30 Jahre nach dem Mauerfall

Immer mehr Münchner zieht es nach Ostdeutschland

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30 Jahre Mauerfall am 9. November 1989.

Am 9. November jährt sich zum 30. Mal der Mauerfall: Hallo erzählt persönliche Ost-West-Schicksale.

Die Wende kam 2016. Natürlich ist damit nicht der Zusammenbruch der DDR gemeint – der Mauerfall jährt sich an diesem Samstag zum 30. Mal. 

Sondern das Jahr, in dem den Meldedaten des Bayerischen Landesamts für Statistik zufolge erstmals mehr Münchner in die neuen Bundesländer gegangen sind, als Ostdeutsche in die bayerische Landeshauptstadt. 

Insgesamt hat München seit 1990 mehr als 114 000 Zuzügler aus der ehemaligen DDR gewonnen. 2016 kamen immerhin noch 2361 – zeitgleich zog es aber 2823 Münchner gen Osten. 

Darum ziehen mittlerweile mehr in den Osten als nach München

Ein Trend, der seitdem anhält – und für ganz Bayern gilt, wie Karin Tesching vom Kompetenzzentrum Demografie des Statistikamts weiß. „Einerseits gibt es im Osten nur noch wenige, die überhaupt nach Bayern kommen können. 

Die Altersgruppe der Unter-25-Jährigen, die in der Regel besonders mobil ist, ist dort sehr schwach besetzt.“ 

Andererseits kehren inzwischen einige wieder in die Heimat zurück: „Zum Beispiel, weil sie eine Familie gegründet haben oder die Eltern in einem Alter sind, in dem sie Pflege benötigen“, so die gebürtige Rostockerin Tesching, die selbst viele Jahre in Bayern gewohnt hat, heute aber wieder in Leipzig lebt. 

„Die Arbeitsmarktsituation im Osten lässt ein Zurückgehen auch zu.“ Zwar sei die Arbeitslosigkeit im Osten noch höher als in Bayern. Der Unterschied ist aber nicht mehr so groß, dass die Menschen scharenweise gehen. 

Direkt nach dem Mauerfall war das noch anders: Fast 8500 neue Einwohner gewann München allein 1990 aus dem Osten. Aber auch Anfang der 2000er-Jahre kamen besonders viele – laut Demografie-Expertin Tesching ebenfalls eine Frage der Arbeitsmarktsituation. 

Einen anderen Grund für hohe Zuzugsraten gab es 2006: „Damals wurde in Bayern die Zweitwohnsitzsteuer eingeführt. Darum haben viele München zum Erstwohnsitz gemacht, um die Steuer einzusparen.“ 

Zweitwohnsteuer führte 2006 zu Zuzug-Boom

Und wie geht es Tesching zufolge mit der Ost-West-Wanderung weiter? „In den nächsten zehn Jahren wird der Zuzug sicher auf einem deutlich niedrigen Niveau weitergehen.“ Alles danach werde stark von einer positiven Wirtschaftsentwicklung, vor allem im Osten, abhängen.

 Potenzial gäbe es: „Die Babyboomer sind dann in Rente und werden auf dem Arbeitsmarkt große Lücken hinterlassen.“

Von einer Frauenkirche zur anderen

„Die Entstehungsgeschichte mit dem Teufel macht die Münchner Frauenkirche zu etwas Einzigartigem“, sagt Konrad Bauer. 

Der 28-Jährige aus Gern muss es wissen: 2015 hat er das Münchner Wahrzeichen hinter sich gelassen und gegen die ebenso berühmte Dresdner Variante getauscht. An seiner Heimat hängt er aber – und das nicht nur wegen seiner Familie. 

„Am meisten vermisse ich die Isar. Besonders den renaturierten Bereich: Da kann man gemütlich sitzen, grillen und auch direkt ins Wasser gehen. An der Elbe ist das nicht möglich, obwohl sie auch mitten durch die Stadt fließt.“ 

Außerdem gebe es in Dresden weniger Viertel zum Ausgehen – und Radwege. „München ist ein Paradies für Radler! In Dresden sind die Straßen viel mehr auf Autos ausgelegt.“ In die Elbestadt gezogen ist Bauer, weil er, neben Freiburg, nur dort Forstwissenschaften studieren konnte. 

Konrad Bauer (28)  hat 2015 das Münchner Wahrzeichen hinter sich gelassen und gegen die ebenso berühmte Dresdner Variante getauscht.

„In Dresden kannte ich schon jemanden, deswegen fiel meine Wahl dann auf den Osten“, so der 28-Jährige, der mittlerweile wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Dresden ist. In seiner neuen Heimat ist er immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert: So wurde er etwa als Bierfeinschmecker aufgezogen, weil er das sächsische Bier nicht genügend würdigte. 

Ob er irgendwann zurück nach München zieht, weiß Bauer noch nicht: „Die Stadt ist einfach teuer und es ist nicht leicht, eine Wohnung zu finden. Normales Leben, besonders mit meiner Fachrichtung, ist in München schwierig.“

„Konnten uns die Stadt nicht mehr leisten“

Daniel Broszinski war ein Mann der ersten Stunde: „Meine Bäckerlehre wurde wegen der Wende vorzeitig beendet, in München konnte ich sie 1991 fortsetzen“, erzählt der 47-Jährige. 

