Früher Flop, heute top

Leihräder boomen deutschlandweit – die Idee dazu stammt aus München

+
Stolze Unternehmer: Call-a-Bike-Gründer Christian Hogl (links) und Josef Gundel stellen 1999 ihr patentiertes System vor.

Die ersten oBikes der Welt: Wie zwei Münchner auf eine bahnbrechende Idee kamen und damit den Verkehr in europäischen Städten revolutionierten...

München – Sie sind aus keiner europäischen Stadt mehr wegzudenken: Auch in München gibt es kaum eine Ecke, an der kein Leihrad, Leihroller oder Leihauto steht. Nicht ganz unbeteiligt daran: Josef Gundel (50), ein Münchner Unternehmer. Er ist einer von drei Gründern, die 1997 in der Landeshauptstadt „Call-a-Bike“ – quasi die Urform des Leih-Systems – erfunden haben. Und doch: 2000 als AG gegründet, floppte das Geschäftskonzept nur wenige Monate nach dem Start, ging Pleite und die Firma mit Sitz am Marienplatz wurde samt Patent verkauft.

Josef Gundel (50), Unternehmer aus München.

„Ich bereue es nicht und möchte die Erfahrung nicht missen“, sagt Gundel heute, der im Münchner Südosten lebt und ein IT-Unternehmen leitet. Zusammen mit seinem Kommilitonen, Radl-Fan und Tüftler Christian Hogl und dem Unternehmer Friedrich Bimboese hatten die Münchner Studenten eine Vision: Leihräder mit einem patentierten, computergesteuerten Schloss beliebig vielen, zahlenden Nutzern in ganz München zur Verfügung zu stellen.

„Die Öffentlichkeitswirkung war groß, in nur drei Monaten hatten wir 40 000 Kunden, die Räder waren flächendeckend in der Stadt verteilt.“ Jeder sah die rot-silbern blitzenden Drahtesel. Überall. Doch die Rechnung der dafür gegründeten AG ging nicht auf: Herstellung und Wartung der Räder waren zu teuer, die Verleih-Gebühr zu billig, das Ganze nicht profitabel. Nur Monate nach dem Start meldete das Unternehmen Insolvenz an. Rund 6,8 Millionen D-Mark Startkapital waren verpufft.

Bodo Bimboese, Bruder des vor 15 Jahren gestorbenen Mitgründers, bedauert, dass das Radl-Unternehmen erst mit dem Verkauf aller Rechte an die Deutsche Bahn funktionierte: „Es war eine spannende Zeit und heute würde man sicherlich manches ganz anders machen. Aber es liegt ja auch schon gut 20 Jahre zurück.“

Ärgert sich Gundel, wenn er sieht, wie das Verleih-System heute floriert? „Was wir damals mit den ersten Überlegungen 1997 zu ,Call-a-Bike‘ ins Leben gerufen haben, ist ein bleibendes Vermächtnis. Wir waren Trendsetter, waren unserer Zeit voraus. Es war und ist ein super Mobilitätskonzept. Ich freue mich, wenn ich heute die vielen Leihräder sehe.“

Die Vielzahl an Leihsystemen, ob Rad, Roller oder Auto, deutschlandweit sind dafür der beste Beweis. Erst vor wenigen Wochen lief Gundel mit einem Kollegen durch den Verkehr in Berlin. Zwischen all den Leihrädern, Scootern und Share-Autos bemerkte dieser zum Münchner IT-Fachmann: „Schau, an all dem bist du schuld.“

Marie-Julie Hlawica

Blau, orange, rot: Sie machen München Rad-mobil

Mittlerweile gibt es verschiedene Anbieter von Leihrädern zu verschiedenen Konditionen – ein Überblick:

  • Die MVG (www.mvg.de) bietet 4300 Räder an 133 Leih-Stationen im Stadtgebiet an. Kosten: acht Cent pro Minute, zwölf Euro pro Tag oder im Abo ab 48 Euro im Jahr
  •  DB Rent Call a Bike (www.callabike-interaktiv.de) hat stadtweit rund 1500 Leihräder. Sie stehen bevorzugt an Bahnhöfen, haben aber keine festen Stationen. Kosten: 15 Euro lautet der Tagespreis, 72 Stunden kosten 40 Euro, bei zwei Rädern gibt es Rabatt, ein Abo ist möglich
  • Swapfiets (www.swapfiets.de) hat rund 3000 Exemplare in der Stadt – Erkennungsmerkmal ist das blaue Vorderrad. Kosten: im Abo 17,50 Euro monatlich, das Rad bleibt beim Ausleiher
  • Donkeybike stellt 800 Bikes in der Innenstadt an variierenden Standorten. Kosten: ein Tag entspricht 14 Euro, zwei Tage 25 Euro, wenn man unter 30 Minuten unterwegs ist, kostet es nur zwei Euro

Lesen Sie hier aktuelle Nachrichten aus den Stadtteilen

Ihr Viertel ist nicht dabei? Eine große Auswahl weiterer Lokalthemen finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Nach langem Kampf um Standort: Circus Roncalli mit neuer Show in München
Nach langem Kampf um Standort: Circus Roncalli mit neuer Show in München
Streit um Zwergziege – Darf Hui Buh bei seinen Besitzern bleiben?
Streit um Zwergziege – Darf Hui Buh bei seinen Besitzern bleiben?
S3/S8: Wegfall der Taktverstärker – Taskforce für S-Bahn München soll es richten
S3/S8: Wegfall der Taktverstärker – Taskforce für S-Bahn München soll es richten
Paukenschlag: Münchner Grünen-Chefin tritt zurück
Paukenschlag: Münchner Grünen-Chefin tritt zurück

Kommentare