Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Thomas Höllmann (64), von A bis Z

Mission: Schluss mit Fachchinesisch

Thomas Höllmann soll frischen Wind in die Bayerische Akademie der Wissenschaften bringen.

Er ist der neue Chef der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: Thomas Höllmann (Foto). Die Akademie forscht, vernetzt Gelehrte und soll mit ihrem Fachwissen in Gesellschaft und Politik mitwirken. Als Präsident will Höllmann vor allem eines: verschiedene Disziplinen besser verbinden und sich weiter für ein breites Publikum öffnen. Denn: „Keiner will bei uns ein Elfenbeinturm der Bildungselite sein – die Zeiten sind längst vorbei.“ Deswegen bietet die Akademie am Hofgarten Workshops und Vorträge – zugänglich für jedermann. Gerade ist er mit der Vorbereitung des Tags der offenen Tür beschäftigt, der am 20. Mai stattfindet. Sein Fachgebiet ist die Sinologie: Der 64-Jährige kennt China wie kaum ein anderer. Seit 1972 verbringt er jedes Jahr mehrere Wochen dort, über die chinesische Küche hat er ein kulturhistorisches Buch verfasst. Die Kulinarik in Fernost ist für seinen niederbayerischen Gaumen durchaus abenteuerlich: Vom gespaltenen Kaninchenschädel bis zur Fledermaus hat sich der Professor an kuriose Gerichte gewagt. Was die Küche über das Land verrät, lesen Sie hier von A bis Z. Hanni Kinadeter

Abgase: Der Smog über chinesischen Städten ist ein echtes Problem und eine Gefahr für die Menschen, die dort leben. Ich bin jedes Jahr nur ein paar Wochen dort und komme immer etwas hüstelnd zurück – das gibt sich wieder.

Buch: Meine Frau und meine Söhne nennen es zwar Kochbuch, aber eigentlich ist „Schlafender Lotus, trunkenes Huhn“ eine Kulturgeschichte der chinesischen Küche. Mein Anliegen ist es, Wissen auf interessante Weise zu vermitteln. Die Kochkunst soll das Interesse wecken.

China: Man muss ein Land, mit dem man sich näher befasst, nicht unbedingt lieben, sollte aber die Menschen auf alle Fälle respektieren. Auch wenn ich mich mit der Geschichte beschäftige, brauche ich Bezug zur Gegenwart.

Denkweisen anderer Fächer zu kennen, ist wichtig. Geisteswissenschaftler sollten verstehen, wie Naturwissenschaften funktionieren – und umgekehrt. Das will ich in der Akademie vorantreiben.

Essgeräusche der Chinesen, Schlürfen oder Schmatzen, mögen wir als verstörend empfinden. Für Chinesen ist das nichts Ungewöhnliches.

Fettnäpfchen werden überschätzt. Das ist nicht so dramatisch: Wenn Chinesen sehen, dass sich jemand Mühe gibt, verzeihen sie das. Klassisches Fettnäpfchen ist etwa, sich in der Öffentlichkeit zu schnäuzen – das ist verpönt.

Garderobe: Den schlimmsten Fauxpaus habe ich nicht in China, sondern in England begangen: Auf der Einladung zu einem Empfang stand, man solle mit Black Tie kommen. Ich kaufte mir also eine schwarze Krawatte. Gemeint ist damit aber ein Smoking! So einen besitze ich nicht mal.

Hobbys halte ich für äußerst wichtig. Meines ist die Kunst, ich interessiere mich vor allem für moderne und zeitgenössische Kunst.

Igitt-Faktor: Manche Speisen in China zu essen, hat mich Überwindung gekostet. Zum Beispiel wurde mir einmal ein gespaltener Kaninchenschädel serviert – nicht gerade appetitlich.

Jung bleibe ich immer, weil ich am 29. Februar geboren bin und nur alle vier Jahre Geburtstag habe.

