Nicht nur bei Mord im Einsatz

DNA-Analyse: So kommt die Münchner Polizei den Tätern auf die Spur

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Für das bloße Auge unsichtbar und doch so vielsagend: die menschliche DNA. Warum durch sie im Fall der zwei vermissten Frauen  nun der entscheidende Durchbruch gelungen sein könnte, lesen Sie hier.

München ist Vorreiter bei der DNA-Analyse. Zwei Millionen Euro gibt das Präsidium jährlich dafür aus. Ein Aufwand, der sich lohnt: Mord, Raub und Diebstahl klärt die Polizei so auf. 

Verräterisches Erbgut

Fall der vermissten Münchnerinnen kurz vor Aufklärung – dank Münchner DNA-Kompetenz

München – Ihr Schicksal erschüttert München: Seit Wochen werden eine 41-Jährige Münchnerin und ihre 16-jährige Tochter vermisst (Hallo berichtete mehrfach).

Der Ehemann wurde als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft genommen, doch die Frau und ihre Tochter konnten bisher trotz dem Einsatz von 650 Beamten, Polizeitauchern, Suchhunden und der Hubschrauberstaffel nicht gefunden werden. 

Allerdings: In der Nähe des Truderinger Forsts fanden sie eine Matte und einen Teppich mit DNA-Spuren. Die Analysen brachten traurige Gewissheit: Das Blut auf den Gegenständen gehört zu den beiden Vermissten.

München als Vorreiter der DNA-Analyse

DNA-Spuren am Tatort können Tätern zum Verhängnis werden: Mit einem sogenannten DNA-Entnahmeset wird an der Wangeninnenseite der Abstrich durchgeführt.

Dieser Ermittlungs-Erfolg – kein Zufall: Das Polizeipräsidium München nimmt eine Vorreiter-Rolle bei der DNA-Analyse ein, wie Kriminalhauptkommissar Rainer Graf bestätigt (siehe unten). Seit 1998 führt es Analysen durch und gibt jährlich rund zwei Millionen Euro dafür aus. 

Weniger als 100 Euro kostet eine einzelne Analyse, bei schwierigen Fällen kann sich der Betrag mit mehreren Analysen summieren: Findet die Spurensicherung – wie jetzt im Truderinger Forst – mögliche DNA am Tatort, wird jede Spur untersucht und in einer Datenbank gespeichert. Genau wie die DNA-Muster von Beschuldigten und Verurteilten.

Die DNA befindet sich in den menschlichen Körperzellen aus Blut, Haut, Knochen, Haaren, Speichel, Schweiß oder Sperma. „Zwei bis drei frische Zellen können reichen, um ein DNA-Muster festzustellen“, sagt Katja Anslinger, Leiterin der DNA-Abteilung der Rechtsmedizin. Das Institut führt für das Polizeipräsidium München Untersuchungen durch. Und wenn die Rahmenbedingungen stimmen, funktioniert das jahrzehntelang.

„Die DNA ist der Baustein unseres Lebens“, sagt Anslinger. „Eine chemische Verbindung, die alle phänotypischen Merkmale, die uns ausmachen, verzeichnet“ – Augen-, Haut- und Haarfarbe, Krankheiten. „Diese Informationen befinden sich im codierten Bereich der DNA“, erklärt Anslinger, „der lediglich drei Prozent im Zellkern ausmacht“. Es sind die restlichen 97 Prozent, die in der Forensik untersucht werden.

Genetisches Phantombild

Die Bundesregierung diskutiert derzeit, ob sie das Gesetz ändert und die DNA-Analyse auf den codierten Bereich der DNA erweitert. Datenschützer sehen das kritisch, die Ermittlungsarbeit dürfte es jedoch erleichtern. Kommt die Gesetzesänderung, dürfen Ermittler DNA-Proben auch zur Vorhersage des äußeren ­Erscheinungsbildes und des Alters einer Person heranziehen. Und so eine Art genetisches Phantombild erstellen.

Derzeit kann die Polizei lediglich sagen, ob der Täter männlich oder weiblich war. Wenn sie zusätzlich weiß, dass die Person zum Beispiel grau-grüne Augen und braune Haare hat und ein blasser Hauttyp ist, dann verengt das den Kreis derjenigen, die in Frage kommen. Die Bestimmung der „bio-geographischen Herkunft“ wird im Übrigen im Gesetzesentwurf derzeit nicht erlaubt.

Sebastian Obermeir

Kriminalhauptkommissar Rainer Graf: „Die DNA-Analyse ist nie der einzige Beweis“

Kriminalhauptkommissar Rainer Graf, seit 2012 Leiter der DNA-Kommission in München.

