Gerichts- Reporter Frank Jansen im Interview

Die Abgründe des NSU-Prozesses

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Rechter Terror vor Gericht: Beate Zschäpe (li.) im Gericht mit ihrem Anwalt Mathias Grasel.

München - Nach der Oscar-Enttäuschung des NSU-Dramas "Aus dem Nichts": Gerichts- Reporter Frank Jansen spricht mit Hallo über den Film und die Realität

Hallo hat mit Frank Jansen über die NSU-Prozesse gesprochen.

Kaum ein Journalist kennt den NSU-Prozess so gut wie Frank Jansen (kl. Foto). Der Tagesspiegel-Reporter war fast immer dabei, hat von seinem Stammplatz Beate Zschäpe, die Angeklagten, die Bundesanwaltschaft und die Richter beobachtet – und jeden einzelnen Prozesstag dokumentiert. Über vier­einhalb Jahre läuft das Verfahren im Oberlandesgericht, in dem sich Beate Zschäpe und vier Mit­angeklagte wegen Beihilfe zum Mord verantworten müssen. Der Prozess ist jetzt auch Thema des Films „Aus dem Nichts“ (siehe unten) von Fatih Akin, der mit Preisen überhäuft wurde, bei den aktuellen Oscar-Nominierungen aber leer ausging. Nicht die einzige Enttäuschung am Dienstag. Der 405. Prozess­tag wurde nach zwei Stunden abgebrochen, nachdem die Verteidiger von Ralf Wohlleben einen unerwarteten Beweisantrag gestellt haben, obwohl die Beweisaufnahme längst abgeschlossen war. Manöver wie diese haben den Prozess schon oft in die Kritik gebracht. In Hallo erklärt Frank Jansen seine Sicht:

Dauer des Prozesses: „Ich werde oft gefragt: ,Wie lange dauert das denn noch, lässt sich der Rechtsstaat an der Nase herumführen? Aber ich glaube, dass der Vorsitzende Richter Manfred Götzl das schon richtig macht. Er geht sehr akribisch vor, gibt manchmal auch Anträgen statt, die zweifelhaft sind. Auch wenn es dadurch länger dauert, wird die Gefahr, dass der Bundesgerichtshof das Urteil oder Teile des Urteils aufhebt, geringer.“

Beate Zschäpe: „Für viele ist sie die Ikone des Bösen. Ich habe hunderte Rechtsextremisten in Prozessen erlebt, aber selten so jemanden wie Zschäpe. Obwohl sie aussieht wie eine Büroangestellte, wirkt sie unheimlich. Und sie muss eine enorme Härte haben. Sie war fast 14 Jahre im Untergrund – mit zwei Mördern zusammen. Sie hat selbst ihre Wohnung in Zwickau angezündet und die Bekennervideos verschickt.“

Die Ermittler verdächtigten die Opfer, in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein

Opferfamilien: „Ich habe immer wieder im Prozess gemerkt, wie sehr die Opferfamilien leiden – nicht nur darunter, den Vater, Sohn, Bruder, Ehemann verloren zu haben, sondern auch darunter, wie sie nach den Taten von der Polizei drangsaliert worden sind. Die Ermittler gingen davon aus, dass die Opfer in kriminelle Machenschaften verwickelt und mitschuldig waren an ihrem eigenen Tod. Manche hatten versucht, es zu verdrängen, durch den Prozess kam das ganze Trauma wieder hoch. Es ist für manche auch eine Belastung, dass der Prozess so lange dauert.“

Bedrückende Momente: „Die gibt es im NSU-Prozess leider reichlich. Ich habe noch nie in so viele Abgründe geblickt. Zum Beispiel im Nürnberger Mordfall Abdurrahim Özüdogru. Ein Polizist erläuterte den Tatort. Man sah Fotos von dem Toten mit zerschossenem Gesicht und sagte mehrmals, wie unaufgeräumt und unordentlich die Wohnung war – obwohl das mit der Tat überhaupt nichts zu tun hatte... Oder im Fall des in München erschossenen Theodoros Boulgarides. Da rechtfertigte der Polizist Ermittlungen, ob die verlassene Ehefrau hinter dem Mord steckte, als seriöse Theorie. Schwer begreiflich, weil die Polizei zu dem Zeitpunkt schon wusste, dass es sich um einen Serienmord handelte. Und dann gab es die Zeugenaussagen von ehemaligen Nachbarn aus Sachsen, die Zschäpe als liebenswerten Menschen darstellten, und sich selbst als ausländerfeindlich zu erkennen gaben.“

Jansen erwartet Beate Zschäpes Urteil zwischen Ostern und Sommer

Überraschungen: „Die Bundesanwaltschaft hat für André E. zwölf Jahre Haft gefordert – deutlich mehr, als wir alle erwartet hatten. Genauso viel wie für Wohlleben, der die Mordwaffe besorgt haben soll, eine Ceska 83. Bei E. war der schwerwiegendste Vorwurf, dass er das Wohnmobil besorgt hat, mit dem Mundlos und Böhnhardt nach Köln zum ersten Sprengstoffanschlag gefahren sind.“

Urteil: „Das erwarte ich zwischen Ostern und Sommer. Ich glaube, es wird ein hartes Urteil geben und Zschäpe wird zu Lebenslänglich mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Das könnte mehr als 20 Jahre Haft bedeuten.“

Offene Fragen: „Wir wissen bis heute nicht, warum gerade diese Opfer ausgesucht worden sind. Wir wissen nicht, ob der NSU Helfer vor Ort hatte. Ich kann mir vorstellen, dass Zschäpe aus Lust an der Provokation gegen Ende mehr erzählt – vielleicht sogar die Wahrheit.“ Maren Kowitz

Wie nah dran ist „Aus dem Nichts“?

Im Film verliert Katja (gespielt von Diane Kruger) ihren Mann Nuri und Sohn Rocco bei einem Bombenanschlag.

Frank Jansen: „Regisseur Fatih Akin bringt die ohnmächtige Wut zum Ausdruck, die bei vielen Türken in diesem Land vorhanden ist – darüber, dass die Morde passieren konnten, dass die Polizei in die falsche Richtung ermittelt hat, dass im Prozess nicht alles aufgeklärt wird. Doch ich finde, die Gerichts­szenen sind grell überzeichnet. Und mich stört, dass zum Beispiel die letzte Einblendung so unpräzise ist. Da heißt es, der NSU habe zehn Menschen umgebracht, die wegen ihrer nichtdeutschen Herkunft sterben mussten. Das stimmt aber bei der erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter nicht.“

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