Hier aufräumen – der reinste Albtraum

Müll-Massen: 62-Jähriger bringt Münchner Messie-Zimmer wieder in Ordnung

62-Jähriger bringt Münchner Messie-Zimmer wieder in Ordnung

Michael Schröter drückt den Klingelknopf. Keine Reaktion. Er wartet, drückt erneut. Nach Minuten wird der Schlüssel im Schloss umgedreht. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Maria Huber (46, Name von der Redaktion geändert) lugt aus dem Türspalt. „Grüß Gott, Frau Huber“, sagt Schröter. Maria Huber lässt ihn und seine Mitarbeiter bereitwillig in die Wohnung. Sie kennt das Aufräumkommando schon... Die Luft steht, das Atmen fällt schwer. Es ist der fünfte Tag, an dem die Messie-Experten bei Maria Huber ausmisten. „Wir haben ungefähr 80 Säcke à 80 Liter rausgeholt.“ Dennoch ist noch längst nicht der ganze Müll weg: Flaschen stapeln sich in der Küche, in einem Zimmer ist der Boden nicht zu sehen, so vollgestopft ist es mit Matratzen, Kleidungsstücken, altem Kinderspielzeug und anderen verschlissenen, über Jahre gehorteten Habseligkeiten der Bewohnerin.

Maria Huber ist eine von Schröters „Kunden“, wie er sagt. Der 62-jährige Gautinger hilft mit seinem „Messie-Team“ seit 13 Jahren Menschen in Bayern und Baden-Württemberg, die sich alleine nicht mehr helfen können. Dabei arbeitet er eng mit dem Münchner H-Team zusammen (siehe Interview). Es gibt wenig, was den Experten noch schocken kann. Zu viel hat er im Laufe der Jahre hinter Häuserwänden gesehen. Da habe es Wohnungen gegeben, die bis unter die Decke zugemüllt waren. „Aus einem kleinen Reihenhaus haben wir 150 Kubikmeter rausgeholt. Wir hatten dabei Gasmasken auf. Dort wohnte eine Familie mit zwei Kindern.“

Schröter unterscheidet verschiedene Arten von Messies – zum einen gebe es die Sammler, die Dinge horten. „Bei einem Mann haben wir zweieinhalb Tonnen Zeitungen entsorgt. Ein anderer hatte seinen ganzen Keller mit Weinkisten vollgestopft. Dabei trank er gar keinen Wein.“ Dann gebe es die „Mischtypen, die alles in die Wohnung rein-, aber nicht mehr raustragen“. Und schließlich die Vermüller, die auch organische Stoffe und Abfall nicht mehr entsorgen. „Ich würde sagen, dass über 90 Prozent der Betroffenen psychische Probleme, beispielsweise Depressionen haben“, schätzt Schröter. Aus dem Inhalt der Wohnung würden oft richtige „Berge und Täler“ gebaut. „Mir ist dabei der Gedanke gekommen, dass die Menschen mit dem, was in der Wohnung drin ist, einen Schutzwall zwischen ihrer traurigen Seele und der vermeintlich feindlichen Umwelt bauen wollen.“

Rund 25 Kunden hat Schröter im Jahr. „Als ich vor 13 Jahren angefangen habe, waren es zwei. Die Fälle sind stark angestiegen, und ich bin mir sicher, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt.“ Die Gründe für den Anstieg sieht er auch in unserer Gesellschaft: „Das Soziale bleibt bei uns heutzutage oft auf der Strecke. Es gibt immer mehr Singles und immer weniger Familienleben. Die Leute leben heute nicht mehr, sie funktionieren.“ Er selber, sagt der ehemalige Caritas-Mitarbeiter, mache seine Arbeit auch „aus einem christlichen Ansatz“ heraus. „Für mich sind die Leute keine Schmutzfinken, sondern Mitmenschen, die Hilfe brauchen.“ Den unschönen Bildern, denen er bei seinem Job oft begegnet, „setze ich das Schöne entgegen“ – Schröter betreibt in Gauting nebenberuflich eine Kunstgalerie. (das)

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