Stachus

Fingerspitzengefühl gegen Krebs

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Andrea Windbichler demonstriert für Hallo München mit einer Arzthelferin den Beginn einer Untersuchung.

München: Erstmals arbeitet auch in München eine blinde Tasterin in Frauenarztpraxen.

Vorsichtig tastet Andrea Windbichler (34, rechts) die Lymphknoten einer Patientin ab. Es ist der Anfang ihrer 30 bis 45-minütigen Untersuchung in einer Münchner Frauenarztpraxis am Stachus. Mit bloßen Händen erkennt sie bereits kleinste Veränderungen – vor allem im Brustgewebe der Frau. Zauberei? Nein. Windbichler ist die erste blinde Tasterin Bayerns in der Brustkrebsfrüherkennung. Weil sie seit ihrer Geburt zu 100 Prozent blind ist, ist ihr Gespür mit den Fingern ganz besonders ausgeprägt.

Diesen sehr feinen Tastsinn nutzt sie, um Millimeter für Millimeter das Brustgewebe ihrer Patientinnen zu erfühlen – Zysten, Knoten und Veränderungen zu erspüren. „Manche Frauen haben Scheu vor einer Strahlenbehandlung oder Angst vor den Schmerzen der Mammografie“, sagt Windbichler. „Das Tasten ist eine Alternative. Es ist gesundheitlich unbedenklich und absolut schmerzfrei.“ In etwa 30 Prozent der Fälle wird zusätzlich der Arzt konsultiert. Etwa, wenn das Gewebe sehr dicht ist oder sie tatsächlich eine Veränderung getastet hat. Sogar bei Frauen mit Implantaten kann die Methode angewandt werden.

Seit bald sieben Jahren arbeitet die 34-Jährige schon für das Projekt „Discovering Hands“ (siehe unten). Zunächst in Erlangen, seit kurzem in München. Mittlerweile ist die Tastung als Baustein der Früherkennung so bekannt, dass die Kosten von 46,50 Euro dafür von 16 Betriebskrankenkassen übernommen werden.

Noch im Mutterschutz nach der Geburt ihres heute elfjährigen Sohnes dachte Windbichler über neue berufliche Perspektiven nach. Sie wurde auf „Discovering Hands“ aufmerksam, bekam einen Ausbildungsplatz in Nürnberg. Neun Monate lang wurde sie in Theorie wie Biologie, Onkologie, Hämatologie geschult, legte nach einem Klinikpraktikum 2010 die Prüfung vor der Ärztekammer in Nürnberg ab. Etwa 3000 Einzelpersonen habe sie seitdem getastet, sicher tausende Tastungen vorgenommen, schätzt sie – und appelliert an alle Frauen zwischen 18 und 88 Jahren: „Lassen Sie Ihre Brust untersuchen!“

Andrea Windbichler ist heute in vier Münchner Praxen in Vollzeit tätig. Rund acht Patientinnen liegen jeden Tag unter ihren erfahrenen Händen. Weil sie von ihrem Beruf überzeugt ist, will sie künftig selbst andere blinde Frauen zur Tasterin ausbilden. Sie ist sich sicher, dass Deutschland noch einen großen Bedarf an blinden Tasterinnen hat. „Vielleicht nimmt gerade meine Blindheit den Patientinnen die Scham und die Befangenheit vor der Untersuchung“, vermutet Wind­bichler. mjh

Was ist „Discovering Hands“ – und wer zahlt?

Das Projekt „Discovering Hands“ setzt im Rahmen der Brustkrebsvorsorge auf den hochsensibel ausgebildeten Tastsinn blinder Frauen. Speziell ausgebildete „Medizinische Tastuntersucherinnen“ (MTU) können bereits kleinste Gewebeveränderungen und Anomalien von unter einem Zentimeter erkennen. Der kleinste Knoten, den eine ausgebildete „Discovering Hands“-Mitarbeiterin tastete, hatte einen Durchmesser von nur drei Millimetern. Bisher übernehmen verschiedene deutsche Betriebskrankenkassen die Kosten ganz: Dazu zählen etwa die SBK (Siemens), die Bahn-BKK, die BMW-BKK oder die Betriebskrankenkasse der Deutschen Bank AG. Während das jährliche Mammografie-Screening zur Früherkennung erst ab 50 Jahren bei Frauen durchgeführt wird, wird die Tast-Leistung schon in vielen Fällen für Frauen ab 30 Jahren übernommen. Bisher bieten in Deutschland 35 gynäkologische Praxen diese Methode an, weit mehr sollen es werden. Die Tastung ergänzt den Arztbesuch und sollte einmal im Jahr durchgeführt werden.

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