"Mein Zwillingsbruder ist hetero" – Thomas Niederbühl von A bis Z

Maren Heußler

Aids: Man vergisst, dass München ein Brennpunkt des Aids-Geschehens ist. Hier leben 5000 Menschen mit Aids und jeden zweiten Tag infiziert sich ein Münchner neu; knapp 1200 sind schon an der Krankheit gestorben. Bedauern: Ich bedauere, dass das Bewusstsein für das Thema Aids hier nicht mehr präsent ist. Die Verkaufszahlen für Kondome gehen deutlich zurück. Christopher Street Day gehört zu den Highlights im Münchner Veranstaltungskalender. Ein gutes Aushängeschild für die Toleranz und Weltoffenheit der Stadt. Durchhaltevermögen... zeichnet mich aus. Stadtrat sein bedeutet 90 Prozent Sitzfleisch für zehn Prozent Erfolg. Ehrgeiz: Ich weiß genau, wo ich hin will: In eine Stadtgesellschaft, in der man gleichberechtigt miteinander leben kann. Familie: Mein Mann und ich haben das Thema Kinder abgehakt – die Chancen zu adoptieren sind so gering. Uns ist aber der Kontakt zu unseren Neffen und Nichten sehr wichtig. Glockenbach: Es ist wichtig, ein Viertel zu haben, in dem man den Freiraum hat, sich problemlos zu küssen oder Arm in Arm zu gehen. Ich weiß nicht, ob ich jetzt händchenhaltend in Neuperlach, im Hasenbergl oder im Westend rumlaufen würde. Da hat man ja seine eigenen Wahrnehmungen und seine eigenen Schutzmechanismen, das nicht zu tun. Heirat: Ich bin mit meinem Mann seit 1989 zusammen. Wir waren 2001 eines der ersten Paare, die ihre Lebensgemeinschaft beim Notar eintragen ließen. Intoleranz: Ich finde es schwierig, dass ein rechter Stadtrat gewählt wurde, der Wahlkampf gegen CSD und die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweise gemacht hat. Jugendwahn: Wer will schon gern alt werden? In der Schwulenszene ist das besonders zu spüren. Aber sie beginnt, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. In München gibt es seit fünf Jahren „Gay and Grey“, eine spezielle Beratungsstelle für Altenarbeit. Katholische Kirche: Sollte einsehen, dass es Paare gibt, die zusammenbleiben wollen und sich genauso den Segen erhoffen wie heterosexuelle Paare auch. Lesben: Es gab Mitte der 90er eine tolle Entwicklung zwischen Schwulen und Lesben. Da hat man gemeinsame Ziele entdeckt. Die rosa Liste war die erste Vereinigung, die sich als schwul-lesbisch verstanden hat. Maibaum am Karl-Heinrich-Ullrichs-Platz: soll Vielfalt zeigen. Schwul sein und Brauchtum ist kein Widerspruch. Ich freu’ mich drauf. Nachtleben: kommt bei mir immer mehr zu kurz. 1996, die ersten Jahre im Stadtrat, musste ich in ne Kneipe zum Runterkommen. Heute bin ich ganz froh, wenn ich daheim noch ein Buch lesen kann. Orchester: Das Kammerorchester spielt heuer schon zum zweiten Mal das Münch­ner Aidskonzert. Es ist uns nie gelungen, einen größeren Benefizevent zu platzieren. Das hat wohl mit dem Thema zu tun. Umso mehr freut es uns, dass so ein renommiertes Orchester sich jetzt so engagiert und tolle Solisten motiviert. Privat: Gerade als Politiker muss man aufpassen, dass man noch privat sein kann. Ich bin mit Sicherheit der bekannteste Schwule in München. Quote: Bin sehr enttäuscht, dass Rita Praatz nicht mit mir in den Stadtrat gekommen ist. Wir haben immer 40 Frauen und 40 Männer auf der rosa Liste. Rosa Liste: Mit dem Parteinamen wollten wir etwas Negatives in Positive wenden. Rosa Listen wurden in München bis 1987 bei der Polizei geführt – darauf standen die bekannten Homosexuellen. Schwul: Der Begriff vermittelt etwas Anderes als homosexuell. Da schwingt mehr Selbstbewusstsein und Offenheit mit. Tagebuch schreibe ich fast täglich, um den Kopf freizukriegen. Ich lese auch meine alten immer wieder. Ude ist ein Glücksfall für München und die schwul-lesbische Gemeinde. Beim schwul-lesbischen Wiesnsonntag wird er wie ein Popstar empfangen. Vorurteile: Es ging Homosexuellen noch nie besser. Aber es gibt eine andere Seite: Lesben und Schwule fühlen sich gemobbt am Arbeitsplatz, trauen sich nicht Fotos vom Lebenspartner aufzustellen. Weltaidstag: Am 1. Dezember wird die Aidshilfe am meisten wahrgenommen. Da bekommen wir viel Promi-Unterstützung und es gibt einen Lichterzug für die Verstorbenen. X-Chromosom: Ein großes Anliegen ist mir auch die Zusammenarbeit mit Transgendern, die manchmal von der Community ausgegrenzt werden. Yuppies: Bei Schwulen sind das eher DINKs – Doppelverdiener ohne Kinder. Aber es gibt auch arme Schwule, die meist nicht gesehen werden. Zwilling: Mein Zwillingsbruder ist hetero und musste viel dazulernen, als er erfuhr, dass ich schwul bin – es gab Konflikte und Distanz, aber die Zeiten sind vobei. Es überrascht mich immer wieder, wie ähnlich wir uns heute sind.

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