Hier ist Ärger im Anflug

Zwischen Tierliebe und Geschäftsschädigung: Debatte um Tauben-Plage spitzt sich zu

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Das Taubenhaus am Hauptbahnhof: Für die einen beängstigend wie Hitchcocks „Die Vögel“, für die anderen ein Zufluchtsort für wehrlose Tiere, die in der Stadt keine Lobby haben.

Arme Vögel oder lästiges Übel? Bei Tauben scheiden sich in München die Geister. Hallo klärt im großen Report auf – und lässt Tierschützer und Kritiker zu Wort kommen.

München – Zweimal pro Woche kommt Monika Sebald zum Taubenschlag am Hauptbahnhof. Die Münchnerin putzt ihn gründlich, versorgt die Tiere mit 45 Litern frischem Wasser, füllt die Taubenbadewanne neu auf und verteilt Körner in die Futtertröge. Eine Arbeit, die nicht viele Münchner machen würden. Denn beliebt sind die Stadttauben nicht. Viele sähen sie lieber tot als lebendig. Und auch Monika Sebald möchte aus Angst vor Anfeindungen lieber nicht mit einem Foto in die Zeitung.

Allerdings droht dem Bahnhofs-Taubenschlag bald das Aus, berichtet Sebald. Das ehemalige Bürohaus wird abgerissen, fällt dem Bahnhofsneubau zum Opfer. „Wir suchen dringend eine neuen Platz, gerne in der Nähe, vielleicht auf dem Dach einer Schule, oder eines Hotels. Dann können wir sie umsiedeln.“ Seit vielen Jahren arbeitet die Tierschützerin beim Bund gegen Missbrauch der Tiere, erntet dafür oft Kritik. „Dabei sind Tauben ehemalige Haustiere, von Menschen gezüchtet.“

Rund 10 000 bis 15 000 Tauben gibt es in der Landeshauptstadt. „Ein Problem, das die Stadt endlich angehen sollte“, sagt Inge Vogt, Managerin vom Stachus Center: „Wir haben hier in Zusammenarbeit mit dem KVR und dem Veterinäramt schon alles gegen Tauben ausprobiert, dafür eine hohe fünfstellige Summe ausgegeben. Aber so lange die Tauben etwa am Stachusbrunnen sind, fliegen sie in die Passagen ein. Ich würde mir wünschen, dass die Stadt auf ihren öffentlichen Plätzen endlich hilfreiche Maßnahmen gegen die Tauben ergreift.“

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Privates Füttern ist verboten

Um die Population nicht weiter zu steigern, hat das Kreisverwaltungsreferat schon vor zwei Jahren privates Füttern der Tauben verboten. Das gilt für das gesamte Stadtgebiet und in den städtischen Grünanlagen. „Wiederholungstäter werden mit Geldbußen im unteren bis mittleren dreistelligen Bereich belegt. Bei Zuwiderhandeln können bis zu 1000 Euro für diese Ordnungswidrigkeit fällig werden“, sagt Sprecher Johannes Mayer. „Die letzten Jahre hatten wir jährlich zwischen 40 und 70 Anzeigen wegen Zuwiderhandlung gegen die Taubenfütterungsverbotsverordnung. Doch die Tendenz ist steigend. So waren es im ersten Halbjahr 2019 bereits 38 Ordnungswidrigkeitsanzeigen.“

Auch der Münchner Tierschutzverein ist gegen wildes Füttern, fordert deutlich mehr Taubenhäuser. Sprecherin Judith Brettschneider: „Tauben sind sehr intelligente Tiere. Wenn sie wissen, wo sie geschützt leben können und ausreichend Futter bekommen, suchen sie nicht weiter auf Straßen und Plätzen. Sie lassen sich in ihren Taubenschlägen häuslich nieder, fliegen sie zuverlässig an.“ 

Einer der Vorteile: Eier könnten von Tierpflegern vor der Brut ausgetauscht werden. Am Bahnhofs-Taubenschlag etwa wurden seit 2012 schon 3850 Eier durch Plastikeier ersetzt.

