„Der Leerstand beträgt etwa 25 Prozent.“

Mieter fürchten Kündigungen und Eigentumsumwandlungen - Der Fall Türkenstraße

Drei Anwohner der Türkenstraße 50 sowie 54 stehen vor ihren Wohnhäusern. Im Hintergrund ist die Baustelle des neuen Gebäudes an der Türkenstraße 52 erkennbar.
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Gentrifizierung in der Maxvorstadt: Noch wohnen Stefan Sasse (rechts) und Sarah Luca (Mitte) im Gebäude an der Türkenstraße 50. Ein Abriss und Neubau ist jedoch geplant. Norbert Ott (links) fürchtet indes, dass seine Wohnung im Nachbarhaus irgendwann in Eigentum umgewandelt wird.

Gentrifizierung in der Türkenstraße: Anwohner machen im Bezirksausschuss auf ihre Situation aufmerksam und fordern deutlichere Positionen von den Lokalpolitikern.

  • Bewohner der Türkenstraße 50 fürchten Kündigungen - das Gebäude soll nämlich abgerissen werden
  • Im Nachbarhaus 54 herrscht die Befürchtung, dass Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden
  • Anwohner machen im Bezirksausschuss auf ihre Situation aufmerksam

Maxvorstadt - Die Gerüchteküche brodelt, Mieter leben mit der ständigen Furcht, gekündigt zu werden – so ergeht es derzeit Bewohnern der Türkenstraße 50. Darunter: Stefan Sasse und Sarah Luca. Beide haben einen unbefristeten Mietvertrag, Sasse seit 25, Luca seit fünf Jahren. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Mietern der insgesamt 52 Wohnungen. Bereits seit einiger Zeit erhalten neue Mieter dort nur noch befristete Verträge. Die Klingelschilder zeigen: Zahlreiche Wohnungen stehen bereits leer. Sasse schätzt: „Der Leerstand beträgt etwa 25 Prozent.“

Türkenstraße 50: Neubau eines Wohn- und Geschäftsgebäudes geplant

Vorder- und Rückgebäude sollen dem Neubau eines Wohn- und Geschäftsgebäudes mit Tiefgarage weichen. Ingo Trömer vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung bestätigt: „Im Juli 2019 wurde ein Vorbescheid erteilt, in dem das Vorhaben als überwiegend möglich beurteilt wurde.“ Ein Bauantrag liegt derzeit nicht vor. Manche Bewohner seien jedoch schon benachrichtigt worden, dass bis März alles leer sein müsse, schildert Sasse. Er selbst allerdings nicht. Wohnungssuche betreibt er deshalb auch noch keine. „Ich fange erst an zu suchen, wenn ich auf einem sachlich haltbaren Wissensstand bin“, so der Selbständige.

Neubau an der Türkenstraße - das sagt der Investor

Bauen will dort der Münchner Immobilienentwickler Legat Living, den man von Luxus-Projekten wie den Barer Höfen kennt. Ein Sprecher dementiert: „Solche Benachrichtigungen sind mir nicht bekannt.“ Zum Projekt selbst könne er derzeit jedoch noch nichts sagen. Und auch Mieter wie Sasse und Luca wissen offiziell von nichts. Kommunikation mit dem Vermieter gebe es nämlich kaum – und wenn dann nur mündlich. Sasse versucht deshalb über den Bezirksausschuss informiert zu bleiben. „Ich muss vorgewarnt und auf dem aktuellen Informationsstand sein.“

Bezirksausschuss thematisiert Wandel in der Maxvorstadt - Bewohner kritisiert Gremium

Das Lokal­gremium beschäftigt sich immer wieder mit dem Thema Gentrifizierung in der Türkenstraße. In der jüngsten Sitzung waren Sasse und sein Nachbar Norbert Ott (siehe Kasten) im Gremium anwesend, um Stellung zu beziehen. Sasse forderte von den Lokalpolitikern, dass entsprechende Anträge künftig dringlicher formulier werden. In einem Antrag der SPD im August hieß es beispielswiese, „die Umwandlung der Maxvorstadt in ein reines Luxuswohngebiet nimmt dem Viertel den lebenswerten Charakter.“ Für Sasse ganz klar: eine zu schwache Argumentation. „Dieses, für viele Mieter existentielle, Problem wird nicht deutlich genug vertreten.“ Zudem hofft er „bei den wenigen Mitteln, die man hat, auf eine noch bessere Zusammenarbeit.“

Nachbarhaus 52/54

An der Türkenstraße 52/54 hat im September der Bau eines Gebäudes mit 64 Wohnungen und einer Ladennutzung im Erdgeschoss begonnen. Anfang 2019 wurde die 52 sowie das Hinterhaus der 54 abgerissen. Norbert Ott wohnt seit Mitte der 60er-Jahre im noch erhaltenen Vordergebäude 54 – weil es unter Denkmalschutz steht. Sicher fühlt er sich aber nicht: „Wir befürchten ständig, dass die Wohnungen in Eigentum umgewandelt werden.“ Immer wieder wurde das Grundstück in den letzten Jahren verkauft. Seit 2017 gab es dort einen Bodenwertzuwachs von 370 Prozent.

Denn was mit der Türkenstraße 50 passiert, ist kein Einzelfall in der Maxvorstadt. „Die 500 Meter der Türkenstraße zwischen Theresien- und Adalbertstraße sind das perfekte Beispiel für den tragischen Zusammenhang zwischen ungebremster Spekulation und der Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum. Die Hausnummern 50, 52, 54, 66 und 96 wurden, und werden, wenn es nach Investoren geht, abgerissen oder luxussaniert“, bedauert der Maxvorstädter. „Sieht man Wohnungen statt Hausnummern, sind das mindesten 160 Wohnungen.“

Kassandra Fischer

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