Vom Speichel zum Täter: Die DNA-Analyse nimmt eine bedeutende Rolle bei der Polizeiarbeit ein. Vor allem in München – hier wurde sogar eine DNA-Kommission eingerichtet, die es in anderen Präsidien so nicht gibt. Rainer Graf leitet sie seit 2012. 

Im Hallo-Interview verrät der Kriminalhauptkommissar, wann die Polizei DNA-Analysen durchführt, wie viel die Polizei dafür ausgibt und welcher Beweis vor Gericht noch schwerer wiegen kann als der genetische Fingerabdruck.

von Sebastian Obermeir

Herr Graf, bei welchen Verbrechen ermittelt die Polizei mithilfe von DNA-Analysen?
Im Rahmen der Polizeiarbeit spielt DNA bei allen Straftaten eine Rolle, bei denen es zu Tatort-Spuren kommen kann.

Die Schwere des Delikts ist nicht das Entscheidende?
Im Prinzip ist das Entscheidungskriterium: Liegt eine Straftat vor? Das kann eine Sachbeschädigung sein. Ein Graffiti-Sprayer, der eine Wand besprüht und eine Dose zurücklässt. Vom Delikt her eine niedere Straftat, aber es sind Aussichten auf Erfolg da, indem man eine Fingerspur oder eine DNA-Spur sichert.

Ganz schön aufwendig.
In München wird bei fast jedem Delikt, wo wir Spuren vermuten, eine Spurensicherung durchgeführt. Hier nehmen wir schon eine Vorreiterstellung ein.

Warum ist das so?
Das ist zum einen eine Geld-Frage. Uns stehen die entsprechenden Mittel zur Verfügung. Zum anderen ist es eine klare Linie der polizeilichen Arbeit in Bayern. Wie jedes polizeiliche Handeln unterliegt der Einsatz dieser Untersuchungen der Frage der Verhältnismäßigkeit – wenn diese gegeben ist, wird das sicherlich auch weiterhin in diesem Umfang durchgeführt.

Rund 6000 Untersuchungen in 2018

Wie viele DNA-Untersuchungen gibt es jährlich?
2018 führten wir im Präsidium München etwa 6000 Untersuchungen durch. Das Jahresvolumen von DNA-Untersuchungen beträgt insgesamt in etwa zwei Millionen Euro.

Mit welchen Untersuchungsstellen arbeitet das Präsidium?
Zum einen mit der Rechtsmedizin der LMU. Zum anderen mit einem freien Labor in Köln. Die Labore untersuchen die Abriebe, sie stellen das DNA-Muster fest. Sie überprüfen, ob überhaupt verwertbare DNA dabei ist. Wenn die Spuren von der Qualität her geeignet sind, dass man sie in eine Datenbank einstellt, dann wird es von uns veranlasst.

Mit uns meinen Sie die DNA-Kommission?
Genau. Auch die ist eine Münchner Besonderheit, die es in anderen Präsidien nicht gibt. Sie fungiert in erster Linie als Qualitätssicherungsstelle zwischen den ermittelnden Beamten und den Untersuchungsstellen.

Zurück zur DNA-Datenbank. Verzeichnet sie deutschlandweit?
Ja. Die zentrale DNA-Analysedatei wird beim BKA in Wiesbaden betrieben. Neue Spuren werden in Bayern zuerst vom BLKA bearbeitet und neue Muster von Personen routinemäßig mit dem bundesweiten Bestand abgeglichen.

Gibt es auch internationale Datenbanken?
Wenn ein DNA-Muster eine ausreichende Qualität hat, läuft es in einem europaweiten Bestand. Seit 2005 gibt es unter etwa 20 Staaten einen Austausch der Datenbanken, die im jeweiligen Land geführt werden. Die größte Datenbank mit etwa fünf Millionen Datensätzen gibt es in London. Die deutsche hat circa zweieinhalb Millionen Datensätze.

Datensätze für zehn Jahre gespeichert

Wie lange bleiben die Datensätze gespeichert?
Man kann davon ausgehen, dass eine Spur einer Straftat, etwa eines schweren Diebstahls, zehn Jahre gespeichert wird.

Reicht ein DNA-Treffer vor Gericht aus, um die Schuld zu beweisen?
Nein, die DNA-Analyse ist ein wichtiger Bestandteil im Rahmen der polizeilichen Ermittlungen, aber fast niemals der einzige Beweis. Es gibt noch viele andere polizeiliche Instrumente und Maßnahmen wie Vernehmungen, Zeugenaussagen, Fingerabdrücke. Ein Personenbeweis, also Zeugenaussagen, wer wann wo war, kann vor Gericht auch größere Bedeutung haben.