Zunächst lebte der gebürtige Magdeburger in der Poccistraße mit anderen Lehrlingen der Firma. „Die kamen auch alle aus dem Osten.“ 2005 zogen auch seine Eltern nach München. „Eigentlich war ihr Umzug für immer gedacht. 

Aber die Mietentwicklung hat das nicht zugelassen“, erklärt Broszinski. Je über 1000 Euro zahlten Sohn und Eltern für ihre Wohnungen in Pasing. 

Damit die Rentner sich das überhaupt leisten konnten, musste Broszinki sie finanziell unterstützen – obwohl er als Verkäufer selbst nur 1700 Euro verdiente. Seit August wohnt die ganze Familie wieder in Magdeburg. 

Daniel Broszinski war ein Mann der ersten Stunde: „Meine Bäckerlehre wurde wegen der Wende vorzeitig beendet, in München konnte ich sie 1991 fortsetzen“, erzählt der 47-Jährige.

Noch ist Broszinski dort auf Arbeitssuche. Finanziell rentieren wird sich der Umzug wahrscheinlich trotzdem. „Die Gehälter sind hier zwar niedriger, aber die Mieten noch mehr.“ 

450 Euro zahlt der 47-Jährige für seine neue Wohnung, die sogar größer ist als die Münchner. Einen weiteren Grund gibt es für die Rückkehr in die Heimat: „Ich genieße die Ruhe im Gegensatz zur Großstadt. 

In den letzten Jahren ist München immer voller geworden, die Gemütlichkeit, die mir anfangs so gut gefallen hat, ist weg.“ Vermissen tut der 47-Jährige nur seine Münchner Freunde. „Aber mich erstaunt, wie zuvorkommend und freundlich die Magdeburger sind.“

Wenigstens einmal im Leben weit weg von daheim

Weil ihr Freund bereits in München lebte, zog es auch Wiebke Könning 2017 zum Studium von Stralsund nach Bayern. „Die Ostsee vermisse ich sehr“, sagt angehende Zahnmedizinerin aus Sendling-Westpark. 

„Man ist nicht direkt am Strand. In München dauert es länger, aus der Stadt rauszukommen.“ Gerade am Anfang sei das Leben in der Ferne schwer gewesen, bis heute habe die 20-Jährige manchmal Heimweh. 

„Aber ich finde es wichtig, einmal weit weg von der Heimat zu sein und über den eigenen Tellerrand zu blicken.“ Selbstverständlich sei das nicht: „Viele meiner Freunde würden nie in den Westen ziehen, weil sie den Osten viel cooler finden, Leipzig oder Dresden.“ 

Auch Wiebke Könning kam für ihr Studium von Stralsund nach München. Obwohl sie die Ostsee sehr vermisst, ist es ihr auch wichtig einmal weit weg von der Heimat zu sein.

Über deren Witze zu Dirndl und Weißwurst kann Könning aber nur müde lächeln. „In München wird typisches Bayerntum gar nicht so gelebt, es gibt hier ja viele Zugezogene.“ 

Vorurteile hört die Stralsunderin aber auch über den Osten immer wieder. „Letztens auf einer Party hat ein Mädchen gemeint, dass wir in Mecklenburg-Vorpommern alle AfD wählen und in Plattenbauten wohnen. 

Aber AfD-Wähler gibt es bei uns vor allem auf den Dörfern und das mit der Platte ist natürlich Quatsch.“

Ganz andere berufliche Möglichkeiten

„Die Projekte und berufliche Chancen, die ich hier in den letzten Jahren wahrnehmen konnte, hätte ich in Brandenburg so wahrscheinlich nicht gehabt“, sagt Andreas Löbe. 

Der 45-Jährige aus Frankfurt an der Oder lebt seit 2008 im Großraum München. Dabei hatte der Bauingenieur nach dem Ende seines Studiums 1999 zunächst sein Glück in der Heimat versucht. 

„Das war eine schwierige Zeit, die Baukonjunktur war – vor allem im Osten – eine ganz andere als jetzt“, sagt Löbe. Beide Firmen, für die er in Brandenburg gearbeitet hatte, sind irgendwann in Insolvenz gegangen. 

Nach einer Umschulung arbeitet Andreas Löbe (45) inzwischen im Bauamt von Planegg und lebt in Oberföhring. Zwei bis drei Mal im Jahr ist der 45-Jährige noch in Frankfurt an der Oder.

Stattdessen probierten er und seine Partnerin es dann in München – zumal schon früher ein Teil der Familie und mehrere Freunde nach Bayern gezogen waren. „Hier haben wir beide schnell eine passende Stelle gefunden.“ 

Nach einer Umschulung arbeitet Löbe inzwischen im Bauamt von Planegg und lebt in Oberföhring. Zwei bis drei Mal im Jahr ist der 45-Jährige noch in Frankfurt an der Oder. „Ein bisschen Heimatgefühl ist natürlich noch da, aber mir ist bewusst, dass sich die Stadt verändert hat.“ 

Seine alte Schule und Wohnblocks wurden abgerissen, es gibt überall neue Lokale. „Und der Freundeskreis dort ist immer kleiner geworden.“ 

Auch darum ist ein Rückkehr in die Heimat für ihn aktuell kein Thema, anders als früher: „In den ersten Jahren in München habe ich mir das immer vorstellen können.“

Romy Ebert-Adeikis/jh

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