Man hört sie aus dem Verborgenen...

Stimmen aus dem Off: Das sind die Gesichter hinter den Münchner Sprechern

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Seit 34 Jahren bringt Otto Künzel die Münchner Fahrgäste ans Ziel.

Ihre Stimmen hört man jeden Tag – beinahe, als würde man sich kennen. Doch welche Menschen stecken tatsächlich hinter U-Bahn- oder Fahrgeschäft-Ansagen? Hallo hat nachgehakt und sie gefunden...

Gute Nerven als Verstärker

München – „Haben wir das so in der Schule gelernt? Ich glaube nicht – also nicht in die Türen stellen und dem Spezl aufhalten, die nächste U Bahn kommt bestimmt und wir verspäten uns sonst. Zurückbleiben bitte!“ Die freundliche, aber doch mahnende Stimme in der U-Bahn der Linie 3 Fürstenried West gehört Otto Künzel (57). Den Münchner hat vielleicht schon jeder Fahrgast der MVG einmal gehört, denn Künzel fährt montags bis freitags in zwei Schichten, ist mit den sogenannten „Verstärkerlinien“ im U-Bahn-Netz unterwegs.

Morgens und spätnachmittags – immer dann, wenn der Bahn-Takt mit dem Abstand von zwei bis drei Minuten am dichtesten und das Fahrgastaufkommen sowie der zeitliche Druck hoch ist, sitzt er im Fahrerstand der U-Bahn. Dann sind seine Durchsagen auch besonders wichtig, weiß er: „Ich habe Verantwortung für meine Fahrgäste. Ich will, dass sie gut und vor allem gesund ihr Ziel erreichen.“ Bereits seit 34 Jahren ist er dabei, hat den Ausbau der U-Bahn miterlebt. Seitdem hat sich einiges stark verändert. „Früher war es gemütliches Fahren. Heute ist die Spannung bei allen hoch – bei uns Fahrern und den Gästen.“

Mehr Menschen, mehr Züge, „manchmal kann ich den Druck bei allen mit einer netten Ansage rausnehmen“, ist seine Erfahrung. „Mei, steigt’s halt ned immer an der ersten und letzten Tür ein. Des weiß ma doch, dass wir mehrere haben.“ Die Fahrgäste im Wagon lächeln sich dann an. Die, die sich an den Türen drängen, halten inne, drücken weniger den Vordermann.

Künzels launige, manchmal strenge Durchsagen sind für ihn, als langjähriger Chef im Fahrerstand, deshalb nicht nur notwendig, sondern auch eine echtes Bedürfnis. Zwei schlimme Personenunfälle hat er selbst erlebt: Ein Suizid und ein Kreislaufkollaps auf den Gleisen haben ihn lange beschäftigt.

Ob er trotzdem doch nie an einen Job-Wechsel gedacht hat? „Nein, nur in der Leitstelle zu sitzen, wäre nichts für mich. Ich mag den Kontakt zu den Menschen.“ Dabei mangelt es denen oft an Respekt, wenn ihm mit der geballten Faust gedroht wird, er durch die geschlossene Fahrertür beschimpft wird, dagegen getreten wird. Im Privatleben findet er Ruhe und Ausgleich: „Meine Frau und meine Tochter sind lebende Engerl – und auch der da hilft mir“, sagt er und blickt bedeutungsvoll nach oben.

Oft kommen tatsächlich Fahrgäste zu ihm in den Fahrerstand. „Wenn mir jemand sagt, ‚Ihre Durchsagen waren echt super, dann weiß ich, dass ich den richtigen Job habe!“

Marie-Julie Hlawica

Sie bekommt hier sogar Heiratsanträge

Chefin am Mikro: Paula Eckl im Kassenhäuschen des „Techno Power“.

München – „Einsteigen bitte, die Bügel schließen, jetzt geht’s los!“ Wie oft Paula Eckl (48) im letzten Jahr diesen Satz gesagt hat? „Millionen Mal?“, fragt sie lachend. Kein Wunder – sie betreibt mit ihrem Mann Manfred das rasante Fahrgeschäft Techno Power auf Volksfesten wie der Wiesn, wie auch dieses Jahr ab Freitag, 26. April.

