Auf der Suche nach der Geselligkeit

Karl Stankiewietz führt Münchner an die ehemaligen gemütlichen Treffs

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Aus is und gar is – in Münchens ältester Wirtschaft Hundskugel besuchte Stankiewitz den schillernden Modezar Rudolf Moshammer. Er feierte dort im ersten Stock rauschende Feste.

München - „Aus is und gar is“: So viele einzigartige Orte der Geselligkeit fielen in den letzten Jahrzehnten dem Abriss zum Opfer - Reporter Karl Stankiewitz kämpft jetzt für ihr Andenken

Früher gab es verruchte Revuetheater, frivole Varietés, urige Gaststätten. Hier trafen sich die Münchner, feierten rauschende Feste, genossen das Leben: Die 30er-, 40er-, 50er-, 60er- und 70er-Jahre – sie alle hatten ihre Treffs, die die Zeit so einmalig und speziell machten. 1910 gab es noch 2400 echte Gasthäuser in der Stadt. Die „Schwemmen“ waren für Arbeiter und Tagelöhner.

Das Schwabylon war einmalig in Europa! Nicht zuletzt deshalb ziert das Haus das Buchcover.

Alles ist weg, bedauert Karl Stankiewitz, Reporter und gebürtiger Münchner: „Es gab so viele einzigartige Orte der Geselligkeit. Sie fielen dem Abriss zum Opfer – jetzt trifft es auch noch den Andechser am Dom“, bedauert der 89-Jährige, der seit 1941 im Lehel lebt und München in- und auswendig kennt. Den großartigen Treffs in München hat Stankiewitz jetzt ein Denkmal gesetzt – mit seinen Buch „Aus is und gar is“. „Ich wollte, dass man sich erinnert, wie München wirklich war!“ 

Da die Erinnerung allein nicht reicht, setzt sich Stankiewitz auch dafür ein, dass künftig Treffpunkte erhalten bleiben. „Denkmalschutz genügt nicht. Man muss erhaltenswerte Gebäude, Zeit- und Stilzeugen schützen!“ Außerdem forderte er Bilder oder Gedenktafeln an Neubauten anzubringen, die zeigen, was einst dort stand. Eben dies will Stankiewitz interessierten Münchner auch persönlich nahebringen. Er bietet am Freitag, 22. Juni, zwei Stadtführungen dazu an. Marie-Julie Hlawica

Schwabylon: Citta 2000, Yellow Submarine

Das Schwabylon in der Leopoldstraße war eines der ersten Multi-Kulti-Angebote - wie Karl Stankiewietz es bezeichnet.

„Das Schwabylon in der Leopoldstraße war eines der ersten Multi-Kulti-Angebote“, schwärmt Stankiewitz. „Das war einzigartig.“ Das utopische Konzept von 1973 in dem fensterlosen Haus vereinte Büros, Wohnungen und Ateliers, genannt Citta 2000. Hier gab es hundert Läden, zwölf Restaurants, Biergarten und Spielhallen. Außerdem ein Kino, Solarium, Schwimmbad, eine Eislaufhalle, Sauna und Therme. Am außergewöhnlichsten war der Disko-Club daneben, das Yellow Submarine. Hier gab es ein begehbares Aquarium: in Form einer neun Meter hohen, auf drei Stockwerken von Stuhlreihen umringten Stahlkugel. Hinter Panzerglas tummelten sich 40 Haie sowie Fische und Schildkröten in 650 000 Liter Meerwasser – einmalig in Europa! Nicht zuletzt deshalb ziert das Haus sein Buchcover.

Prunk in der Hundskugel – Wiedersehen mit dem Café Roma?

Gabriel Lewy plant das Café Roma im Nachbargebäude von damals wieder aufleben zu lassen.

Karl Stankiewitz war in den 70er-Jahren viel unterwegs. „Im Song Parnass, dem Jazzclub Allotria, dem Picnic für Gammler, wie man die Hippies damals nannte, oder in Künstlerkneipen wie Klara Mühle. Alle waren da, Reiche, Arme, Studenten, Professoren. Es war eine Lebenslust – mit wenig Geld.“ 

In den 80er- und 90er-Jahren änderte sich München wieder. Prunk und Protz war in. Stankiewitz war damals bei Ikone Rudolph Moshammer eingeladen, der Münchens älteste Wirtschaft von 1440, die Hundskugel, gekauft hatte und darüber wohnte: „Es gab goldene Wasserhähne, Musik aus der Kloschüssel, viel Kitsch und Plüsch und es war sehr vornehm.“ 2011 stellte das Lokal den Betrieb ein, heute beherbergt die Hundskugel eine Stiftung.

Einer der letzten Sehnsuchtsorte des Autors war das Café Roma von Gastro-Größe Gabriel Lewy. Als es 2010 in der Maximilianstraße schloss, schrieb Stankiewitz aus Protest dem Oberbürgermeister Ude. Wenigstens hier soll es ein Wiedersehen geben. Lewy plant das Roma wieder aufleben zu lassen, im Nachbargebäude von damals, das der Stadt gehört. Allerdings verzögert sich die Wiedereröffnung bereits um ein halbes Jahr.

Drugstore in der Feilitzschstraße: Ein Kultort, der wieder aufleben soll

Ein Lichtblick im Schwabinger Kneipen-Sterben: Das Drugstore am Wedekindplatz soll schon bald wieder öffnen.

Ein Lichtblick im Schwabinger Kneipen-Sterben: Das Drugstore am Wedekindplatz soll schon bald wieder öffnen. Seit März ist die Kultkneipe, die seit 1967 Jahren in der Feilitzschstraße ist, und erst vergangenes Jahr einen neuen Pächter bekommen hat, geschlossen. Doch es gibt einen neuen Pächter, gerade wird umgebaut, verrät Christoph Maier, Chef der gleichnamigen Brauerei, der das Lokal gehört. „Aber erst in vier Wochen darf ich mehr sagen“, betont er.

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