Doch noch die Kurve gekriegt

Hier wird München clean – Drogensüchtiger berichtet von seinem Entzug

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Auf dem Gelände des Klinkum Schwabing: die „Villa“ eine Entgiftungsstation für Opiatabhängige.

Nach ihrer Wiedereröffnung 2019, dient die Entgiftungsstation „Villa“ in Schwabing nun wieder als Anlaufstelle für Patienten, die unter Opiatabhängigkeit leiden. 

Über sein halbes Leben ist Michael G. (Name von der Redaktion geändert) drogenabhängig. „Das begann ganz klassisch: Neugierde, falsche Freunde“, erzählt der 40-Jährige aus der Zeit, als er mit 16 immer weiter abrutschte. In den „Sumpf“, wie er sagt. Dabei komme er „aus guten Familienverhältnissen“, hatte eine „liebevolle Kindheit“. Seine Eltern unterstützen ihn auch heute. 

Damals rauchte er zunächst THC, nahm Ecstasy, dann Kokain. Und später Heroin. „Du hast alles unter Kontrolle, du kannst es dir erlauben. Die anderen sind die Junkies. Du wirst nie abhängig“, sagte er sich damals. 

Heute klingt das schonungslos anders: „Ich habe eine schwere Opiatabhängigkeit.“ Seit acht Tagen ist der Münchner in der Entgiftungsstation „Villa“ in Schwabing, die gerade wiedereröffnet wurde. Lange Zeit war unklar, wie es dort weitergeht – erst nachdem das Haarer kbo-Isar-Amper-Klinikum die Trägerschaft übernahm, war die Finanzierung gesichert. Jetzt stehen 16 Betten zur Verfügung, hauptsächlich sollen dort Patienten unter 30 Jahren behandelt werden. „In diesem Alter ist eine Weichenstellung Richtung Abstinenz noch möglich“, erklärt Chefarzt Prof. Dr. Ulrich Zimmermann. 

Chefarzt Prof. Dr. Ulrich Zimmermann

„Wir begleiten in der Villa den körperlichen Entzug mittels Sport- und Kunsttherapie, gemeinsamen Aktiväten und ärztlicher Behandlung.“ Drei bis sechs Wochen dauert der Aufenthalt. „Leider brechen aber viele vorher ab. 

G. hingegen ist dieses Mal entschlossen. 21 Monate war er zuletzt clean. Diese Zeit hat er wegen Ladendiebstahl im Gefängnis verbracht. „Mir hat der Knast in Landsberg gefallen“, sagt er. „Ich weiß, das klingt komisch. Aber endlich war mein erster Gedanke nicht mehr: Wo kriege ich das Zeug her, dass ich den Tag überlebe.“ 

Nach der Haft lockten schnell alte Gewohnheiten. 40 bis 50 Euro gab G. täglich für Drogen aus. „Heroin ist teuer. Unter 50 Euro brauchst du in München gar nicht los.“ Also nahm er häufig Ersatzstoffe und Tabletten. „Doch der Konsum machte keinen Spaß mehr. Der innerliche Kampf frisst mich auf. Dass ich mich einerseits machtlos fühle, aber am cleanen Leben festhalten will, weil es schön ist.“ 

Einen Plan, wie dieses nach dem Entzug aussehen soll, hat G. bereits: Neue Handynummer, neuer Job. Eine ambulante Therapie, um nicht rückfällig zu werden. „Egal was die anderen denken, egal wie oft ich es schon probiert habe.“ 

S. Obermeir

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