Ist das wirklich grün?

Erneuerbare Energien: Experte erklärt das Geschäft rund um den Ökostrom

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Wo Windkraft drauf steht ist nicht immer welche drin: Experte zeigt auf, wie man an echten Ökostrom kommt.

Ein Herz für die Zukunft: Um eine grüne und gerechte Welt auch für nachfolgende Generationen schaffen zu können, sind Investitionen in Nachhaltigkeit unabdingbar – wie sehr, erklärt Philipp Kuhn.

Rund 17 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland wurden 2018 aus erneuerbaren Energien bereitgestellt. „Ökostrom ist ein Wort aus dem Marketing und kein feststehender Begriff“, erklärt Philipp Kuhn vom Lehrstuhl für Erneuerbare und Nachhaltige Energiesysteme der TUM. Es gibt mehrere Varianten, wie man den Begriff interpretieren kann.

Die einfachste: Der Anbieter kauft Strom an der Strombörse. „Ob dieser aus Braunkohle, Atom oder erneuerbaren Energien ist, sieht man dem Produkt nicht an.“ Man bekommt sogenannten grauen Strom, der als grüner Strom angeboten werden kann, wenn der Anbieter entsprechende Herkunftsnachweise zukauft. Dieser Anteil beinhaltet dann Strom aus erneuerbaren Energien, der aber aus ganz Europa stammen kann. Aktuell werden nur 15 Prozent der Herkunftsnachweise in Deutschland produziert. „Man muss immer auf das Kleingedruckte achten. Dort wird ausgewiesen, woher der Strom stammt“, so Kuhn. Eine neue Entwicklung: „Durch den Erwerb von regionalen Herkunftsnachweisen kann der Stromanbieter diesem Anteil auch noch ein lokales Gesicht geben.“

Philipp Kuhn vom Lehrstuhl für Erneuerbare und Nachhaltige Energiesysteme der TUM.

Herkunftsnachweise dürfen allerdings nur für Strom aus erneuerbaren Energien erstellt werden, wenn dieser nicht durch die EEG-Umlage – mit der der Ausbau der erneuerbaren Energien finanziert wird – subventioniert wird. Die EEG-Umlage zahlt jeder Stromverbraucher als Teil des Strompreises. Im Jahr 2019 beträgt sie 6,4 Cent pro Kilowattstunde. „Über die EEG-Umlage bekommt aktuell jeder den gleichen Anteil am guten Gewissen.“

Wer echten Ökostrom möchte, muss sich einen entsprechenden Vertrag suchen und zusätzliche Kosten in Kauf nehmen. Orientierungshilfe geben Labels wie „Ok Power“, „TÜV Nord/Süd“ und „Grüner Strom“. Um deren Siegel zu bekommen, sind von den Unternehmen zum Teil auch Investitionen in erneuerbare Energien gefordert. Für Kuhn steht fest: „Die Energiewende werden alle sehen und spüren. Das ist fair, aber nicht populär.“

Sabina Kläsener

So wird grüner Strom erzeugt

Erneuerbare Energie

Produktionsmechanismen, Vor- und Nachteile

Fernwärme

Die Kritik, dass sie mit fossilen Brennstoffen gespeist wird, trifft in der Regel zu. In München werden in der Fernwärme weniger fossile Energien und dafür mehr und mehr Geothermie genutzt. Der Gedanke der bei Fernwärme in der Regel eingesetzten Kraft-Wärme-Kopplung ist, die Energie, die aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird, effizienter zu nutzen.

Eine gute Idee, aber was ist im Jahr 2040, wenn man weg von den fossilen Brennstoffen gehen wird? Solange wir nicht bessere Alternativen haben, ist sicher Fernwärme für die nächsten etwa zwei Jahrzehnte weiterhin sinnvoll. Wenn die Energie-Wende geschafft ist und voraussichtlich Strom aus erneuerbaren Energien der dominierende Energieträger sein wird, ist es fraglich, welche Rolle Fernwärmesysteme hier spielen können. Der Neubau wird sich allerdings kaum noch rechnen.

Geothermie (hydrothermal)

Sie lohnt sich nur in Gebieten mit ausreichend geothermischem Potential – wie in München – und ist eine Option für die Wärmegewinnung. Für eine wirtschaftliche Stromproduktion ist die Temperatur zu niedrig.

Die Akzeptanz ist in der Bevölkerung nicht immer da wegen befürchteter Erdbeben. Die Bohrungen, ob Geothermie möglich ist, sind eine hohe Anfangsinvestition mit hohem Risiko. Daher gibt es die Überlegungen, wie dieses Risiko vielleicht von staatlicher Seite abgefangen werden kann.

Windkraft

Vor zwei Jahren hätte ich noch gesagt, Windenergie wird sicher das Rückgrat der Energie-Wende. Es wurde viel Geld investiert, aber mittlerweile stagniert es. Der Ausbau in Deutschland ist stark zurückgegangen. Das liegt daran, dass die Ausschreibungen für Windkraft teurer geworden sind, weil viele dieser Projekte beklagt werden. Technisch gesehen ist die Ausbeute sehr gut – vor allem im Norden Deutschlands – und preislich unter den erneuerbaren Energien sicher die aktuell günstigste Option. Aber die Akzeptanz ist schwierig, getreu der Mentalität: Not in my Backyard.

Photovoltaik

Sie läuft der Windkraft den Rang ab. Die Preise für die Ausschreibungen sind gefallen, es gibt nahezu keine Akzeptanz-Probleme und kaum Risiken. Während des Tages, wenn die Sonne scheint, wird viel Strom erzeugt. Aber was ist in der Nacht? Die Frage ist, wie wir die punktuellen Überschüsse nutzen können. Über Speichermöglichkeiten wird seit 15 Jahren gesprochen. Die Kritik, dass Photovoltaik nie so viel Energie produziert, wie für die Herstellung investiert wurde, ist mittlerweile überholt. In diesem Punkt kann man heute ein relativ gutes Gewissen haben.

Solarthermie

Ist mittlerweile etwas aus der Mode gekommen, Preislich ist es nach wie vor teuer – vor allem im Vergleich zu den stark gefallenen Preisen für Photovoltaik-Anlagen. Da es oft in Verbindung mit einem konventionellen Heizungssystem konzipiert wird, wirkt es aktuell nicht mehr zeitgemäß.

Wasserkraft

Seit über 100 Jahren ausgereift und ausgereizt – das günstigste was wir machen können. Die Wasserkraft weiter auszubauen widerspräche dem Zeitgeist, da wir mittlerweile mehr über die Renaturierung von Gewässern sprechen. Hier gibt es in Europa kaum zusätzliches Potential.

Biomasse

Das Problem ist die Teller-Tank-Diskussion, ob ich Nutzpflanzen anbaue nur um aus ihnen Energie zu gewinnen. Das ist eine ethische Frage, daher lautet der Konsens, dass mittelfristig nur Abfallprodukte genutzt werden sollten. Dadurch ist aber auch das Potential dieser Technik begrenzt. Die Überlegung, Biomasse zu importieren, ist aus Gründen der Nachhaltigkeit eher keine Option.

Sabina Kläsener

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