„Tradition spielt keine Rolle mehr!“

Im Münchner Rathaus wird saniert – diese alteingesessenen Geschäfte wird es nicht mehr geben

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Die Stadtinformation soll mit dem Stadtratsbeschluss von 2018 größer und moderner werden. Dem soll das links direkt angrenzende Café von Inge Renner zum Opfer fallen

Weil die Stadtinformation größer werden soll, müssen einige traditionelle Läden ihre Sachen packen. Die Betreiberinnen können die Entscheidung der Stadt nicht nachvollziehen...

München – Das neue Jahr beginnt für Heidemarie Pauli (78) mit Wehmut: Am 20. Januar schließt ihr Traditionsgeschäft „Riederer“ für Trachtenbedarf, Perlen und Kettenknüpferei. Seit 1752 existiert der Laden, seit 1909 in den Arkaden des Münchner Rathauses. 

Pauli selbst steht seit 56 Jahren dort hinter dem Tresen, repariert Familienschmuck und findet die richtigen Knöpfe zum Dirndl. Stammkunden sind wütend. „Eine Frechheit, für Tradition ist in München wohl kein Platz mehr“, schimpft beispielsweise Annelise Roßmeier. 

. Bereits seit 1752 gibt es das Fachgeschäft Riederer. Am 20. Januar muss Heidemarie Pauli es schließen.

Pauli selbst mag an ihren letzten Tag im Geschäft gar nicht denken. Die Besitzerin versteht  die Entscheidung der Stadt nicht. „Dass dieses Geschäft stirbt, ist das Letzte, was ich gewollt hätte“, bedauert die Münchnerin.

 „Ich hätte Nachfolger gehabt – doch sie wurden trotz meiner Einwände abgelehnt“, bedauert Pauli. „Grundsätzlich kann das Geschäft nur Personen weitergegeben werden, die enge Familienangehörige sind oder bereits im Laden mitgewirkt haben“, erklärt Birgit Unterhuber, Sprecherin des Kommunalreferats. 

Die europäischen Ausschreibungsrichtlinien verzögert die schnelle Neubelegungen zudem. So stehen derzeit mehrere Läden in den historischen Rathausarkaden auf der Seite der Dienerstraße leer, wo einst ein Kindermodengeschäft und ein Schirmmacher war. 

„Noch im Laufe 2020 werden die Läden nach der Sanierung wie üblich öffentlich im Sinne des vom Stadtrat entschiedenen Innenstadtkonzepts ausgeschrieben“, erklärt Unterhuber. 

Ebenfalls weichen müssen wird bald Inge Renner mit ihrem Café. Seit 20 Jahren führt sie es, doch nun steht fest: Die Stadtinformation in den Rathausarkaden soll größer und übersichtlicher gestaltet werden. 

„Wann ich genau zusperren muss, sagt mir bis heute keiner“, erklärt die Seniorchefin, die bis jetzt 6000 Unterschriften für den Erhalt des Cafés gesammelt hat. 

Der Grundsatzbeschluss des Stadtrates hat seit 2018 konkrete Pläne. Er will ihre Café-Fläche nutzen, um die Stadtinfo moderner und zeitgemäßer zu gestalten. 

„Die Verwaltung wird daher ermächtigt, den Mietvertrag mit dem Betreiber ordentlich zu kündigen, sobald sich die Detailplanung in einem Stadium befindet, zu dem sichergestellt ist, dass die Räumlichkeiten benötigt werden und benutzbar sind.“ 

Bis dahin darf Renner weiter machen. Wie lange? „Wann ich genau zusperren muss, sagt mir bis heute keiner“, erklärt die Seniorchefin, die bis jetzt 6000 Unterschriften für den Erhalt des Cafés gesammelt hat. 

Die Planungen hinsichtlich der Modernisierung dauern an

Bereits in der Vergangenheit gab es mehrfach Überlegungen, wie man die Räumlichkeiten für Bürger wie Touristen attraktiver gestalten kann. Matthias Kristlbauer vom Presseamt der Landeshauptstadt erklärt, dass aktuell mehrere Referate der Stadt eingebunden sind: 

„Einen Grundsatzbeschluss zur Modernisierung der Stadt- und Tourist­info im Rathaus hat die Vollversammlung des Stadtrats am 25. Juli 2018 getroffen. Die Planungen hinsichtlich der Modernisierung dauern an und werden nach Abschluss abermals dem Stadtrat vorgelegt.“

Für Heidemarie Pauli gibt es kein Zurück mehr, die historischen Regale mit den vielen Schubläden hat sie schon verkauft. 

Auch Wolfgang Nickl vom Referat für Arbeit und Wirtschaft kennt keinen konkreten Termin: „Da ist noch nichts spruchreif.“ Renner öffnet weiter ihr Café so lange sie darf. „Ich will weitermachen – gerade jetzt, wo alle Schulden der Renovierung abbezahlt sind“, beteuert Renner. 

Für Heidemarie Pauli gibt es kein Zurück mehr, die historischen Regale mit den vielen Schubläden hat sie schon verkauft. 

Marie-Julie Hlawica

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