„Langeweile ist die größte Gefahr!“

Spielplatz-Prüfer erklärt: So toben Ihre Kinder sicher

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Sicher spielen, klettern und knifflige Parcours meistern: Spielplatz-Prüfer Peter Schraml erklärt in Hallo, wie sicher Münchner Kinder spielen sollten.

Experte Peter Schraml erklärt in Hallo, wie sicher Münchner Anlagen sind, welche Fehler Eltern vermeiden sollten und warum zu viel Vorsicht sogar schaden kann...

München – Ein Spielplatz-Prüfer schlägt Alarm. Nicht etwa, weil die Münchner Spielplätze unsicher wären – im Gegenteil: Sie sind Peter Schraml fast schon zu sicher. Der Trend gehe in die Richtung, jegliches Risiko von Spielplätzen zu verbannen. Verheerend, findet der Haidhauser. „Nur wenn wir Risiko zulassen, können Kinder lernen, mit Risiko umzugehen.“

Architekt Peter Schraml misst die Tiefe des Fallschutzes auf dem Spielplatz im Giesinger Weißenseepark. Diese sollte bei 40 Zentimeter liegen, solange die freie Fallhöhe drei Meter nicht überschreitet.

Der 48-Jährige ist Architekt und war zehn Jahre für die Bayerische Landesunfallkasse tätig – hat in dieser Funktion die Spielplätze von Krippen, Kindergärten und Schulen begutachtet. Jetzt richtet er mit seiner Firma „Maßstab Mensch“ am nächsten Wochenende eine Fachtagung zur Kindersicherheit auf Spielplätzen aus – mit einem speziellen Infotag für Eltern und Pädagogen. 

Im Vorfeld hat er Münchner Eltern befragt, was sie von einem Spielplatz erwarten und was für sie Sicherheit bedeutet. „Der Großteil hat gesagt, er möchte, dass sein Kind herausgefordert wird, aber passieren darf nichts.“ Und immer öfter werde er von Erzieherinnen angesprochen, die ein Gerät als gefährlich einstufen, „nur“ weil ein Kind herunterfallen könne.

Die Konsequenz der risikolosen Spielplätze: „Immer öfter sehen wir Kinder, die nicht mehr fallen können – Fallen lernt man halt nur vom Fallen.“ Genauso müssten Kinder aus Erfahrung lernen, dass beispielsweise nasses Holz rutschig sei. Dabei gebe es einige positive Beispiele an Münchner Spielplätzen, zum Beispiel den abwechslungsreichen Spielplatz im Weißenseepark oder im Westpark mit seinen steilen hohen Rutschen.

Insgesamt sind fast 800 Spielplätze in München in städtischer Hand. Eine Unfallstatistik gibt es nicht. „Unfälle werden nur dann erfasst, wenn Schadensersatz gefordert wird. Dies war in den letzten Jahren nicht der Fall“, teilt eine Sprecherin des zuständigen Baureferats mit. Generell räume die Stadt bei der Spielplatzplanung dem Faktor Sicherheit oberste Priorität ein, versuche aber dennoch, möglichst hohen Spielwert zu bieten.

Um Unfälle von Beginn an zu vermeiden verfügen viele Spielplätze über sogenannte Zugangsfilter. Das bedeutet, dass nur Kinder, welche geschickt genug sind, diese Hürde zu meistern, in die höheren Bereiche der Anlage gelangen können.

Den hätten die Kinder aber laut Schraml nur durch Erfolgserlebnisse, wenn sie schwierige Situationen selbst lösen und Ängste überwinden können. 95 Prozent aller Unfälle sind verhaltensbedingt. „Und die größte Gefahr auf dem Spielplatz ist Langeweile – dann kommen Kinder nämlich auf den Gedanken, ihn anders als gedacht zu nutzen.“

Als tatsächlich riskant sieht er manches Verhalten der Eltern (siehe unten) und vor allem versteckte Gefahren, wie morsche Balken oder gebrochene Schweißnähte. „Dafür wird ein Spielplatz regelmäßig geprüft – es gibt wöchentliche Sichtprüfungen, quartalsweise operative Prüfungen und einmal im Jahr eine Hauptinspektion.“

Maren Kowitz

Die Fachtagung findet im Berufsschulzentrum, Riesstraße 34 bis 40, statt. Das Programm am Sonntag, 20. Oktober, von 8 bis 13.15 Uhr ist öffentlich (Kosten: 29 Euro inklusive Verpflegung). Anmeldung unter Telefon 88 98 99 46.

Tipps vom Experten: So vermeiden Eltern häufige, teils fatale Fehler

Zwar möchten Eltern ihre Kinder beim Spielen unterstützen, häufig bringen sie sie dabei jedoch in gefährliche Situationen.
  1. Lassen Sie Kinder unter keinen Umständen mit Helm klettern!
    „Manche Eltern denken, es schützt die Kinder bei Stürzen – sie bringen sie dadurch aber erst recht in Gefahr“, so Schraml. „Dabei kam es schon zu tödlichen Unfällen, wenn sich ein Kind am Kinnriemen stranguliert hat.“
  2. Springen Sie nicht mit einem Kind Trampolin!
    Es sollten nie mehrere Leute gleichzeitig auf einem Trampolin springen. „Wenn ein Kind, den Impuls vom anderen Sprung mitbekommt, kann das Beine oder Wirbelsäule stauchen.“
  3. Heben Sie Kinder nicht dorthin, wo sie nicht alleine hinkommen würden!
    Klettertürme oder Rutschen haben laut Schraml einen sogenannten „Zugangsfilter“. Nur ein Kind, das geschickt genug ist, diesen zu überwinden, kommt auch oben zurecht.
  4. Rufen Sie nicht „Komm, das schaffst du“ oder „Das geht schon“, wenn ihr Kind zögert!
    Auch gut gemeint setzt man Kinder so unter Druck. Kinder können sich ab zwei bis drei Jahren gut selbst regulieren. Wenn sie sich etwas nicht zutrauen, machen sie es nicht.
  5. Geben Sie keine Ratschläge, auch wenn ihr Kind sie danach fragt!
    Ein Kind soll selbst Lösungsstrategien entwickeln.

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