Staade Zeit in Stadelheim

Gitter statt Glühwein – So verbringt ein dreifacher Vater die Weihnachtsfeiertage im Knast

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Manchmal gibt es einen Christbaum auf dem Gefängnisflur, doch sonst gleicht jeder Tag dem anderen.

Weihnachten läuft für viele Menschen jedes Jahr gleich ab. Für Heinz Ernst läuft Heiligabend wie jeder andere Tag. Der dreifache Vater verbringt die Feiertage im Gefängnis.

München – Heinz Ernst fürchtet das Fest. Dabei ist es ein Tag wie jeder andere, zumindest nach außen. Aufstehen: 5.30 Uhr, Mittagessen: 10.30 Uhr und Schlafen um 22 Uhr. Dazwischen: genau eine Stunde lang über den Hof schlendern, eine über den Flur. Alles wie immer also im Gefängnis in Giesing. 

Naja fast: Mittags landet ein halbes Hendl mit einem Kilo Kartoffelsalat auf dem Teller. Und irgendwo steht ein Christbaum. Aber innerlich steht alles Kopf bei Heinz Ernst, der eigentlich anders heißt. Ernst ist um die 50 und seit 448 Tagen eingebuchtet, draußen hat er drei Kinder. 

„Weihnachten ohne sie ist schrecklich“, sagt er. Aber die Feiertage sind nur eine Spitze für ihn und die Kinder. „Sie sind fürs Leben gestraft, weil ich im Gefängnis bin. Sie müssen in der Schule lügen und gehen zum Psychologen.“ Vor zwei Jahren war sein letztes Fest mit der Familie – eine glamouröse Feier im Luxushotel. Mit Geschenken, damals war Ernst Geschäftsmann, gut gekleidet, angesehen, frei. 

Heute – inhaftiert, seine Unterhosen hatten schon dutzende Sträflinge vor ihm an – sieht er seine Kinder jeden Monat genau 60 Minuten lang. Eine Ausnahme gibt es nicht einmal an Weihnachten.

 Wo er nun lebt, flackert Neonlicht aus Röhren

Die Zelle ist acht Quadratmeter groß. Die Decken hängen so tief, dass man denkt, man müsste sich ducken. Es ist staad in Stadelheim, nicht nur an Weihnachten, die Gänge sind leergefegt, die schweren Türen verriegelt. Nur ab und zu zerreißt das penetrante Surren der Tür die Stille. An diesem trüben Vormittag, kurz vor Weihnachten, schlendern Gefangene über den Hof der JVA, gierig starren sie, als lechzen sie nach jeder noch so kleinen Abwechslung. 

Gottesdienst im Gefängnis

Pfarrer Felix Walter geht hastigen Schrittes über den Hof zur Gefängnis-Kirche. Er gibt hier Gottesdienste, leitet Gesprächsrunden, einen Chor und schenkt den Gefangenen vor allem eines – sein Gehör. „Der Bedarf an seelsorgerischen Gesprächen ist immens“, sagt der evangelische Pfarrer. „An Weihnachten, aber auch sonst.“ 

Pfarrer Felix Walter (l.) hält Gottesdienste in der Gefängniskirche und unterstützt als Seelsorger.

Walter spricht mit Männern, die Kinder missbraucht haben, genauso wie mit Dieben, Schlägern, Mördern oder Wirtschaftskriminellen. 1500 Verbrecher sind im Männergefängnis in Stadelheim. Einer davon ist Heinz Ernst.Verhaftet wegen Betrugs, ein Wirtschaftskrimineller, der seine Marge gefälscht hat. Noch zwei Jahre muss er im Knast bleiben – wenn er nicht wegen guter Führung früher raus kommt. Dafür macht er alles, was nützen könnte: Ernst arbeitet innerhalb der Gefängnismauern, singt im Kirchenchor, engagiert sich bei den Gesprächsrunden. Sie sind eine wichtige Stütze für ihn: „Erst hier habe ich gelernt, dass ich als Mensch wertvoll bin, obwohl ich ein Verbrechen begangen habe.“ 

Draußen sehen manche das durchaus anders. Sein Vater zum Beispiel. Er hat ihn aus der Familie gejagt, einen Verbrecher als Sohn – für ihn inakzeptabel. Um so etwas kreisen seine Gedanken, wenn er an den Feiertagen stundenlang in der Zelle hockt. 

Hanni Kinadeter

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