„Ultras sind die größte Subkultur“

25 Jahre Münchner Fanprojekt: Zwischen Fußballszene, Strafanzeigen und Liebeskummer

Fußballfans Ultras FCB im Fußballstation.
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„Die Ultras sind die größte Subkultur in München“

Münchner Fanprojekt wird 25 Jahre alt. Beim Bahnwährter Thiel gibt es eine Anlaufstelle für Fußballfans. Hier beraten Jochen Kaufmann und sein Team vor allem Jugendliche bei ihren Problemen...

  • Münchner Fanprojekt wird 25 Jahre alt.
  • Ein Team berät jugendliche Fußballfans bei ihren Problemen.
  • Jochen Kaufmann erläutert das Konzept...

Isarvorstadt – Auf dem Gelände des Bahnwärter Thiels ist seit kurzem eine der ausrangierten U-Bahnen als Haltestelle „Fanprojekt“ beschildert. Hier beraten Jochen Kaufmann und sein Team Fußballfans bei Problemen auch abseits der Stehplätze, bieten einen Treffpunkt. Das Fanprojekt der Arbeiterwohlfahrt München-Stadt gibt es seit 25 Jahren – und trotzdem ist es jetzt wichtiger denn je.

„Was für den klassischen Streetworker ein Stadtviertel ist, sind für uns die Stadien“, erläutert Kaufmann das Konzept. In Fröttmaning gibt es für die Bayern-Ultras einen Bauwagen als Treffpunkt, die 60er-Anhänger kommen vor den Heimspielen beim Löwentreff in Giesing zusammen. So entsteht der Draht der Streetworker zur Ultra-Szene.

Fußball ist unser Aufhänger, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen.

Jochen Kaufmann

Tobias Reuter ergänzt: „So erfahren wir zum Beispiel von Drogenproblemen. Manchmal kommen die Jugendlichen auch einfach mit Liebeskummer zu uns.“

Das Fanprojekt wurde 1995 aus der Abteilung Streetwork des Stadtjugendamtes gegründet, „um dem Pfefferspray und Schlagstock der Polizei vorzubeugen“, so Kaufmann. Ultras definieren sich über ihre Liebe zum Fußballverein. Schlägereien mit gegnerischen Fans sind keine Seltenheit, Pyrotechnik eine Kunstform.

„Wir begleiten neutral und sind kritisch parteilich für die Fans.“ Als eine Art Bewährungshelfer stehen Kaufmann und sein Team den Jugendlichen auch bei Stadienverboten oder Strafanzeigen zur Seite.

Jochen Kaufmann (ganz li. ) und Tobias Reuter (dritte von re.) und ihr Team bieten eine Anlaufstelle für jugendliche Fußballfans am Bahnwärter Thiel

Wegen der Corona-Pandemie sind bis auf weiteres keine Fans in den Arenen erlaubt. Deshalb findet für die Mitarbeiter des Fanprojekts aktuell ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit nicht statt: die Spieltagsbetreuung.

„Für manche Fans ist der Fußball der wichtigste Lebensinhalt, der jetzt wegfällt“, sagt Kaufmann. Keine Heimspiele, keine Auswärtsfahrten, keine Spieltagschoreographie.

Die Ultras in offizielle Zahlen zu fassen, ist schwierig.

In gut informierten 1860-Kreisen geht man etwa von bis zu 180 Löwen-Ultras aus. Medienberichten zufolge hat die „Schickeria“, die wohl bekannteste FCB-Ultra-Gruppierung, etwa 200 Mitglieder.

Drei der insgesamt sieben Mitarbeiter des Fanprojekts sind normalerweise bei den Spielen der Löwen und der Bayern anwesend. Sie vermitteln bei Problemen mit Polizei oder Ordnern, bauen weitere Kontakte in die Szene auf. Alternativ setzt das Fanprojekt nun vor allem auf die neue Anlaufstelle am Bahnwärter Thiel.

Es gibt ein Sportprogramm, Graffiti-Workshops, politische Bildung. „Wir wollen und müssen den Kontakt halten“, erläutert Kaufmann und Reuter ergänzt: „Die Ultras sind die vielleicht letzte und größte Subkultur.“

Und so waren die Streetworker zuletzt viel an der Isar unterwegs. Nur weil die Stadien geschlossen seien, würden die „Jungs und Mädls“ und ihre Probleme schließlich nicht einfach verschwinden.       

Sophia Oberhuber

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