Aktionstag am Mittwoch, 27. September

„Geheilt bin ich nie“: Bewegende Beichte eines Ex-Glücksspiel-Süchtigen

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München: Sein komplettes Leben war von der Sucht bestimmt.

Spielhallenflut rund um den Hauptbahnhof – Bayerstraße, Goethestraße, Landwehr/Schillerstraße: Die Automaten-Tempel sind oft nur wenige Meter voneinander entfernt.

Jochen B. (Name geändert) war spielsüchtig – über 20 Jahre lang. Sein komplettes Leben war von der Sucht bestimmt: erst waren es Automaten, dann Sportwetten. „Tag und Nacht dachte ich nur ans Spielen.“ Mittags schnell ins Wettbüro, nach der Arbeit schnell wieder hin. Ohne dass seine Frau etwas wusste: „Ich habe ein Doppelleben geführt, habe viel gelogen.“ Als sie seine Jacke waschen wollte, fand sie Wettscheine. Jochen B. flog auf – gab alles zu. „Sie hat gesagt: wenn du dir keine Hilfe holst, verlasse ich dich.“ Er ging zum Blauen Kreuz, später zu Condrobs. 

Seit zwei Jahren ist er „spielfrei“. Dennoch bekommt der 46-jährige Münchner bis heute Schweißausbrüche, wenn er mit der Trambahn an Wettbüros vorbeifährt, die er einst besucht hat. Kein Wunder, in vielen Gegenden Münchens ist die Dichte extrem hoch: Hauptbahnhof, Ostbahnhof, Hansastraße, Frankfurter Ring – in diesen Vierteln reihen sich die Wettbüros und Spielhallen aneinander. Und das, obwohl laut Glücksspielstaatsvertrag ein Mindestabstand von 250 Metern zwischen den Spielhallen angeordnet ist. Aber es gibt Ausnahmen: „Betreiber, die vor 2011 investiert haben, können sich auf Bestandschutz berufen und eine Befreiung beantragen“, sagt Konrad Landgraf, Geschäftsführer der Landesstelle Glücksspielsucht Bayern. In München erfüllen von 227 Spielhallen 213 nicht die neuen Mindestabstandsvorschriften. Schließen müssen sie trotzdem nicht. 

Deshalb meidet Jochen B. auch die Viertel – „ich habe Angst rückfällig zu werden“. Aber damit nicht genug: Er spielt kein „Mensch ärgere dich nicht“ mit seinen Nichten und auch keine Karten mit Freunden – alle wissen von seiner Sucht. Er hat reinen Tisch gemacht: „Ich hatte so große Angst, dass niemand Verständnis hat. Aber alle halten zu mir. Ohne meine Frau und meine Familie hätte ich es nicht geschafft.“

Dennoch bleibt da diese ständige Angst, rückfällig zu werden. Deshalb mag er auch von Heilung nicht sprechen: „Die gibt es nicht.“ Es sei wie bei einem Alkoholkranken: Eine Schnapspraline und man hängt wieder drin.

Jochen B. hat 30 000 Euro Schulden gemacht – „ich bin dabei es abzubezahlen“. Denn bei Jochen B. fing es im Grundschulalter an: „Da habe ich ,Kopf oder Zahl’ gespielt. Damals ging es um zehn Pfennig. Später sei er mit seinen Eltern zum Trabrennen gegangen, auch dort wurde gewettet. „Seither war ich angefixt.“ Es folgte Billard, dann die Automaten. „Du kannst nicht aufhören, willst das verlorene Geld zurückhaben.“ Und so geriet er immer tiefer in den Strudel der Abhängigkeit – wie soviele Menschen in Bayern.

Seit 2006 hat sich die Zahl der Automaten in Bayern verdoppelt: 22 000 stehen in Spielhallen – die in Gaststätten nicht mitgezählt. „Bayern ist ein Paradies für Spielhallenbetreiber“, sagt Landgraf „denn es wird keine Vergnügungssteuer erhoben.“ In der Hansastraße gab es die größte Spielhalle Deutschlands, mit über 180 Geräten. Das muss sich jetzt ändern: Mehr als 48 Automaten darf es in keiner Spielhalle mehr geben“, so Landgraf. Ines Weinzierl

Aktionstag

Die Suchtberatungsstelle Pasing bei Condrobs beteilgt sich beim „Aktionstag gegen Glücksspielsucht“ am Mittwoch, 27. September, vor dem Pasinger Bahnhofsvorplatz von 10.30 bis 16 Uhr. Weitere Informationen gibt es unter www.condrobs.de.

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