Seit 25 Jahren ist die Münchnerin mit italienischen Wurzeln dabei, macht März bis November Ansagen. „Locker, flockig, witzig und entspannt“, beschreibt Eckl ihren Sprach-Stil, animiert Kunden. „Es war ein Sprung ins kalte Wasser, ich war medizinische Assistentin – sollte ans Mikro! Am Anfang war ich zaghaft, jetzt ist es Routine.“

Die ist nicht immer einfach: „Bei Regen ist es zäh, da mach ich mehr Witze, um die Münchner zu holen.“ Manche sind neugierig: „Sie wollen wissen, wer sich hinter der Stimme verbirgt.“ Heiratsanträge sammelt die Schaustellerin förmlich: „Di heirat i vom Fleck weg!“ oder „Madl, Du bist die Richtige für mi.“ Die lehnt die zweifache Mutter dankend ab. „Ihr könnt aber einsteigen, zwei Plätze sind noch frei“, bietet sie an. „90 Prozent der Gäste haben Spaß, für die anderen zehn Prozent bin ich der Prellbock. Ich nehm’ aber nichts persönlich.“

Marie-Julie Hlawica

Traber setzen auf bewährtes Pferd

Seit den 90er Jahren die Stimme hinter der Trabrennbahn: Sascha Multerer.

München – Das erste Mal hat Sascha Multerer ein Rennen auf der Trabrennbahn in Dagl­fing kommentiert, da war er noch Student, Ende der 90er-Jahre war das, und er völlig unvorbereitet. „Der Sprecher ist während des Renntages krank geworden“, erzählt der heute 42-Jährige. „Also hat der Geschäftsführer zu mir gesagt: Du machst das jetzt.“ Gesagt, getan – und Multerer ist dabei geblieben.

Ein Sprechtraining hat er nie absolviert, stattdessen hat er damals Zuhause geübt. Entweder im Bad vor dem Spiegel oder vor dem Fernseher mit einer Videokassette. Selbst als Student war Multerer, der im Münchner Osten wohnt, als Sprecher gewissermaßen ein alter Hase. Denn: „Meine Religionslehrerin in der Schule hat eine Radiosendung gemacht und mich und einen Freund jedes Wochenende ins Studio eingeladen. Wir durften Texte für die Kinderecke einsprechen“, erinnert sich Multerer, der bei seiner Radio-Premiere zehn Jahre alt war. Zwischendrin hat er Rennen für Fernsehproduktionen kommentiert, auch in den USA, hat in der Renntechnik gearbeitet und als Pressesprecher.

Bis im vergangenen Jahr der bisherige Sprecher auswanderte – da riefen die Traber wieder an. Multerer sagte sofort zu.

Die größte Herausforderung ist für ihn: „Man muss alles im Blick haben, auch das, was man nur aus den Augenwinkeln beobachten kann.“ Einige Rennen wird der 42-Jährige nie vergessen – sei es, weil die Pferde so herausragende Leistungen gebracht haben, das Rennen besonders spannend war. Oder, weil er oder seine Kollegen einen romantischen Heiratsantrag oder heitere Geburtstagsgrüße vortrugen. „Wir sind so familiär hier, dass wir das machen können.“ Auch seine Mutter war bei den Trabern angestellt. Lediglich eine so schöne Aussicht hatte sie von ihrem Büro aus nicht: Die Sprecherkabine ist im zweiten Stock, Multerer thront über dem Rennen, damit er alles im Blick hat.

Hanni Kinadeter

Wenn es in der Stadt brennt, hört alles auf seine Ansagen

Kevin Holzner ist seit 2002 bei der Münchner Berufsfeuerwehr, seit 2015 Mitarbeiter in der Leitstelle.

München – Erst kommt das Licht, dann der Gong, dann die Stimme, die auf der Feuerwache erschallt: „Bei uns ist der Ablauf einer Durchsage streng geregelt, da gibt es keine Abweichung, das gilt für ganz Bayern und natürlich auch für die zehn Brandwachen in München.“

Kevin Holzner (39) ist seit 2002 bei der Münchner Berufsfeuerwehr, seit 2015 einer der bis zu 16 Mitarbeiter in der Leitstelle, die jährlich eine Million eingehende Anrufe über die Rufnummer 112 bearbeiten. An der staatlichen Feuerwehrschule Geretsried wurde Holzner acht Monate zum Funksprecher geschult und geprüft.

Im Ernstfall muss ja alles stimmen: „Straße, Hausnummer, Objekt und Schlagwort werden gemeldet.“ So wissen die Einsatzkräfte in den Brandwachen in 60 bis 90 Sekunden nach Meldeanruf durch Holzners Durchsage, worum es geht, welche Löschzüge gefragt sind, ob ein Rettungswagen mit ausrückt. Computer und GPS unterstützen die Mitarbeiter im 24 Stunden-Schichtdienst.

Besonders ereignisreich – Wochenenden und vor Feiertagen. „Da ist der Münchner sehr aktiv.“ Holzners Stimme bleibt auch bei sehr vielen, dramatischen Brand- und Rettungsmeldungen professionell: „Die Routine nimmt den Stress.“ Oberstes Gebot für den Feuerwehrmann: „Jeder Brand wird gleichberechtigt behandelt.“

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