So erlebten drei Münchner ihre Zeit auf der Straße

Das Tagebuch der Obdachlosen

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Uli Oesterle, Paul Huf und Lars Mentrup (v. li.) – nachdem sie drei Tage und drei Nächte auf der Straße verbracht haben.

Vor „Dallmayr“ betteln, Pfandflaschen sammeln, schlafen auf der TU-Anlieferungsrampe – so erlebten Uli Oesterle, Paul Huf und Lars Mentrup (v.li.) ihre Zeit auf der Straße. Drei Tage und drei Nächte verbrachten sie als Obdachlose in München. Wie es ihnen erging, ihre Erkenntnisse aus dem Kunst-Experiment, lesen Sie hier.

Fahl sehen sie aus und müde – drei Nächte auf der Straße haben an ihnen gezehrt. „Geschlafen haben wir die ersten beiden Nächte kaum – ich hatte ständig Angst, dass etwas passiert, bin bei jedem Geräusch hochgeschreckt“, schildert Lars Mentrup, der das Experiment gemeinsam mit Paul Huf und Uli Oesterle als Kunstprojekt startete (Hallo berichtete). „Außerdem war meine Jacke zu dünn, ich habe schrecklich gefroren.“ Die Kälte und der Regen am vergangenen Wochenende machten die Erfahrung noch härter als sie es erwartet hatten. „Diese Tage werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, betont Uli Oesterle. „Und ich werde noch lange jeden Mülleimer nach Pfandflaschen scannen.“ Der 50-jährige Comic-Zeichner hatte sich den beiden Künstlern bei ihrem Projekt „Infra_Beuys“ angeschlossen – aus sehr persönlichen Gründen. „Mein Vater war obdachlos, jetzt möchte ich das Erlebnis in einer graphic novel verarbeiten.“ Wie das Leben auf der Straße – ohne Geld, Handy und Uhr – war, schildern die Drei hier in Hallo München. mak

Dort haben wir geschlafen:

Die erste Nacht verbrachten wir in einem Arkadeneingang nördlich der Neuen Pinakothek der Moderne. Es hat nach Urin gestunken und wir hatten ständig Angst. Die zweite Nacht schliefen wir an der Anliefer­ungsrampe der TU-Mensa, da war es dunkel und trocken. Wir wollten in der dritten Nacht zu diesem Ort zurückkehren, aber dann stand ein Lieferwagen in der Einfahrt. Also übernachteten wir am Rückeingang der Glyptothek, direkt unter dem Schild „Campieren verboten!“. Das war die härteste Nacht, weil wir so gefroren haben.

Damit haben wir Geld verdient:

Ich (Paul Huf, Anm. der Redaktion) habe versucht, eine halbe Stunde zu betteln. Dazu habe ich mir ein Schild gemalt, auf dem stand: „Welche Religion ist die großzügigste?“, und mich vor den Dallmayr gesetzt. Aber das hat mein Stolz nicht lange ausgehalten. Dazu müsste ich mehr Demut lernen. Also haben wir Flaschen gesammelt, hingen bis zu unseren Schultern in Mülleimern. Eine PET-Flasche, auf die es 25 Cent Pfand gibt, war für uns wie ein Jackpot. So haben wir zu dritt in drei Tagen 31 Euro verdient.

Das haben wir gegessen:

Wir sind morgens zu St. Bonifaz, um eine heiße Suppe und einen Kaffee zu bekommen. Wir wussten nicht, wo das nächste Essen herkommt, doch Obdachlosen-Kollegen haben ihr Insider-Wissen mit uns geteilt, wann man wo sein muss, um noch etwas zu bekommen. Mittags sind wir in die Suppenküche von St. Anna. Abends sind wir mit unserem ersammelten Geld in den Discounter und haben das billigste Brot und die billigste Salami gekauft – und ein Einschlafbier.

So begegneten uns echte Obdachlose:

Ich (Lars Mentrup, Anm. der Redaktion) hatte im Hinterkopf, dass 2014 am Flaucher ein Obdachloser von anderen erschlagen worden ist. St. Bonifaz hatte immer Schlafplätze im Hof – dort war jetzt ein Schild, dass diese aufgelöst wurden, weil sie die Sicherheit der Obdachlosen nicht mehr garantieren können. Auch deswegen sind wir nachts immer in der Gruppe geblieben. Aber mit den meisten Obdachlosen-Kollegen haben wir gute Gespräche geführt – und auch Solidarität erfahren.

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