Lehren aus der NS-Diktatur

Gegen Rechtsextremismus und Hass-Parolen: Was München von der „Weiße Rose“ lernen kann

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In Gedenken an den Mut der Widerstandskämpfer: Ein Militärbischof, einige Akademiker und Autoren sowie der Enkel eines Hitler-Attentäters diskutieren darüber, wie die Münchner rechtem Extremismus und Hass-Parolen entgegentreten können.

Fast 80 Jahre nach der NS-Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ kann man von deren Einsatz lernen. Was, das verrät unter anderem Berthold Goerdeler, der Enkel eines der Hauptakteure eines Hitler-Attentats.

Das Urteil im NSU-Prozess wurde vor einem Jahr in München gefällt. Und schon wieder erschüttert ein Mord, bei dem mutmaßlich ein Rechtsradikaler den CDU-Politiker Walter Lübcke erschossen hat, die Republik. Eine Podiumsdiskussion in der Münchner Hochschule für Philosophie widmet sich jetzt der Frage, was man gewählten Volksvertretern entgegensetzen kann, die unverhohlen die NS-Diktatur verharmlosen. 

Akademiker, der katholische Militärbischof, Autoren sowie die Spitze der ethischen Bildung von Soldaten diskutieren am Montag, 15. Juli, von 15 bis 18.30 Uhr in der Hochschule für Philosophie, Kaulbachstraße 31, über das Thema: „Weiße Rose: Ethik des Widerstands gestern und heute“. Hallo hat vorab mit einigen Referenten gesprochen.

Hanni Kinadeter

Was wir von den Widerstandskämpfern der NS-Zeit lernen

Veronika Bock, Direktorin des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften.

Sie hat die Veranstaltung maßgeblich mitorganisiert: Veronika Bock, die Direktorin des Zentrums für ethische Bildung in den Streitkräften (Zebis). Das Zebis will die ethische Kompetenz von Soldaten fördern und ist Bildungspartner der Bundeswehr bei aktuellen Fragen. Im Interview verrät Bock, was sie Rechtsradikalen entgegen setzen will.

Mehr als 2000 Bundeswehrler sind Medien zufolge AfD-Mitglieder. Was wollen Sie populistisch-nationalistischen Tendenzen entgegensetzen?
Wir im Zebis unterstützen Multiplikatoren, die Militärseelsorger bei ihrer Aufgabe des „Lebenskundlichen Unterrichts“, eine Form der ethischen Bildung in der Bundeswehr. Die Militärseelsorger sprechen in diesem „geschützten Raum“ offen mit den Soldaten – wenn diese es wollen, auch über Populismus und Rechtsextremismus. Auch Podiumsdiskussionen tragen zu ihrer ethischen Weiterentwicklung und zur politischen Bildung bei.

Warum erfahren die Rechten einen derartigen Zulauf?
Das ist eine Frage, die an die Menschen selbst geht. Zebis kann Soldaten nur anregen, das Gewissen zu hinterfragen.

Wie soll man Ihrer Ansicht nach mit Rechten umgehen?
Wir müssen die Errungenschaften des Grundgesetzes mit seinen Werten und Pflichten immer wieder ins Bewusstsein bringen. Bewundernswert finde ich Politiker, die sich die Zeit nehmen, allen Hass-Posts im Internet zu antworten. Dafür braucht man Mut – und sicherlich jede Menge Leidensfähigkeit.

Nicht wenige spotten hämisch über die Ermordung Walter Lübckes. Glauben Sie, dass man solche Extremisten überhaupt erreicht?
Diese Frage treibt mich selbst um. Professor Sagebiel sagte in der Vortragsreihe, rückblickend über ihre Zeit in den 80er-Jahren in Berlin: Man muss die Mauer kennen, um ihr etwas entgegen zu setzen und zu wissen, aus welcher Substanz sie ist. Aus dem Herzen spricht mir auch General a.D. Wolfgang Schneiderhan, den ich sinngemäß aus seiner Rede vom 23. Juni in Kassel zitiere: „Diesen Parolen etwas entgegenzusetzen ist das Eine, sie zu verhindern, das Andere. Wir wollen den Mut stärken, sich für den Frieden einzusetzen, für den Mut zu Empathie, Mut zum Kompromiss, Mut zur Wahrhaftigkeit und den Mut, Nein zu sagen und sich propagandistischen und menschenrechtswidrigen Strömungen zu widersetzen.“.

Was kann man von der Weißen Rose für die Gegenwart lernen?
Was die Studenten verbunden hat, war ihr Glaube, daran, dass eine andere Zukunft möglich ist. Ich finde, dass es gegenwärtig nicht nur negative Tendenzen gibt, sondern auch Bewegungen, die mich hoffnungsfroh stimmen: Etwa, dass sich viele junge Menschen bei Fridays for Future für unsere Umwelt engagieren.

Vergangenheit im Dialog aufarbeiten

Philosophin Barbara Schnellhammer organisierte die Ringvorlesung an der Hochschule maßgeblich mit.

Reden, reden, reden – so lautet die Devise von Philosophin Barbara Schnellhammer, die die Ringvorlesung an der Hochschule mitorganisierte. „Eine ganz einfache und wertvolle Möglichkeit ist es, für Menschen einen Raum zu schaffen, in dem sie einen Dialog führen können“, ist sie überzeugt. 

