Mit 70 stolz beinfrei

Münchens berühmteste Zwillinge haben Jubiläum – doch nach Feiern ist ihnen nicht

Ziehen alle Blicke auf sich: Die blonden Zwillinge Christian (li.) und Stefan Öhlschläger.
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Ziehen alle Blicke auf sich: Die blonden Zwillinge Christian (li.) und Stefan Öhlschläger.

Bald haben die bekannten Münchner Zwillinge, die Öhlschlägers, einen runden Geburtstag. 70 Jahre werden sie nun schon. Doch zum Feiern ist ihnen nicht zumute. Sie erzählen von früher und wie sich ihr Leben wandelte...

München – Rote Lackstiefel, kurze Hosen, schrille Farben und laute Stimmen. Kaum ein Münchner, der die beiden schrillen Öhlschläger-Zwillinge nicht kennt. 

Am 6. Januar steht dem Paar ein besonderes Jubiläum bevor: Christian und Stefan feiern ihren runden Geburtstag. Kaum zu glauben, die Paradiesvögel werden 70 Jahre. Dem Jubeltag sehen die Brüder mit gemischten Gefühlen entgegen. 

„Wir sind im fünften Jahr ohne Wohnung. Lange halten wir das nicht mehr aus“, sagt Christian. „Endlich wieder ein Appartement für uns, das wäre das allergrößte Geschenk.“ Seit ihrem Rauswurf aus ihrer Bleibe an der Landshuter Allee 2015 leben die beiden wechselnd in Zimmern und Not-Unterkünften der Stadt (Hallo berichtete). 

Das ein oder andere Mal gab es schon Hausverbot

„Wir sind sicher 18 Mal umgezogen“, rechnet Christian. Die auffälligen Senioren haben ihre eigenen Regeln, ecken mit ihrer ungewöhnlichen Art an: Einige Male haben sie schon Hausverbote bekommen. 

Dabei gab es einmal gute Zeiten für die gebürtigen Berliner: „Wir kommen aus gutem Haus. Unser Vater Heinz Gustav Hans Öhlschläger wurde in Berlin als Schauspieler Heinz Ohlsen berühmt. „Wir wuchsen in Hannover in einer Architektenvilla auf.“ 

Die Eltern trennten sich vor ihrem zehnten Geburtstag, die Mutter heiratete wieder. „Mit sieben Jahren haben wir mit unserem Großvater Fred Urlaub in den Bergen gemacht. Wie Kinder sind, haben wir beschlossen, nur in kurzen Lederhosen im Schnee auf den Watzmann zu klettern.“ 

Beinfrei – egal, wie kalt

Seitdem tragen sie beinfrei – egal, wie kalt: „Der Körper gewöhnt sich ja dran.“ Jacken, Mäntel, Handschuhe und Mütze müssen aber sein: „Wir wollen ja nicht krank werden.“ Sie haben beide Friseur gelernt, zogen dann in den 70er-Jahren nach München: 

„Wir wurden viel und oft eingeladen, als Models gebucht.“ Doch als 2000 ein Tumor bei Christian im Kopf entdeckt wurde, wandelte sich alles. Ein dazu schlecht verheilter Bein- und Handbruch schwächt Stefan, der früher Ballett getanzt hat. 

Jacken, Mäntel, Handschuhe und Mütze müssen aber sein: „Wir wollen ja nicht krank werden.“

„Wir konnten nicht mehr arbeiten. Ich habe ein Aneurysma im Kopf, Stefan mag heute nicht mehr unter Menschen gehen, zu viel Schlimmes ist passiert,“ berichtet Christian. Alkohol, Anfeindungen und Drohungen, Schlägereien und körperliche Angriffe. 

„Damals haben sie uns alles, was wir hatten, genommen“

Die Zwillinge wurden misstrauisch, launig und laut, auch in den eigenen vier Wänden. Es kamen Abmahnungen, die Räumung: „Damals haben sie uns alles, was wir hatten, genommen. 

Alle Erinnerungen, Bilder unserer Familie sind weg.“ Die Unterstützung vom Amt für Wohnen und Migration reicht hinten und vorne nicht. Nur ein paar Koffer mit Kleidern und wenige Habseligkeiten sind ihnen geblieben, Möbel bei einer Spedition eingelagert. 

„Endlich wieder ein Appartement für uns, das wäre das allergrößte Geschenk.“

„Wir bekommen von netten Menschen manchmal etwas geschenkt. Ein eigenes Bad wäre für Stefan viel wichtiger. Oder ein Friseurbesuch. Ich würde gerne wieder selbst kochen“, sagt Christian. 

Zur Zeit leben sie in einem Wohnheim in Freimann, eine Plastiktanne schmückt das Zimmer. Auf den runden Geburtstag freuen sie sich nicht. Die Angst vor der Zukunft ist zu groß: „Noch ein Jahr so leben, das wollen wir nicht.“ 

Marie-Julie Hlawica

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