Steht eine "Azubi-Krise" bevor?

Wegen Corona: Drohen gravierende Folgen für Berufsanfänger in München?

Corona bremst Berufsanfänger in München aus: Heuer wurden deutlich weniger Verträge für eine Ausbildung – wie hier zur Sicherheitsfachfrau – abgeschlossen als 2019 (Symbolbild).
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Corona bremst Berufsanfänger in München aus: Heuer wurden deutlich weniger Verträge für eine Ausbildung – wie hier zur Sicherheitsfachfrau – abgeschlossen als 2019 (Symbolbild).

Die Corona-Pandemie hat viele Münchner Betriebe wirtschaftlich an ihre Grenzen gebracht. Die Gewerkschaft NGG warnt vor gravierenden Folgen für Berufsanfänger.

  • Corona hat viele Betriebe in München wirtschaftlich an ihre Grenzen gebracht
  • Dies könnte gravierende Folgen für Berufsanfänger haben
  • Wie Experten die Situation beurteilen

München - Die Corona-Pandemie hat viele Münchner Betriebe wirtschaftlich an ihre Grenzen gebracht. Nun hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) vor gravierenden Folgen auch für Berufsanfänger gewarnt.

Azubi-Krise in München: Lehrstellenangebot sinkt im Vergleich zum Vorjahr

In der Regel startet das Ausbildungsjahr am 1. September. „In den kommenden Monaten müssen die Unternehmen dafür sorgen, dass die Corona-Krise nicht zu einer Azubi-Krise wird“, sagt NGG-Regionalchef Tim Lünnemann. Die Gewerkschaft fürchte um die „Generation Corona“.

Tatsächlich ist die Zahl der Lehrstellen in München rückläufig. Bis Juli wurden der Agentur für Arbeit München circa 10 550 Ausbildungsplätze gemeldet. Das sind 1500 oder 12,9 Prozent weniger als vor einem Jahr.

Ob Flugzeugmechaniker oder Verkäufer: In vielen Berufsfeldern läuft der Azubimarkt heuer schleppend (Symbolfoto).

München sei der NGG zufolge deutlich stärker betroffen als Bayern insgesamt. Im Freistaat sei das Lehrstellenangebot heuer im Schnitt um 7,5 Prozent gesunken. „Weniger ist es etwa bei Hotellerie und Gastronomie, Messebauern oder im Einzelhandel – abgesehen von der Lebensmittelbranche“, erklärt Anne Beck, Pressesprecherin der örtlichen Arbeitsagentur.

Grundsätzlich hielten Münchens Arbeitgeber aber an der Ausbildung fest. „Allerdings stellen wir einen Zeitverzug bei den Einstellungen fest.“

Azubi-Krise in München: IHK fürchtet keine "Generation Corona" - Bezeichnung "Ausbildungskrise" sei fatal

Ganz ähnlich sieht das Hubert Schöffmann, Abteilungsleiter für Berufliche Ausbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberbayern und München. „Wir beobachten von Woche zu Woche eine größere Dynamik am Ausbildungsmarkt, aber durch den Lockdown haben wir noch einen Jetlag von sieben, acht Wochen.“

Hubert Schöffmann, Abteilungsleiter für Berufliche Ausbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberbayern und München.

Vor einer „Generation Corona“ fürchte man sich bei der IHK keinesfalls – auch nicht in den besonders von der Krise betroffenen Branchen. So kamen in Bayern im Juni noch etwa sieben Gastronomie-Lehrstellen auf einen suchenden Schulabgänger, in der Hotellerie waren es immerhin noch 2,6.

„Die Angebotsseite in München ist gut, wir haben eher Sorge um die Motivation der Schulabgänger“, so Schöffmann. Problematisch sei etwa, dass durch die Pandemie Praktika und Berufsmessen weggefallen sind. „Darum sind die Jugendlichen heuer zögerlicher mit den Bewerbungen.“

Es sei daher fatal, von einer Ausbildungskrise zu sprechen. „Das verstärkt die Unsicherheit nur noch mehr.“

Azubi-Krise in München: Auch HWK schließt weniger Ausbildungsverträge als 2019 - Friseure und Kosmetiker stark betroffen

Auch am Ausbildungsmarkt der Handwerker geht die Krise nicht spurlos vorüber. Bis Ende Juni wurden in München und Oberbayern nach Angaben der örtlichen Handwerkskammer (HWK) 3200 Ausbildungsverträge unterschrieben, das sind 16,9 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum 2019.

„In den vergangenen Wochen ging es für viele Handwerker erst einmal darum, das Geschäft wieder hochzufahren und an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen. Daher konnten sie sich bisher nicht im gewohnten Umfang mit der Lehrlingsakquise befassen“, erklärt Frank Hüpers, Hauptgeschäftsführer der HWK für München und Oberbayern.

Das gelte vor allem für Gewerke, die vom Lockdown besonders hart getroffen waren, etwa Friseure oder Kosmetiker. So sei dieses Jahr bisher in der Stadt nur ein einziger Kosmetiker-Lehrvertrag abgeschlossen worden.

Azubi-Krise in München: Maler und Lackierer mit mehr Lehrverträgen als 2019 - zu früh für Bilanz

„Recht gut läuft es in München augenblicklich bei den Malern und Lackierern, dort wurden mehr Lehrverträge als zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres abgeschlossen“, so HWK-Sprecher Alexander Tauscher.

Erfreulich: Maler und Lackierer in München weisen trotz Corona verglichen mit dem gleichen Zeitpunkt in 2019 ein Plus an abgeschlossenen Lehrverträgen auf (Symbolfoto).

Für eine Bilanz des Ausbildungsmarktes sei es aktuell aber noch viel zu früh: HWK-Geschäftsführer Hüpers ist sich sicher, dass nach dem offiziellen Start des Ausbildungsjahres am 1. September noch sehr viele Lehrverträge geschlossen werden. „Schon jetzt melden unsere Ausbildungsberater deutlich mehr Anfragen der Betriebe. Wir werden also noch aufholen.“

Azubi-Krise in München: Unternehmen können Unterstützungsgelder vom Bund beantragen

Seit dem 1. August können kleine und mittelständische

Unternehmen

vom Bund Unterstützungsgelder für den Erhalt und die Schaffung von Ausbildungsplätzen beantragen.

Wird die Zahl der Lehrstellen beibehalten, können Betriebe mit maximal 249 Mitarbeitern mit einmalig 2000 Euro je Ausbildungsvertrag rechnen. Schaffen sie zusätzliche Stellen sind es sogar 3000 Euro je Vertrag. Das Geld wird aber erst ausbezahlt, wenn der Azubi die Probezeit überstanden hat.

Romy Ebert-Adeikis

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