Odyssee in Hotpants

Wegen einer Duftkerze: Die Öhlschläger-Zwillinge sind wieder auf Wohnungssuche

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Noch immer auf der Suche nach einer festen Bleibe: Über das Rathaus geht es erst an den Bahnhof und dann zum Amt für Wohnen und Migration.

Schillernd, bunt und nicht immer ganz leise: Münchens vielleicht bekanntestes Zwillingspaar steht nach einem Hausverbot wieder auf der Straße. Hallo hat die beiden einen Tag lang begleitet.

München – „Hier werde ich nie glücklich“, sagt Stefan Öhlschläger und blickt sich im Zimmer um. Zwei Metallbetten, ein Metallspind, ein Tisch, zwei Stühle, ein Kühlschrank, mehr passt nicht in den rund zehn Quadratmeter großen, schmucklosen Raum. Auch sein Bruder Christian ist enttäuscht. 

Sie sind eben in einer Notunterkunft des Evangelischen Hilfswerks in Aubing angekommen. Wählerisch können Münchens wohl bekanntesten Zwillinge aktuell nicht sein. Die vergangenen Tage wussten die „Hotpant-Brüder“, wie sie häufig genannt werden, überhaupt nicht wohin.

Mal wieder. Erst im Februar zogen die schrillen Zwillinge ins Flexiheim der Inneren Mission am Hart (Hallo berichtete). Doch jetzt bekamen sie dort Hausverbot wegen „offenem Feuer“. So steht es in der schriftlichen Begründung, die Hallo vorliegt. 

„Wir haben nur eine Duftkerze angezündet. Die anderen Bewohner rauchen sogar“, verteidigt sich Christian Öhlschläger. Zweimal wurden sie abgemahnt, das erste Mal im Mai, erneut im Juli. Nun kam die fristlose Kündigung: „Wir erteilen nur dann Hausverbote in unseren Beherbergungsbetrieben, wenn massive Verstöße gegen die Hausordnung vorliegen“, heißt es seitens der Betreiber auf Hallo-Nachfrage.

Zwei Nächte haben die Zwillinge in der Bahnhofsmission verbracht, eine weitere im Wohnzimmer einer Münchnerin. Jetzt machen sich die Brüder wieder mit Koffer, einem Schirm und in Shorts bei Nieselregen auf Herbergs-Suche.

Erste Station: das Rathaus am Marienplatz. Nach einer knappen Stunde steht fest: Eine E-Mail geht an das Sozialreferat, ein Termin im Amt für Wohnen und Migration steht fest. Der ist um 13 Uhr, also heißt es Warten in einem Café am Rosenheimer Platz. 

Christian Öhlschläger macht sich von dort allein auf den Weg: „Mein Bruder hat Panik vor dem Amt, so oft waren wir schon da.“ An der Pforte bekommt Christian einen geschlossenen Umschlag in die Hand gedrückt. In ihm die Zuweisung an eine Aubinger Notunterkunft, in der er mit seinem Bruder Obdach findet – vorläufig. 

Quer durch die Stadt geht es per S-Bahn und Bus zu dem kargen Betonbau: „Hier bleiben wir nicht lange, eher sterben wir.“

Münchens bekannteste Brüder auf der Suche nach einer Unterkunft

Christian (links) und Stefan vor dem Bürgerbüro im Rathaus.
Christian (links) und Stefan vor dem Bürgerbüro im Rathaus. © mjh
Jetzt heißt es warten: Im Rathaus schlagen die beiden die Zeit bis zur Bürgersprechstunde tot.
Jetzt heißt es warten: Im Rathaus schlagen die beiden die Zeit bis zur Bürgersprechstunde tot. © mjh
Eine Szene am Marienplatz: Die Öhlschläger-Brüder auf dem Weg vom Oberbürgerbmeister zum Wohnungsamt.
Eine Szene am Marienplatz: Die Öhlschläger-Brüder auf dem Weg vom Oberbürgerbmeister zum Wohnungsamt. © mjh
Stefan vor dem Wohnungsamt.
Stefan vor dem Wohnungsamt. © mjh
Der zugewiesene Schlafplatz: in der Bayernkaserne.
Der zugewiesene Schlafplatz: in der Bayernkaserne. © mjh
Zeit für eine kurze Pause.
Zeit für eine kurze Pause. © mjh
Das letzte Hab und Gut der beiden ist in diesem Koffer verstaut. Der Rest fiel der Zwangsräumung ihrer Wohnung in der Leonrodstraße zum Opfer.
Das letzte Hab und Gut der beiden ist in diesem Koffer verstaut. Der Rest fiel der Zwangsräumung ihrer Wohnung in der Leonrodstraße zum Opfer. © mjh
Mit der Bahn geht es schleichend in die ihnen zugewiesene Unterkunft.
Mit der Bahn geht es schleichend in die ihnen zugewiesene Unterkunft. © mjh
Am Pasinger Bahnhof schlängeln sie sich durch die Menschenmenge.
Am Pasinger Bahnhof schlängeln sie sich durch die Menschenmenge. © mjh
Erschöpft uns niedergeschlagen kommen Christian (links) und Stefan endlich an der Unterkunft an.
Erschöpft uns niedergeschlagen kommen Christian (links) und Stefan endlich an der Unterkunft an. © mjh
Endlich angekommen: Stefan vor der Unterkunft.
Endlich angekommen: Stefan vor der Unterkunft. © mjh

Im nächsten Januar werden die Münchner Originale 70, ein Psychiater hat ihnen dieser Tage die Dringlichkeit, eine feste, eigene Wohnung zu bekommen, attestiert – um „Gefahr für Leib und Leben zu vermeiden“. Vor dem runden Geburtstag soll ihr Traum in Erfüllung gehen. Ihre letzte Hoffnung ist der OB: „Herr Reiter, bitte helfen Sie uns!“

Das sind die „Hotpants-Brüder“

1976 hat es die gebürtigen Hannoveraner nach München verschlagen. Dort sind sie seitdem bekannt wie bunte Hunde – wegen ihrer schrillen Outfits und ihrem Hang, sich laut zu streiten. 

Ein Tumor in Christians Kopf und der Missbrauch seines Bruders durch Unbekannte brachte sie dann aus der Bahn. 2014 haben sie zudem ihre Dreizimmer-Wohnung in der Leonrodstraße verloren. Die war liebevoll und farbenfroh eingerichtet, so wie es die beiden gelernten Friseure mögen. 

Andenken, Fotos, Möbel, viel Chi-Chi und Krimskrams – alles ist seit der Zwangsräumung weg. Restliches Hab und Gut ist in wenigen Koffern bei Speditionen und Bekannten eingelagert.  

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