Wissenschaftliche Sensation:

Münchner belauscht Bakterien

Bakterien sprechen miteinander – und entfalten häufig erst dadurch ihre krankmachende Wirkung. Der Münchner Privatdozent Dr. Ralf Heermann hat jetzt sogar verschiedene Sprachen definieren können. Eine effektive und sogar sinnvollere Alternative zu Antibiotika könnte die Folge sein.

Was unsereins erstaunt, ist den Forschern bereits seit über 20 Jahren bekannt. Doch was die Fachwelt überrascht: Der Münchner Privatdozent Dr. Ralf Heermann (Foto) hat jetzt zusammen mit Dr. Helge Bode, Stiftungsprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt, einen neuen Kommunikationsweg der Bakterien entdeckt. „Übertragen ausgedrückt könnte man sagen: Bisher dachte man, dass sich Bakterien nur auf Englisch unterhalten, wir haben jetzt nachgewiesen, dass es auch Französisch und Deutsch gibt“, erklärt der Akademische Oberrat am Lehrstuhl für Mikrobiologie der LMU. Und so theoretisch Kommunikation bei Bakterien auch klingen mag, die Folgen dieser Entdeckung könnten schon in naher Zukunft weitreichende Auswirkungen haben. Hallo München sprach mit dem 42-jährigen Pasinger über Dialekte bei Bakterien und mögliche Folgen ihrer Entdeckung.

Herr Heermann, wie unterhalten sich Bakterien?
Man kann sich das vorstellen wie beim Menschen. Nur eben nicht über Schallwellen, sondern über chemische Prozesse. Weit verbreitet ist die Kommunikation über N-Acylhomoserinlakone. Das ist gewissermaßen das Englisch unter den Sprachen der Bakterien. Bisher wusste man nur, dass es davon gewissermaßen verschiedene Dialekte gibt. Wir haben 2013 eine zweite, und jetzt sogar eine dritte Sprache nachweisen können. Heißt: Artgenossen können sich verstehen, die anderen nicht.

Worüber unterhalten sie sich?
Hauptsächlich halten sie Absprache, um festzustellen, wie viele sie sind. Wir nennen diesen Vorgang „Quorum sensing“. Denn auch die Bakterien, die krank machen, halten sich zunächst zurück, weil es sich für sie erst lohnt, einen bestimmten Vorgang zu starten, wenn sie genügend sind, um damit auch eine Wirkung zu erzielen. Bakterien können so aber auch ihre Position bestimmen. Ist das Gewirr aus unterschiedlichen Sprachen und Dialekten besonders groß, wissen sie beispielsweise, dass sie sich an einem bakterienreichen Ort wie zum Beispiel dem Darm befinden.

Bakterien trauen sich also erst in der Masse.
So ist es. Und genau deshalb sind unsere Erkenntnisse auch von medizinischem Interesse. Die Kommunikationswege von Bakterien sind ein Ansatzpunkt für neue Medikamente. Unterbricht man die Kommunikation, bilden sie ihre Eigenschaften, die Krankheiten verursachen, nicht aus. Genau so funktioniert auch das alte Hausmittel von Knoblauch­extrakten. Knoblauch enthält viele Stoffe, die die Kommunikationswege der Bakterien unterbrechen.

Also lautet das Motto für die Zukunft nicht mehr Bakterien abtöten, sondern einfach mundtot machen?
Genau. Man verringert dadurch auch die Gefahr von Resistenzen, die es zum Beispiel bei der Einnahme von Antibiotika gibt. Tötet man alle Bakterien bis auf ein mutiertes – und damit resistentes – ab, hat dieses plötzlich ein Schlaraffenland, in dem es sich wunderbar vermehren kann. Verhindert man nur die Kommunikation, gibt es nach der Medikation keine neue ökologische Nische für die Bakterien. Es gibt genauso viele wie vorher, nur, dass sie nicht mehr schaden.

Wo wären möglich Anwendungsgebiete?
Beim Kloputzen, beim Reinigen von Abfüllanlagen der Brauereien oder beim Zähneputzen zum Beispiel. Denn die Bakterien, die Karies verursachen, bilden diesen schädlichen Film erst, wenn sie genügend sind. Unterbricht man die Kommunikation, bilden sie diesen nicht und könnten einfach mit einer Mundspülung herausbefördert werden.

Ab wann darf man auf entsprechende Mittel hoffen?
Die normale Entwicklungszeit wäre etwa zehn bis 15 Jahre. Die entsprechenden klinischen Studien, die dafür nötig sind, machen aber natürlich nicht wir, sondern das obliegt den großen Pharmaunternehmen. Ich kann also nicht versprechen, dass Zähneputzen wirklich bald überflüssig wird. Aber möglich wäre es!

von Marco Litzlbauer

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