Tauben in München: So ist die aktuelle Lage

Reges Getümmel vor dem Eingang zum Tauenschlag am Hauptbahnhof.
Reges Getümmel vor dem Eingang zum Tauenschlag am Hauptbahnhof. © Hlawica
Dutzende Vögel auf wenigen Quadratmetern: In München kein seltener Anblick.
Dutzende Vögel auf wenigen Quadratmetern: In München kein seltener Anblick. © Hlawica
Laut Geschäftsleuten brachte der Einsatz eines Falken im Stachus-Center nur am Einsatztag etwas. Auch Ultraschall und Tierstimmen brachten nichts.
Laut Geschäftsleuten brachte der Einsatz eines Falken im Stachus-Center nur am Einsatztag etwas. Auch Ultraschall und Tierstimmen brachten nichts. © picture alliance / Matthias Balk
Bäcker Rischard in Pasing hat Attrappen angebracht.
Bäcker Rischard in Pasing hat Attrappen angebracht. © Hlawica
Hier ist ein abgerissener Taubenflügel zu sehen.
Hier ist ein abgerissener Taubenflügel zu sehen. © Hlawica
Schwer verletzt und dennoch am Leben...
Schwer verletzt und dennoch am Leben... © Hlawica
Der Taubenschlag im Inneren.
Der Taubenschlag im Inneren. © Hlawica
Vom Kampf gezeichnet: Diese Taube hat offenbar schon so einige Verletzung überlebt.
Vom Kampf gezeichnet: Diese Taube hat offenbar schon so einige Verletzung überlebt. © Hlawica
Auch die Dächer der Stadt sind bevölkert...
Auch die Dächer der Stadt sind bevölkert... © Hlawica
Die Tauben fliegen in den Schlag.
Die Tauben fliegen in den Schlag. © Hlawica
In Reih un Glied beobachten die Vögel das Geschehen auf den Straßen unter ihnen.
In Reih un Glied beobachten die Vögel das Geschehen auf den Straßen unter ihnen. © Hlawica
Der Taubenschlag von außen.
Der Taubenschlag von außen. © Hlawica
Einzelne Tauben sieht man selten in der Landeshauptstadt.
Einzelne Tauben sieht man selten in der Landeshauptstadt. © Hlawica
Dutzende Vögel auf wenigen Quadratmetern: In München kein seltener Anblick.
Dutzende Vögel auf wenigen Quadratmetern: In München kein seltener Anblick. © Hlawica
Neben Schlaf- und Nistplätzen stehen den Tauben am Taubenschlag auch Wassertränken zur Verfügung.
Neben Schlaf- und Nistplätzen stehen den Tauben am Taubenschlag auch Wassertränken zur Verfügung. © Hlawica

Münchner Hausbesitzer wie Gastronomen wehren sich mit Netzen oder scharfen Taubennägeln, damit die Tiere nicht nisten. Verletzen oder verfangen sich die Vögel dort, verenden sie elendiglich.

Sebald kann den Taubenhass nicht verstehen. Sie hält die kleine Aniko, ein etwa zehn Wochen altes Taubenmädchen. Der junge Vogel wurde auf den Gleisen vom Zug erwischt, deshalb fehlen ihr Flügel und ein Bein. Trotzdem will Sebald ihr eine Chance geben: „Wir vermitteln verletzte Tiere, bisher waren es 480. Dass auch Aniko diesen Unfall überlebt hat, zeigt mir wieder, was für starke Geschöpfe Tauben sind.“

Marie-Julie Hlawica

Gut gemeint, aber doppelt schlecht

Tierschützer warnen: Wildes Füttern ist doppelt schlecht.

Das Taubenfütterungsverbot in München sei viel zu kurz gedacht, kritisiert die Taubenhilfe München. „Damit soll die Stadttaubenpopulation klein gehalten werden. Allerdings brüten Stadttauben unabhängig vom Nahrungsangebot.“ 

Ein Fütterungsverbot sei nur sinnvoll, so eine Sprecherin des Vereins, wenn es ausreichende vom Tierschutz betreuten Taubenschläge oder betreute Futterstellen gibt. 

Wildes Füttern ist doppelt schlecht: Es ziehe die Tauben auf öffentliche Plätze. „Außerdem ernähren sich die Tiere eigentlich von Körnern wie Mais, Weizen oder Sonnenblumenkernen. Wenn sie in der Not Essensreste wie Pizza, Brezn oder Pommes fressen, bekommen sie Durchfall.“ Mit artgerechter Nahrung sei der Kot klein und fest und leicht zu entfernen.

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