Ältester Secondhand-Laden schließt

„Freien Selbsthilfe e.V.“ in der Maxvorstadt: Jetzt ist alles aus

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Verschiedenste Schätze verstecken sich im zweiten Stock des Hinterhofes. Brigitte Zettelmann (re.) schätzt sie auf ihren Wert.

Nach 71 Jahren verschwindet die "Freie Selbsthilfe e.V." aus der Maxvorstadt – und damit auch ein Rückzugsort für Menschen jeden Alters. Wie gehts jetzt weiter?

Maxvorstadt - Ab Ende Mai ist es mit einer der ältesten Institutionen in München der „Freien Selbsthilfe e.V.“ endgültig vorbei. Obwohl die 16 Mitarbeiterinnen ehrenamtlich arbeiten.

Argument: Das Geschäft rentiert sich nicht mehr

Obwohl der Mietvertrag seit 70 Jahren auf dem beinahe selben Stand geblieben ist – lebenslanges Wohnrecht. Das Geschäft rentiert sich nicht mehr, es fehlen schlicht die Kunden.

Heidelore Freiberger macht seit 14 Jahren mit bei der Buchhaltung. Sie beschreibt die Situation wie folgt: „Es ist traurig, wir sehen einfach, dass wir nicht mehr weiter können. Unsere Einnahmen decken es einfach nicht mehr ab“

Von Nymphenburger Porzellan, über versilberte Schnapsfässern bis zu Lebkuchenmodellen findet sich fast alles in Münchens ältestem Secondhand-Laden. Jetzt ist Schluss damit!

Bevor es zu einem Ende mit Schrecken gekommen und dem Verein das Geld ausgegangen wäre, wollte man lieber vorher Schluss machen, begründet Freiberger die Entscheidung: „Wer geht denn heutzutage noch in einen Laden, wenn man über das Internet alles nach Hause geschickt bekommt.“

„Freien Selbsthilfe e.V.“ - Gegründet von der Prinzessin

Im Oktober 1948 hat alles begonnen: Bayernprinzessin Maria del Pilar, auch die Bürgerprinzessin genannt, gründet mithilfe von engagierten Münchnerinnen gehobenen Mittelstandes und amerikanischen Damen die Freie Selbsthilfe: in einem Zirkuswagen am Odeonsplatz.

In den bitteren Nachkriegsjahren wurde getauscht, geschätzt und gehandelt. Über den Tresen gingen Familienschmuck, Geschirr, Kleidung, Wäsche oder auch Tafelsilber. In diesen Jahren gründete sich der älteste Secondhandshop Münchens, vielleicht sogar Deutschlands.

Noch heute findet man in der Freien Selbsthilfe, Theresienstraße 66, ein ganz ähnliches Sortiment, wie jenes aus den Nachkriegstagen. Passend: Auch so manche ehrenamtliche Mitarbeiterin haben die Gründungsjahre miterlebt.

Mehr als nur ein Trödelladen - Hilfe von Mensch zu Mensch

Dabei ist der Verein schon immer mehr gewesen als ein bloßer Trödelladen: Es ging um die Hilfe von Mensch zu Mensch. Deswegen treffen sich heute noch isolierte junge und alte Menschen, um zu tratschen, handeln und schätzen.

Das Prinzip hinter dem Verkauf ist einfach: Die Damen nehmen die Ware an, vereinbaren einen festen Preis, den der Besitzer erhält, und stellen sie aus. Verkaufen sie das Stück für mehr Geld, behalten sie das als Profit. Den Warenwert schätzen die Mitarbeiterinnen selbst, eine davon ist Brigitte Zettelmann.

„Freien Selbsthilfe e.V.“ in der Maxvorstadt: Das sind ihre Schätze

Eine mit Pferden verzierte Holzpfeife mit einem Mundstück aus Bernstein. © Daniel Schubert
Verschiedenste Schätze verstecken sich im zweiten Stock des Hinterhofes. © Daniel Schubert
Verschiedenste Schätze verstecken sich im zweiten Stock des Hinterhofes. © Daniel Schubert
Verschiedenste Schätze verstecken sich im zweiten Stock des Hinterhofes. © Daniel Schubert
Ein weit über hundert Jahre alter Wachsstock, auf dem eine junges Mädchen abgebildet ist - vermutlich aus einem Bauernhaus. © Daniel Schubert
Verschiedenste Schätze verstecken sich im zweiten Stock des Hinterhofes. © Daniel Schubert
Verschiedenste Schätze verstecken sich im zweiten Stock des Hinterhofes. © Daniel Schubert
Verschiedenste Schätze verstecken sich im zweiten Stock des Hinterhofes. © Daniel Schubert

Wie sie sich fühlt, dass jetzt nach 30 Jahren Ehrenamt Schluss ist? „Klar, wir sind alle nicht mehr die Jüngsten, aber wir haben Kollegen und Kunden, die das zutiefst bedauern. Für die war das ihre Freizeitbeschäftigung. Wir haben zum Beispiel auch einen alkoholkranken Besucher, der immer wieder kommt und sich mit uns unterhält, weil er sonst keine Ansprechpartner hat“, beschreibt Zettelmann die Situation.

Verbleibende Zeit - Nur noch ein Monat!

Der Laden ist gefüllt mit allerhand kuriosen Schätzen. Zwischen Nymphenburger Porzellan, versilberten Schnapsfässern oder Lebkuchenmodellen findet sich fast alles: Wie eine mit Pferden verzierte Holzpfeife mit einem Mundstück aus Bernstein. Oder ein weit über hundert Jahre alter Wachsstock, auf dem eine junges Mädchen abgebildet ist  – vermutlich aus einem Bauernhaus.

Einen Monat hat man hier jetzt noch die Chance, einen Schatz zu ergattern und mit Brigitte Zettelmann zu verhandeln. Ihr Motto: „Interessiert es Sie? Über den Preis können wir reden, nehmen Sie es ruhig mal in die Hand.“ Daniel Schubert

Offnungszeiten & Adresse

Bis Ende Mai kann man den Secondhandladen, Theresienstraße 66, im Rückgebäude zweiter Stock noch besuchen. Öffnungszeiten: Montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr, Ausnahme donnerstags, 13 bis 18 Uhr und samstags 11 bis 14 Uhr.

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