Wird sich der Stellenwert von DNA-Analysen bei der Polizeiarbeit verändern?
Ich denke nicht. Man muss aber sagen, dass es eine stete Weiterentwicklung gibt. Seit das Präsidium 1998 begann, Analysen durchzuführen, wurde das Instrument noch präziser. Die Gesetzgebung bezüglich DNA-Analysen befindet sich auch derzeit wieder im Wandel, was selbstverständlich Einfluss auf die Arbeit haben kann.

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Nicht nur bei Mord im Einsatz

Ob an Tatwaffen. Stoffresten oder anderen Spuren am Tatort: Mit der DNA-Analyse kann der Täter überführt werden.

München –Das Polizeipräsidium München setzt nicht nur bei schweren Delikten wie Mord oder Vergewaltigung auf die DNA-Analyse. Sie deckt auch Einbrüche, Sachbeschädigungen und Raubüberfälle mithilfe des genetischen Fingerabdrucks auf. So geschehen etwa im Juli: Einem 85-Jährigen wurde die Geldbörse gewaltsam entwendet. „Der Rentner hat sich aber gewehrt und vom Täter ist die Armbanduhr zurückgeblieben“, erklärt Kriminalhauptkommissar Rainer Graf. „Von dieser konnte eine DNA-Spur gesichert werden, die das DNA-Muster einer Person in Österreich getroffen hat.“

Ins Ausland führte auch die Spur in einem anderen Fall. Drei Einfamilienhäuser in München hatte ein Täter bereits aufgebrochen, Schmuck, Armbanduhren und Handtaschen gestohlen. An den Tatorten wurden DNA-Spuren gefunden, die zu einem Treffer in Ungarn geführt haben. „Die Person ist momentan in Italien in Untersuchungshaft“, sagt Graf. „Es gibt einen europäischen Haftbefehl und die Überstellung nach Deutschland wurde beantragt.“

DNA-Analyse: Schritt für Schritt zum Täter

Die DNA befindet sich in den menschlichen Körperzellen aus Blut, Haut, Knochen, Haaren, Speichel, Schweiß oder Sperma.

1. Spuren sichern

Erster Schritt: Die Spurensicherung untersucht den Tatort und sichert DNA-Spuren, die sie an die Untersuchungsstelle weitergibt.

2. DNA isolieren

Die DNA liegt im Zellkern. Erst nach der sogenannten DNA-Extraktion kann sie untersucht werden. Die Untersuchungsstelle verfügt dabei über verschiedene Methoden, die DNA freizulegen.

3. DNA quantifizieren

Nach der Extraktion wird im Zuge der Quantifizierung untersucht, ob genügend saubere humane DNA vorhanden ist. Außerdem erfolgt ein erstes Aussortieren: Wurde etwa eine Frau von einem Mann vergewaltigt, wird nur die männliche DNA des Täters untersucht.

4. DNA typisieren

Die DNA besteht aus dem codierten Bereich, der Informationen zu Haut-, Haar- oder Augenfarbe enthält, und dem nicht-codierten Bereich. Nur letzterer wird an 16 Stellen untersucht. Das Ergebnis ist ein eindeutig zuordenbares, indivduelles DNA-Muster.

5. Datenabgleich

Die Ergebnisse der Analyse werden mit der Vergleichsprobe verglichen. Neue DNA-Muster werden in die DNA-Datenbank eingetragen.

Der Wolfsmasken-Täter

Mit Spürhunden durchsuchte die Polizei den Tatort.

München – Dieser Fall ließ sogar die erfahrensten Polizeibeamten erschaudern: Mit einer Wolfsmaske maskiert vergewaltigte im Juni ein Unbekannter eine Elfjährige im Stadtteil Fasangarten (Hallo berichtete mehrfach).

Dank DNA-Analysen dauerte es nur wenige Tage, bis die Polizei den Ermittlungserfolg vermelden konnte: „Im Zuge der Spurensicherung am Opfer und im Bereich des Tatorts wurde eine DNA-Spur gefunden, die zu einer Person, die in der DNA-Analysedatei eingetragen war, gepasst hat“, erklärt Kriminalhauptkommissar Rainer Graf. 

Das DNA-Muster des 43-jährigen Münchners war in der Datenbank, weil er mehrfach einschlägig vorbestraft war. Zuletzt wurde er vier Jahre und elf Monate unter anderem wegen sexuellem Missbrauch an Kindern in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. 

Mittlerweile hat die Polizei auch die Maske gefunden– in einem Müllcontainer in der Nähe des Wohnorts des Tatverdächtigen.

Sebastian Obermeir

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