Münchner Studenten entwickeln Smartphone-App

Zeitreise oder Spionage?

Münchner Studenten entwickeln Smartphone-App, mit der man die Vergangenheit speichern kann. Was junge Leute als Party-Gag feiern, stößt bei Verbraucherschützern auf große Skepsis.

Der Nachwuchs spricht sein erstes Wort, beim Jammen gelingt einem Musiker unverhofft die perfekte Melodie und bei einer Party haut der Nebenmann den dümmsten Spruch des Jahres raus. Doch bis man das Diktiergerät oder ähnliches parat hat, ist der entscheidende Moment längst vorbei. Das ändert sich mit der neuen App „SoundSnip“. Entwickelt haben diese die beiden Münchner Studenten Malte Bucksch (Foto) und Thomas Frisch. „Mit unserer App kann man rückwirkend Gespräche aufzeichnen – es ist quasi die erste funktionierende Zeitmaschine“, erklärt Bucksch. Doch was die ersten Nutzer bereits als technische Revolution feiern, treibt Verbraucherschützern Sorgenfalten auf die Stirn. 

Denn damit mittels Fingerdruck die letzten 60 Sekunden als Audiodatei gespeichert werden, muss die App bereits aktiviert sein. Sie zeichnet also permanent auf, behält aber nur die letzten 60 Sekunden im Speicher. Alles andere wird quasi vergessen. „So bleibt die Speicherkapazität, die gebraucht wird, im Gegensatz zu klassischen Diktiergeräten und ähnlichem verschwindend gering“, sagt Bucksch. Verbraucherschützer wie Katharina Grasl sehen die App allerdings ein wenig kritischer (s. unten). Da es schwer sei, zu beurteilen, ob nicht schon das Aufzeichnen im Hintergrund als Aufnahme zu werten sei, handle es sich mehr oder weniger um eine rechtliche Grauzone.

Bucksch, der im letzten Semester Wirtschaftsinformatik an der TU studiert, sieht das anders: „Wir haben uns bei mehreren Anwälten rückversichert. Die sind sich einig, dass die App keinen Spezialfall darstellt, sondern so zu werten ist wie normale Audiorekorder.“ Heißt: Erst wenn tatsächlich eine Audiodatei gespeichert wird, müsse man das Einverständnis der Aufgenommenen einholen. Auch datenschutzrechtlich gebe es keinen Grund zur Sorge: „Wir haben keinerlei Server, auf denen die Daten gespeichert werden. Alles verbleibt komplett auf dem Smartphone des Nutzers.“

Bucksch selbst wollte übrigens mit der App anfangs weder Party-Gerede noch den Nachwuchs aufnehmen: „Ich war ein Jahr in China und habe manchmal bestimmte Sätze einfach nicht verstanden. Also habe ich überlegt, wie ich mir nachträglich diese Sätze nochmal in Ruhe anhören kann.“ Zumindest in Sachen Tatendrang und technisches Know-How des 22-Jährigen gibt es also keine zwei Meinungen. Marco Litzlbauer

So funktioniert die App
Einmal aktiviert, zeichnet „SoundSnip“ die Umgebungsgeräusche auf. Dauerhaft abgespeichert werden die letzten 60 Sekunden nur auf erneuten Tastendruck. Diese Basisversion gibt es kostenlos im Playstore für Androidgeräte. Zudem gibt es eine „Pro-Version“ für 2,49 Euro, mit der man die vergangenen zehn Minuten speichern kann. Gewinn machen Bucksch und Frisch mit der App noch nicht. Sie finanziert sich aus anderen Projekten der Studenten.

„Jeder hat das Recht, seine Einwilligung zur Aufzeichnung zu verweigern“

Lustiger Party-Gag oder illegaler Lauschangriff? Katharina Grasl (Foto), juristische Sachbearbeiterin bei der Verbraucherzentrale Bayern, steht in Hallo Rede und Antwort. 

Was ist bei einer App wie „SoundSnip“ grundsätzlich zu beachten?

Das Recht am gesprochenen Wort ist ein Teilbereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts. Zum Recht am gesprochenen Wort gehört es, dass jeder selbst entscheiden kann, wer seine nichtöffentlich gesprochenen Äußerungen aufzeichnen darf und ob sie in der Öffentlichkeit abgespielt werden dürfen.

Reicht es, die Anwesenden auf die tatsächlich gespeicherte Aufnahme aufmerksam zu machen? Oder muss ich schon darauf hinweisen, dass die App im Hintergrund läuft?

Soll eine Aufzeichnung über diese App erfolgen, muss die Einwilligung des Gegenübers eingeholt werden. Jeder hat das Recht, bei privaten Gesprächen seine Einwilligung zu verweigern. Ob schon eine Einwilligung für die Nutzung der App im Hintergrund eingeholt werden muss, hängt entscheidend davon ab, in wie weit die App schon in das Recht am gesprochenen Wort eingreift. So wie die App beschrieben ist, muss ja schon eine Art Aufzeichnung erfolgen, bevor durch Tippen der letzte Moment festgehalten wird. Andernfalls wäre ja keine Aufzeichnung von bereits Gesprochenem möglich. Zu beachten ist, dass die Aufnahme des nicht-öffentlich gesprochenen Wortes auf einen Tonträger unter bestimmten Voraussetzungen auch strafrechtliche Relevanz haben kann (§ 201 StGB).

Gibt es datenschutzrechtliche Bedenken?

Datenschutzrechtlich ist immer Vorsicht geboten, wenn Apps Zugriff auf Mikrofon und Kamera haben. Umfangreiche Aufnahmen sind hier möglich, vor allem, wenn die Apps im Hintergrund aktiv sind. Nutzer müssen den Unternehmen hier die Berechtigung erteilen, beispielsweise auf das Mikrofon zugreifen zu dürfen, was jedoch meist unvermeidbar ist, wenn man die App nutzen möchte. Entscheidend ist, wie die Unternehmen die Aufzeichnungen verwenden. Werden die Aufzeichnungen gespeichert, wenn ja, wie lange? Wer erhält Zugriff? lit

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