Teestube am Limit: Nur jeder dritte bekommt einen Platz

Von frustrierten Obdachlose und überlasteten Mitarbeitern

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Schon vor der Öffnung der Teestube „komm“ bilden sich jeden Tag Schlangen.

München – Sie ist an frostigen Tagen für viele Obdachlose die erste Anlaufstelle – Doch in diesem Jahr ist die Teestube „komm“ völlig überlastet – Wie geht es jetzt weiter?

Sobald die Temperaturen sinken, wird die Schlange vor der Teestube „komm“ immer länger. In diesem Jahr ist die Lage besonders besorgniserregend: bis zu 200 Obdachlose wollen täglich für ein paar Minuten oder Stunden ins Warme. Aber es gibt nur 70 Sitzplätze. Abhilfe sollte eigentlich ein zweiter Tagestreff schaffen. Der eröffnet jetzt aber frühestens Anfang 2019.

„Ich bin in großer Sorge um die Menschen, die zu uns kommen beziehungsweise die, die nicht mehr zu uns kommen, weil es so brechend voll ist“, sagt Franz Herzog, Leiter der Einrichtung. Geöffnet sind die Räume in der Zenettistraße von 14 bis 20 Uhr. Das führt dazu, dass sich bereits vor Öffnung an der Türe lange Schlangen bilden. „Ab viertel vor zwei stehen wir hier jeden Tag an“, sagt ein Betroffener. Wer zu spät dran ist, schafft es vielleicht nicht mehr, einen Platz auf der Liste für die Dusche zu ergattern oder überhaupt nur einen Sitzplatz zu bekommen. Die Menschen warten teilweise in den Gängen.

„Jeder will schauen, dass er zu dem kommt, was er braucht.“

Anstehen für eine warme Dusche oder eine Mahlzeit. Anstehen für die Deckung von menschlichen Grundbedürfnissen. Diese Not und Verzweiflung macht sich laut Herzog bemerkbar: „Trotz Security nehmen die kritischen Situation zu. Das ist schlichtweg der Enge geschuldet. Jeder will schauen, dass er zu dem kommt, was er unbedingt braucht.“

Er berichtet auch, dass viele Menschen gar nicht mehr zur Teestube kämen, weil sie es mit so vielen Menschen auf engem Raum nicht mehr aushalten würden. Die Menschen seien unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Nationalitäten. Oft gebe es Probleme mit der Verständigung oder Vorbehalte untereinander.

Franz Herzog ist der Leiter der Einrichtung.

Auch sein Team gerate an die Grenzen, betont Herzog. Obdachlose können in der Teestube eine Postadresse einrichten und Behörden-Briefe direkt mit den Sozialarbeitern vor Ort zu besprechen. Um eine solche Adresse einrichten zu können, muss aber immer erst ein Beratungsgespräch geführt werden. In den letzten zwei Monaten haben 303 Menschen für eine Postadresse vorgesprochen. Das sind 303 Beratungsgespräche, verteilt auf nur elf Mitarbeiter. „Es strapaziert alle, die hier arbeiten“, kommentiert Herzog die Situation. Vor allem nach dem Wochenenddienst seien viele Mitarbeiter krank.

Das Team der Teestube hatte bis zuletzt gehofft, dass der neue Tagestreff der Arbeiterwohlfahrt (AWO) an der Rosenheimer Straße pünktlich zum Winter aufmachen würde. Im Juli 2017 beschloss der Stadtrat einen zusätzlichen Tagesaufenthalt. Grund dafür war die steigende Anzahl an akut Wohnungslosen in München: Ende 2015 waren es 5443, Anfang 2017 bereits 7544 Personen. Davon lebten 550 auf der Straße. Bei den Zahlen handelt es sich nur um Schätzungen. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Die Wohnungsnot bekamen vor allem Einrichtungen wie die Teestube zu spüren, wie Herzog erläutert: „Im letzten Winter war die Situation schon fast nicht mehr stemmbar.“

Trotz der Enge musste die Teestube bisher noch keinen Hilfesuchenden abweisen. Einige müssten dann draußen in der Kälte stehenbleiben und auf einen Stehplatz warten. „Die Situation für Gäste und Mitarbeiter der Teestube ist an vielen Tagen eigentlich unhaltbar.“ Trotzdem hilft nur: Weitermachen. Eine Alternative gibt es für Herzog und sein Team nicht.

Sophia Oberhuber

So wird der neue Tagestreff in Haidhausen

Der neue Tagestreff der Arbeiterwohlfahrt (AWO) an der Rosenheimer Straße 128d wird eine Einrichtung mit Sanitäranlagen, Waschmaschinen, einer Küche – und Beratungsangeboten zu Leistungen der Wohnungslosenhilfe oder anderen Hilfssystemen. Gerade diese Betreuung benötigen viele der in Not gekommenen Menschen. Das gleiche Konzept also wie in der Zenetti-

straße, aber mit größeren Räumlichkeiten. In der Teestube stehen 120 Quadratmeter zur Verfügung. In der Rosenheimer Straße sollen es um die 300 Quadratmeter werden. Davon sind etwa 200 Quadratmeter für den Tagesaufenthalt mit Sitzplätzen für 70 bis 100 Personen gedacht. Ein separater Gruppenraum und ein Bürotrakt sollen auch errichtet werden. Das muss aber vorerst noch warten: „Der Tagestreff wird erst im Jahr 2019 eröffnen. Der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest“, erklärt eine Karin Sporrer von der AWO. „Wir hoffen auf Januar oder Februar.“ Grund für die Verzögerung sei eine unvorhergesehene Verlängerung der Bauzeit.

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