Verkehrsberuhigte Zone geplant

Was bedeutet die autofreie Altstadt?

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Der Bereich, aus dem Autos weitgehend verbannt werden sollen: rot markiert der Bereich, um den es eigentlich geht, grün die Straßen, in denen es ergänzende Verkehrsuntersuchungen gibt.

Innerhalb des Altstadtrings soll der Verkehr reduziert werden. Eine Expertenrunde im Rathaus diskutiert über Zukunftskonzepte, die mehr Platz für Fußgänger und Radlfahrer einräumen sollen.

München – Die Münchner Altstadt soll autofrei werden – das beschloss der Stadtrat im vergangenen Juni. Der Autoverkehr soll beispielsweise im Tal schrittweise reduziert werden um mehr Platz für Radfahrer und Passanten und mehr Aufenthaltsqualität zu schaffen. 

Im Tal soll der Autoverkehr reduziert werden.

Wie das gehen soll – darüber scheiden sich die Geister

In einem Hearing im Münchner Stadtrat sprachen jetzt Experten aus anderen Städten über die Umsetzung solcher verkehrsberuhigten Zonen. Städteplanerin Stephanie Bremer mahnte zuerst, der Kampfbegriff „autofrei“ sei falsch gewählt. Der Verkehr werde ja nicht komplett verboten. Man würde nur versuchen, ihn so weit wie möglich zu reduzieren. 

Vor allem die Freiflächen haben in München noch großes Potenzial, bemerkte Landschaftsarchitekt Carlo Becker. Eine dichte Innenstadt wie München benötige Entlastungsräume und Wohlfühlorte. Viele Bereiche könnten zu einer attraktiven Freifläche für die Stadtbewohner werden. Die Altstadt sei nicht für Fahrzeuge da, sondern für die Bewohner. Peter Blösl von UPS stellte das Projekt des Paketdienstes vor, der in der Innenstadt erfolgreich 2250 Pakete pro Tag mit Lastenrädern ausliefere. Mit diesem Modell sei München mittlerweile Vorbild für Städte wie New York und Paris. In der Altstadt wäre es allerdings aufgrund des Paketvolumens nicht möglich, gab er zu bedenken. Man wolle es künftig aber in Haidhausen und Giesing einsetzen. 

OB Dieter Reiter forderte vom Planungsreferat jetzt ein rasches Handeln und ein Gesamtkonzept. Was Stadtbaurätin Dr. Elisabeth Merk konkret vorhat, ließ sie noch nicht durchblicken. Aber sie kündigte an, den Stadtrat in den nächsten Monaten über einige Beschlüsse abstimmen zu lassen. 

Angst im Einzelhandel und Freising als Vorbild

Im Vorfeld des Stadtratshearing wurden Stimmen aus Handel und Wirtschaft laut, die frühzeitig an der Planung beteiligt werden wollen. Die größte Sorge ist der Wegfall von Parkplätzen für den Lieferverkehr. „Die Innenstadt erreichen und durchqueren zu können, ist für unsere Handwerksunternehmen existenziell wichtig. Sie benötigen Flächen zum Liefern und Leisten“, betont Frank Hüpers, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer. 

Mit ähnlichen Forderungen musste sich auch die Stadt Freising auseinandersetzten, als sie 2009 beschloss, den Verkehr in der Altstadt zu reduzieren. Freisings OB Tobias Eschenbacher erklärte beim Hearing , wie die Einzelhändler vor Ort bei dem Planungsprozess eingebunden wurden. Auch hätte es einen ständigen Austausch mit den Bewohnern der Freisinger Innenstadt gegeben. 

Über Münchens eigenes Beispiel der jüngsten Vergangenheit, die Umwandlung der Sendlinger Straße in eine Fußgängerzone, wurde bei dem Hearing nicht gesprochen. Das Marktforschungsinstitut des IVD Süd hatte im Sommer 2019 eine Passantenfrequenzzählung für die Münchner Innenstadt präsentiert. „Zu den Top-Einkaufsadressen zählen in München nach wie vor Kaufingerstraße und Karlsplatz“, so Professor Stephan Kippes. „Die Sendlinger Straße holt nach der Umgestaltung auf, von Rang 9 im Jahr 2017 zu Rang 5 im Jahr 2019.“

jh

Kommentar: Enttäuschender Startschuss

Weniger Autos in der Altstadt – da will München hin. Wie das gehen soll? Wie das zusammenspielt mit den Beschlüssen vom Dezember, nach denen Fahrspuren und Parkstreifen in der Innenstadt für breitere Radwege wegfallen? Und mit dem Wegfall zweier Fahrstreifen auf der Ludwigsbrücke? 

Dafür, dass in dem Expertenhearing so oft ein Gesamtkonzept gefordert wurde, spielte es nie konkret eine Rolle. Auch manche grundlegenden Fragen hätte man den Stadträten mit nach Hause geben können: Wie viele Parkplätze braucht es noch in der Innenstadt? Ist eine komplette Fußgängerzone besser als Flanieren neben dem Stau? Helfen Shared-Car-Konzepte? Wie manövriert man den öffentlichen Verkehr auf schmalen Flächen? Stattdessen gab es Begriffsdefinitionen und Pauschalaussagen. Und einen Vortrag zu der bereits lang diskutierten Begegnungszone in Wien, die nach deutscher Straßenverkehrsordnung nicht einmal eine Option für München ist. Jetzt mahnt OB Reiter an, die Verwaltung muss schnell ein Gesamtkonzept entwickeln. Dafür war dieses Hearing ein enttäuschender Startschuss. 

von Maren Kowitz, Redaktionsleitung

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