Scholl-Platz 1, statt. Beginn ist um 19.30 Uhr.

• Ein Lichterzug unter dem Motto „Wir leben, wir gedenken“ beginnt am Freitag, 1. Dezember, ab 18.30 Uhr am Max-Joseph-Platz vor der Staatsoper und führt zur St. Lukas Kirche, Mariannenplatz 3.

• Die S-Bahn München beteiligt sich mit einer Sonderfahrt – die Erlöse daraus gehen an die Münchner Aids-Hilfe. Eine S-Bahn der „Olympia“-Baureihe ET 420 fährt am Samstag, 2. Dezember, vom Ostbahnhof nach Augsburg und zurück. Mitarbeiter der Münchner AIDS-Hilfe informieren an einem Infostand über ihre Arbeit. Kosten: 15 Euro, Kinder unter 15 Jahren können freiwillig eine Spende geben. Fahrkarten sind ausschließlich im Zug erhältlich.

Ausstellungen

Ernst H. ist Protagonist zweier Ausstellungen zum Thema HIV. Von Donnerstag, 30. November, bis Ende Dezember ist im Sub, Müllerstraße 14, die Ausstellung „Mein positiver Tag“ zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, jeweils ab 19 Uhr, Samstag ab 20 Uhr, Sonntag ab 15 Uhr.

Ebenfalls ab Donnerstag, 30. November, bis Ende Januar ist in der Stadtbibliothek Laim, Fürstenrieder Straße 53, die Ausstellung „Mein Leben!“ zu sehen.

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