Konfuzius sagt: So heißt eine vierteilige Sendung, die vor ziemlich genau einem Jahr im BR lief. Dort habe ich mit einer Chinesin vor der Kamera über China gesprochen.

Lästig: Die Zensur in China ist anstrengend. Mein Buch über die Kulturgeschichte der chinesischen Küche wurde auch ins Chinesische übersetzt. Das hat mich aber viele Nerven gekostet. Zum Beispiel wurde gestrichen, wie viele Menschen bei der größten Hungersnot 1960 bis 1962 starben – es waren geschätzte 35 Millionen! Ich war kurz davor, das Projekt zu schmeißen.

Meine Eltern waren sogar erfreut, dass ich Sinologie studieren wollte. Zuvor wollte ich auf die Kunstakademie gehen. Dass das später keinen Broterwerb gewährleistete, wussten sie. Die Risiken des Sinologiestudiums kannten sie zum Glück nicht.

Niederbayern: Geboren und aufgewachsen bin ich in Niederbayern, in Eggenfelden. In München lebe ich seit 1972 – ich bin für das Studium hergezogen.

Oekonomische Kenntnisse allein reichen nicht, wenn man mit chinesischen Unternehmen zusammen arbeitet. Das wissen viele inzwischen und ist gut für uns Sinologen.

Professur: An der LMU habe ich bis Ende September noch einen Lehrstuhl für Sinologie inne. Danach bin ich hauptamtlich Präsident der Akademie der Bayerischen Wissenschaften.

Quote: Eine Frauenquote lehne ich ab, aber der Frauenanteil an der Akademie sollte größer werden – mindestens so hoch wie an den Universitäten. Es hat sich schon einiges getan, aber das reicht noch nicht.

Reformen an der Akademie haben intern für Unruhe gesorgt, meine Aufgabe ist es, wieder etwas Ruhe in die Einrichtung zu bringen. Ein großer Verdienst meiner Vorgänger ist es, dass die Akademie sich stark geöffnet hat.

Schoko hieß der Hund, den meine Frau und ich aus China mitgenommen haben – wegen der Farbe seines Fells. Der Welpe wäre sonst im Kochtopf gelandet, meine damalige Noch-Nicht-Frau war begeistert von dem Hund und wollte ihn retten.

Trump hat der chinesischen Regierung eine echte Steilvorlage gegeben. Die kann jetzt natürlich argumentieren: Schaut, was diese Demokratie alles anrichtet! Und somit ihr System bewerben. Mittelfristig könnte die geplante Abschottung der USA China von Nutzen sein.

Unesco: Involviert war ich bei zwei Expeditionen der Unesco an der Seidenstraße. Mich interessiert die chinesische Archäologie sehr.

Vokabular: Ein gebildeter Chinese beherrscht etwa 5000 Schriftzeichen. Ein Sinologe sollte das auch.

Wirtschaft: Unter dem Begriff neue Seidenstraße will China ein Kontinente übergreifendes Netzwerk schaffen. Deutschland beteiligt sich unter anderem an einer gemeinsamen Bank.

X-mal musste ich in einem Dorf, als ich bei einer chinesischen Minderheit lebte, Fledermaus essen – weil ich das Gericht einmal lobte, wurde es mir zweimal die Woche serviert! Furchtbar – die bestehen nur aus Haut und Knochen.

Yangzhou ist eine Stadt, in der reiche Händler früher Künstler und Gelehrte in ihre schönen Gartenanlagen einluden. Wie sie damals schon Kunst und Wissenschaft förderten, finde ich vorbildlich.

Zensur hat in China Tradition. Bei der Belletristik geht sie zurück bis ins zwölfte und 13. Jahrhundert. Für mich ist die Zensur heute ein Zeichen von Unsicherheit. Man muss aber sagen: Global betrachtet gibt es nur wenige Staaten, in denen es keine Zensur gibt.

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