Sie wollen Lebensmittel retten

App statt Mülltonne: Zwei Münchner Startups gewinnen den Preis "Lebensmittelretter"

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Essen teilen via App: Die Maxvorstädterin Elizaveta Zvonetskaya und drei andere Junggründer wollen mit innovativen Ideen das Wegwerfen guter Lebensmittel verhindern.

München - Semmeln oder Croissants – was zu gut für die Tonne ist, sollte auch sinnvoll weitergegeben werden. Vier Startups sagen dem Wegwerfkonsum den Kampf an

So lief der Wettbewerb

Mit dem Wettbewerb „Lebensmittelretter“ sollen Gründer ausgezeichnet werden, die eine Geschäftsidee gegen Lebensmittelverschwendung verwirklichen wollen. Vier Nominierte treten Anfang Februar, im „Höhle der Löwen“-Stil gegeneinander an und werden von einer Jury bewertet. Dem Sieger winken 5000 Euro und ein Gründungspaket. Initiator ist das Bündnis „Wir retten Lebensmittel“ vom Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. 

Die Kriterien:

• Gründung darf nicht vor 2016 stattgefunden haben. 

• Konzept muss ein konkretes Produkt, eine Dienstleistung oder eine Prozessidee zur Rest- oder Nebenproduktverwertung hervorbringen.

• Konzept lässt sich auch in Bayern umsetzen.

• Wodurch hebt sich die Idee ab? 

• Wie hoch ist die Originalität des Konzepts? 

• Wie groß ist das Einsparungspotential für Lebensmittelverluste?

Und diese Apps haben gewonnen:

Die Foodsharing App UXA

Beim Treffen fürs Interview bestellt Elizaveta Zvonetskaya einen Kaffee mit Sojamilch. Sie möchte weniger Kuhmilch trinken, um die Tiere zu schonen. Die Maxvorstädterin will zu Umweltschutz, Tierschutz und Nachhaltigkeit beitragen und hat deshalb die Foodsharing-App „UXA“ entwickelt. Mit dieser ist die 30-Jährige nun für den Startup-Wettbewerb „Lebensmittelretter“ des Bayerischen Landwirtschaftsministeriums nominiert.

Wie funktioniert Ihre App?

In drei einfachen Schritten. Man fotografiert Lebensmittel, die man nicht mehr haben will und lädt die Fotos hoch. Jeder UXA-Nutzer im Umkreis von 50 Kilometern bekommt die Produkte angezeigt. Im dritten Schritt wird man kontaktiert oder kontaktiert andere über einen privaten Chat und bespricht die Abholung. Dabei fließt kein Geld und es werden weniger Lebensmittel weggeworfen.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Den Anstoß hat mein Freund gegeben. Er wollte Reste verwerten, ich lieber etwas Neues kaufen – am Abend nach der Arbeit, so als Belohnung. Aber ich hatte ein schlechtes Gewissen wegen der Verschwendung. Dann habe ich mich intensiv informiert, wie viel Essen grundsätzlich weggeworfen wird und kam zu dem Schluss, dass ich da etwas ändern möchte.

Zvonetskaya hat ihre Stärken als Technikfan eingesetzt und die App entwickelt

Aber nicht nur privat, wie es aussieht...

Nein, weil ja eben viele Menschen wertvolle Lebensmittel wegwerfen, wenn sie zum Beispiel zu viel eingekauft haben. Ich komme aus der IT-Branche, bin technikaffin. So kam ich auf die Idee, eine Foodsharing-App zu entwickeln.

Ihre App ist kostenlos. Wie finanzieren Sie sich denn?

Über Werbung, aber es wird noch dauern bis sich das rechnet. Im Moment zahle ich noch drauf. Ich war aber auch nicht darauf aus, mit der App reich zu werden. Ich wollte etwas dazu beitragen, dass weniger wertvolles Essen im Müll landet.

Nutzen viele Menschen ihre App?

Im Moment hat UXA 20 bis 30 Nutzer mehr jeden Tag. Ich habe mir mal das hohe Ziel gesteckt, dass es bis Ende des Jahres 100 000 sind. Laura Felbinger

Michael Spitzenberger ist von seiner Idee überzeugt, übrig gebliebene Backwaren nach Ladenschluss von Geschäften abzuholen und weiter zu verteilen.

Der Brezn-Biker von "unser täglich Brot"

Semmeln, Croissant oder Laugenstangerl – was zu gut für die Tonne ist, wollen Michael Spitzenberger (Foto) und Hubert Jäger retten. Ihr Konzept ist denkbar einfach: Abends, wenn die Kassen schließen, holen sie in den Bäckereien ab, was übrig geblieben ist. Die Backwaren vom Vortag verkaufen sie günstig weiter, etwa an Kantinen und Caterer. Bislang ist alles noch Theorie, das Startup „Unser täglich Brot“ ist in der Gründungsphase. Doch Spitzenberger ist zuversichtlich: „Ich bin sicher, dass das Konzept aufgeht.“

Zunächst will der 50-Jährige aus Harlaching klein starten. „Man muss langsam ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit schaffen.“ Die Kantine der Bayerischen Versicherungskammer etwa will ihm die Semmeln vom Vortag abnehmen, drei Bäcker mit zwölf Filialen überlassen ihm das nicht verkaufte Gebäck - zunächst kostenlos. Von dem, was Spitzenberger einnimmt, gehen dann zehn Prozent wieder an die Bäckerei. Langfristig will er die Brezn außerdem per Elektro-Rad liefern: „In einem Umkreis von zwei Kilometern können wir in 15 Minuten liefern“, sagt er. Das Büro von „Unser täglich Brot“ ist in Untergiesing, dort wo einst Giesinger Bier in Kesseln gärte, nämlich in der Birkenau 5. Beliefern will er etwa kleine Betriebe, die eine Sammelbestellung abgeben.

Auch wenn die Idee nicht neu ist, profitieren alle davon

Dass sich das Konzept rechnet, davon ist Spitzenberger überzeugt und zwar „über die Masse“. Neu ist die Idee freilich nicht: Einige Münchner Bäcker verkaufen das Brot vom Vortag selbst zum halben Preis in der Filiale, andere Backwaren holt die Tafel. „Aber viele Bäcker klagen, dass immer noch zu viel übrig bleibt“, sagt Spitzenberger. Es ist nicht das erste Mal, dass sich der gelernte Hotelkaufmann mit Brot beschäftigt: Vor zweieinhalb Jahren hat Spitzenberger die Initiative „Brot am Haken“ gegründet, die Bedürftigen helfen soll: Wer eine Semmel kauft, zahlt zwei und spendet die zweite – der Kassenbon dafür landet an einem speziellen Haken im Geschäft, Bedürftige können ihn einlösen. Längst gibt es nicht nur Semmeln, sondern auch Eis, Döner oder Wellness­produkte. Insgesamt 43 Läden und Cafés in München beteiligen sich inzwischen. Das neue Geschäft mit dem alten Brot indes soll noch in diesem Jahr starten. hki

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