82-Jährige Münchnerin und Mieterverein schlagen Alarm

„Das Alter ist ein Makel“

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Ihr Zuhause ist in Gefahr: Irmingard Füchsle in ihrer geliebten Wohnung.

München – Steigende Mieten, sinkende Renten: Das (Über-)Leben in einer Großstadt wie München wird für viele Senioren zum täglichen Kampf – Hallo hat mit einer Betroffenen und einer Expertin gesprochen

Nach über 30 Jahren aus der eigenen Wohnung raus, weil man sie sich nicht mehr leisten kann? Das droht Irmingard Füchsle. Die 82-Jährige lebt seit 1986 in ihrer Haidhauser Wohnung. Die Miete steigt regelmäßig, aber die Renten­erhöhungen halten damit nicht Schritt. Da sie ab Januar schon wieder mehr Miete zahlen muss heißt das für Füchsle konkret: Bald droht ihr der Auszug.

Damit ist sie nicht allein. Die Altersarmut steigt in München kontinuierlich. Das geht aus dem aktuellen Armutsbericht der Stadt (2017) hervor. In München leben 14,6 Prozent der über 65-Jährigen unterhalb der Armutsgrenze. Diese liegt bei einem Einpersonenhaushalt bei einem Betrag von 1350 Euro, der pro Monat zur Verfügung steht.

„Ich zahle ab Januar rund 950 Euro Miete“, erklärt Füchsle. Von ihrer Rente von circa 1300 Euro bleibt nicht mehr viel. „Und ich habe noch eine vergleichsweise gute Rente, weil ich mein ganzes Leben lang gearbeitet habe.“ Anderen alleinstehenden Frauen ginge es weitaus schlechter. Aktuell greift Füchsle noch auf Erspartes zurück – doch lange funktioniert das nicht mehr.

15 000 Rentner beziehen Grundsicherung

In einer Befragung der Münchner zur sozialen und gesundheitlichen Lage 2016 gaben 40 Prozent an, Angst zu haben, sozial abzurutschen. 45 Prozent waren davon überzeugt, dass ihre finanziellen Möglichkeiten nicht ausreichen werden, um dauerhaft einigermaßen gut in München leben zu können. Tatsache ist, dass Ende 2016 rund 14 800 Münchner ab 65 Jahren auf die Grundsicherung angewiesen waren. Die Prognose ist erschreckend: 2020 sollen es bereits 23 000 Senioren sein.

In eine kleinere Wohnung zu ziehen, ist für Irmingard Füchsle keine Option. Und das nicht aus falscher Eitelkeit: „Bisher wohne ich auf 62 Quadratmetern – die kleineren Wohnungen sind noch teurer als meine Wohnung.“

Hinzu kommt: „Alter ist ein Makel bei der Wohnungssuche“, erklärt Anja Franz vom Mieterverein München (siehe Kasten). Die Stadt will zwar mit dem Konzept „Wohnen im Alter“ mittelfristig die Bedürfnisse von älteren Menschen, beispielsweise bei der Vergabe von städtischen Flächen, berücksichtigen. Doch: Um sich die steigenden Mieten leisten zu können, gingen laut jüngsten Erhebungen rund 14,5 Prozent der Rentner zusätzlich arbeiten. Zehn Prozent der geringfügig entlohnten Beschäftigungen in München wurden von über 65-Jährigen ausgeübt.

Doch die Altersarmut ist laut Armutsbericht keine direkte Folge aus dem Rentenniveau. Sie hängt auch von der individuellen Biographie ab. Und dem Wohnort. Deshalb berücksichtigt die Landeshauptstadt die Kaufkraft bei der Bemessung der Grundsicherung. Die ist in München beispielsweise geringer als in Berlin. Daher hat sie den Regelsatz auf 430 Euro zuzüglich Miete und Heizung – 21 Euro mehr als der bundesweite Regelsatz – erhöht. 21 Euro, die Münchner Rentnern auf dem Mietmarkt wenig helfen.

Sabina Kläsener

Mieterverein München: „Lieber ein alleinstehender junger Arzt“

Anja Franz vom Mieterverein München hat mit Hallo über die Problematik der Wohnsituation von Münchner Senioren gesprochen.

Wie schwierig die Wohnsituation älterer Menschen in München ist, erklärt Anja Franz vom Mieterverein München:

Vor welchen Problemen stehen Senioren?
Wenn älteren Menschen gekündigt wird, finden sie nur schwer eine neue Wohnung. Das hängt stark davon ab, wie aktiv derjenige noch ist. Manche haben keine Kraft mehr Einspruch zu erheben, andere sind noch zu agil, um ins Altenheim zu ziehen.

Ist die Situation schlimmer geworden?
Nicht speziell für die Senioren, sondern insgesamt ist die Wohnungsnot gestiegen. Alter ist aber ein Makel bei der Wohnungssuche. Vielen Vermietern ist beispielsweise ein alleinstehender junger Arzt lieber.

Was halten Sie von Tauschbörsen?
Das könnte die absurde Situation ändern, dass alte Menschen in größeren Wohnungen wohnen bleiben, da kleinere teurer wären. Aber dem stehen das Gesetz und der Markt im Weg.

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