Denn es sei einerseits ein Bildungsauftrag, zu verstehen, wie es dazu kommt, dass Menschen anfällig für extremistische Tendenzen werden. „Die Ursache ist nie linear, das Thema ist sehr komplex. Jeder bringt seine eigene Geschichte mit, die sein Handeln und Verhalten beeinflusst“, sagt sie. Andererseits ist Reden auch deswegen wichtig, weil: „Schweigen fördert die Täterschaft.“ 

So habe ein Psychoanalytiker in seinem Vortrag für die Vorlesung betont, dass allein das Schweigen traumatisiere. „Man muss Täter- und Opferseite des Dritten Reichs aufarbeiten.“ 

Schnellhammer selbst ist bemüht, einen positiven Ansatz zu finden, einen Punkt, an dem Menschen ähnliche Bedürfnisse haben. Paradoxerweise stellte sie fest: Rechte und Flüchtlinge haben mitunter ähnliche Ängste. „Viele Rechtsradikale treibt die Angst vor Überfremdung und vor einem Kulturverlust um – die gleiche Angst, die auch Flüchtlinge bewegt, die ihre Heimat verloren haben.“ 

Schnellhammer findet es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, was man von den Widerstandskämpfern der Weißen Rose lernen kann. „Sie hatten den Mut, faschistische Tendenzen zu erkennen und sich dagegen aufzustellen.“ 

Wie die AfD mit der Weißen Rose wirbt

Der Frage, warum und inwiefern die Erinnerung an die Weiße Rose heute von Parteien aus dem rechten Spektrum missbraucht wird, wollten Schüler des Kurt-Huber-Gymnasiums in Gräfelfing in einem P-Seminar nachgehen. Den Anstoß dazu gab ihnen ein Wahlplakat auf dem stand: „Sophie Scholl würde AfD wählen“.

Also luden die Elftklässer den AfD-Landeschef Martin Sichert ein, um ihn damit zu konfrontieren. Und prompt wurden sie offenbar selbst instrumentalisiert: „Direkt nach dem Besuch postete Sichert auf Facebook, dass er am Gymnasium war, um mit den Schülern über die Weiße Rose zu diskutieren“, sagt der Leiter des Seminars, Maximilian Kolmeder. „Das war völlig verfälscht dargestellt – die Schüler waren regelrecht erschlagen.“ Immerhin, so der Lehrer, sei ihnen klar geworden, dass man sich so in die Debatte bringt. „Und sie haben sehr viel gelernt über die Mechanismen, wie Halbwahrheiten in den sozialen Medien verbreitet werden und welche Konsequenzen das hat.“

Die Sichtweise des AfD-Bundestagsabgeordneten ist indes eine andere: „Ich war zu einer Diskussion eingeladen und sie hatten verschiedene Fragen zur Weißen Rose – das habe ich im Anschluss gepostet, so wie ich es oft mache.“ Den Vorwurf weist er zurück: „Es gab dabei keinerlei Instrumentalisierung von irgendjemandem.“

Mein Opa, der Widerstandskämpfer

Der Enkel von Carl Friedrich Goerdeler hält Vorträge an Schulen und hat eine Ausstellung organisiert.

Wenn Berthold Goerdeler die letzten Zeilen liest, die sein Großvater vor seiner Hinrichtung verfasst hat, geht ihm das nahe. Sehr nahe. „Er hat sich gefragt, ob er sich zu sehr für die Allgemeinheit eingesetzt hat und zu wenig für die Familie.“

Als Carl Friedrich Goerdeler als einer der Hauptakteure, die das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 planten, aufflog, wurde er erhängt. Zehn Familienmitglieder wurden inhaftiert, Berthold Goerdelers beiden älteren Brüder zur Zwangsadoption frei gegeben. Ein harter Schlag für die Familie.

Dennoch: „Mein Vater hat mir immer ans Herz gelegt, dass es nie wieder so weit kommen darf und ich mich engagieren soll“, sagt Goerdeler. Deswegen hält der 72-Jähige Vorträge an Schulen, hat eine Ausstellung organisiert und ist Referent der Podiumsdiskussion. Feuer gefangen hat der Bogenhauser aber erst 2001. „Damals wurden Dokumente über meinen Großvater herausgegeben, die vorher weggesperrt waren“, sagt er. Historiker arbeiteten sich durch stapelweise Papiere. Endlich konnte Goerdeler, so berichtet er, widerlegen, weswegen seine Familie von vielen Seiten angegriffen wurde: „Mein Großvater war niemals Nazi.“

Denn Carl Friedrich Goerdeler gilt als einer der umstrittensten Widerstandskämpfer. Einerseits, weil er als Politiker dem national-konservativen Spektrum angehörte, andererseits, weil er zu Beginn der NS-Diktatur mit den Nazis kooperierte. „Er hat versucht, die Nazis zu mäßigen und seinen politischen Einfluss dafür zu nutzen“, ist Goerdeler überzeugt. 

Niemals war sein Großvater demnach NSDAP-Mitglied, im Gegenteil, er habe sich geweigert, die Hakenkreuz-Flagge zu hissen und sei auf Konfrontation gegangen. Das ist es, was man von seinem Großvater lernen kann, findet Gordeler: „Konfrontation in der Kooperation war seine Devise. Er erprobte, wie weit man mit Widerstand gehen kann und muss.“ Und bezahlte dafür schließlich mit dem Leben.

Dem pensionierten Juristen ist bewusst: „Es ist fünf vor zwölf, die Gefährdung ist heute groß und wir müssen aufpassen, dass uns das Ganze nicht entgleitet.“

Trotzdem warnt er vor einer pessimistischen Grundhaltung: „Man darf keine Angst bekommen. Als mein Großvater aktiv war, gab es etwa 100  000 weitere Gegner des NS-Regimes. Heute sind wir viele, viele mehr, die Rechtsextremismus ablehnen. Die jungen Leute wissen: Es darf so nicht weitergehen.“

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