Von Kippas und Klischees

Darum kann man in München Juden mieten

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Natan Skibinski möchte einen Dialog starten.

Am 9. November erinnert sich München an die Reichspogromnacht, in der Synagogen brannten, doch auch an den übrigen Tagen soll das ungewöhnliches Projekt "Rent a Jew" aufklären...

Doch für Natan ­Skibinski steht fest: „Jude zu sein bedeutet mehr, als sich nur mit Antisemitismus auseinanderzusetzen.“ Der 20-jährige Münchner engagiert sich bei „Rent a Jew“. Die Organisation will dem Judentum ein Gesicht geben – wie das von Skibinski. 

Der Student praktiziert offen seine Religion, hält sich an Essensvorschriften, geht an Feiertagen nicht in die Uni. Zirka einmal im Monat wird er meist in Schulklassen eingeladen. 

„Oft werde ich etwas zu Antisemitismus gefragt, aber es sind weniger Fragen, als man denkt.“ Direkte Anfeindungen hat er selbst noch nicht erlebt, doch manche sogenannte Späße gingen ihm zu weit. Drei Vorschläge für das Abi-Motto 2018 am Luitpold Gymnasium, das Skibinski besuchte, lauteten: „Verbrennt die Duden“, „Abi macht Frei“ und „Wollt ihr den totalen NC“. 

Er ging zum Schulleiter, der die Vorschläge von der Wahl ausschloss. „Das werte ich als dummen, unreflektierten Humor.“ Dem 9. November sieht er gerade mit gemischten Gefühlen entgegen: „Viele junge Juden wie mich nervt das Thema. Aber es muss daran erinnert werden, weil es unfassbar ist, was passiert ist.“ 

Schülern werde das Thema aber oft falsch vermittelt, wenn Langeweile die Reaktion sei. Skibinski wünscht sich außerdem, dass Gesetze härter durchgesetzt werden. „Es gibt das Klischee, dass man angeblich nichts gegen Juden sagen dürfe, da man sonst sofort verknackt wird.“ 

Die Realität sei eine ganz andere. Doch meist beschäftigen den Studenten Alltagsprobleme wie mangelnde Rücksicht auf Feiertage wie den Schabbat. An dem darf er keine Arbeit verrichten – weder kochen, schreiben noch technische Geräte benutzen. „Das Judentum ist eine praktische Religion mit vielen Regelungen. Jude zu sein nimmt viel Zeit in Anspruch.“ 

Doch Pflichtpraktika seines Studiums der molekularen Biotechnologie fänden am Schabbat statt. „Das wirft mich im Studium zurück.“ Ein generelles Problem: „In Deutschland wurde das Staatsexamen schon mal auf Jom Kippur gelegt.“ 

Er wünscht sich mehr Rücksicht – nicht nur nach einem Anschlag wie in Halle. 

S. Kläsener

„Rent a Jew“

Rund 100 000 Juden leben in Deutschland, doch viele Deutsche kennen keinen Juden persönlich. Diese Lücke will seit 2015 „Rent a Jew“ schließen, ein Projekt der Europäischen Janusz Korczak Akademie in München. 

Es vermittelt ehrenamtliche Referenten an Bildungseinrichtungen, um Fragen zu beantworten und Vorurteile abzubauen. „Es geht nicht nur um uns Juden. Eine Gesellschaft, die Judenhass toleriert, lässt auch andere Formen des Menschenhasses zu“, erklärt Bundeskoordinatorin Mascha Schmerling.

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