Gelebte Integration

Münchner helfen Flüchtlingen

Hoffen, ein Haus für ihre WG zu finden: die Freundinnen Catrin Lipcan (Mitte), Sarah (li.) und Lina Müller. Foto: kn

Diese drei Münchnerinnen hoffen auf mehr Akzeptanz und Unterstützung für Menschen, die Krieg und Grausamkeiten in ihren Heimatländern zur Flucht in die Fremde gezwungen haben.

„Ich habe den Eindruck, dass viele Leute starke Vorurteile gegenüber Flüchtlingen haben, obwohl die meisten von ihnen keinen Kontakt zu ihnen haben“, sagt Catrin Lipcan. Immer wieder höre sie, dass die Flüchtlinge doch dankbar sein müssten, schließlich hätten sie in Deutschland ein Dach über dem Kopf. So etwas macht die 26-Jährige fassungslos: „Diese Menschen haben alles verloren und auf ihrer Flucht oft unvorstellbare Dinge erlebt. Sie brauchen nette Gespräche, Aufmerksamkeit und Hilfe im Alltag, anstatt des Gefühls, ständig dankbar sein zu müssen.“ Integration könne nur funktionieren, wenn die Flüchtlinge auch an unserem Alltag teilhaben könnten. Das hat die Diplom-Ingenieurin jetzt vor: Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Freundinnen, den Cousinen Lina und Sarah Müller, will die Isarvorstädterin eine Wohngemeinschaft mit Flüchtlingen aufmachen. Den jungen Frauen, die alle jeweils ein nicht-deutsches Elternteil haben, sind Berührungsängste mit anderen Kulturen und Lebensweisen fremd. Nicht so bei vielen anderen, sagt Lipcan: „Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto öfter stoße ich auf Vorurteile, sogar bei Freunden! Mir wurde abgeraten, an der Berufsschule zu unterrichten, weil da ja so viele Ausländer seien. Oder das gängige Vorurteil, dass Kinder mit Migrationshintergrund das Niveau einer Klasse herunterziehen. Das ist absoluter Unsinn.“ Lipcan gibt jungen Afghanen seit zwei Jahren Nachhilfe. „Es sind viele Muslime dabei. Sie sind alle wahnsinnig hilfsbereit, behandeln mich sehr zuvorkommend.“ Zudem engagiert sie sich in der Bayernkaserne beim Projekt „Lighthouse“, einer Willkommens- und Anlaufstelle für neu angekommene Flüchtlinge, und unterrichtet Berufsschüler beim Verein „Initiativgruppe Interkulturelle Begegnung und Bildung“ in Metallberufen – sie absolviert derzeit ihr zweites Studium zur Berufsschullehrerin Metalltechnik und Mathematik. „Als ich mit den ehrenamtlichen Tätigkeiten angefangen habe, ist mir aufgefallen, wie isoliert die Flüchtlinge sind. Klar, sie haben Kontakt zu Sozialarbeitern, aber keine deutschen Freunde, mit denen sie einfach mal reden können. In einem gemeinsamen Haushalt kann man besser Kontakte knüpfen, im täglichen Umfeld lernt man die Sprache leichter und es entwickelt sich ein gegenseitiges kulturelles Verständnis.“ Mit ihrer Idee wandten sich die Frauen an das städtische Amt für Wohnen und Migration. Der 25-seitige Businessplan zum Projekt „zusammen leben“ überzeugte: „Man hat uns Unterstützung zugesagt, auch wenn sich die Verantwortlichen momentan vorrangig um die Erstaufnahmeeinrichtungen kümmern müssen. Aber wir stehen in Kontakt.“ Um ein passendes Haus zu finden, hat das Trio ein Gesuch bei der Immowelt-Plattform „Verändere Deine Stadt“ aufgegeben. Dort können Gesuche und Angebote, die bedürftigen Familien, Vereinen oder sozialen Projekten dienen sollen, kostenlos eingestellt werden. Rund 250 Euro soll die Miete für ein Zimmer betragen. „Das bekommen Flüchtlinge als Wohngeld. Wir deutschen Mitbewohner können ja nach Einkommen auch ein bisschen mehr zahlen.“ das

Die Frauen suchen für ihr Projekt ein Haus mit acht bis zehn Zimmern und einer kleinen Werkstatt im S-Bahn-Bereich von München. Hinweise an redaktion@hallo-muenchen.de. Wie Münchner Neuankömmlingen noch helfen, lesen Sie hier.

Sprachkurse & Toleranz-Konzert – wie sich Münchner engagieren

Einzigartiges Projekt: Im April dieses Jahres wird an der Kistlerhofstraße 144 in Obersendling eine Wohngemeinschaft für Flüchtlinge und Studenten in Trägerschaft von Condrobs in Betrieb gehen: In dem Haus werden 66 junge Flüchtlinge und 44 Studenten zusammen leben und voneinander lernen. Im rechten Gebäudeteil sollen die Flüchtlinge in Wohngemeinschaften leben, im linken Teil sind die Studentenzimmer geplant. Zusätzlich gibt es Gemeinschaftsräume und eine Cafeteria. Die Studenten bekommen die Möglichkeit, durch Deutsch-Nachhilfe, Pfortendienst oder Hausaufgabenhilfe ihre Miete zu verringern. Gute Chancen auch für das „Bellevue di Monaco“: Ein von Flüchtlingen mit betriebenes Café, Räume für Bildung und Beratung und Wohnraum sollen an der Müllerstraße 2 bis 6 verwirklicht werden. Bereits im Januar soll ein entsprechender Grundsatzbeschluss im Stadtrat gefällt werden. Dies würde die Entscheidung vom vergangenen Frühjahr revidieren, die Gebäude Müllerstraße 2 und 4 abzureißen. Zu den Initiatoren gehören neben Goldgrund auch Fachleute aus der Jugend- und Sozialarbeit. Sie wollen demnächst eine Sozialgenossenschaft gründen. Einen innovativen Vorstoß hat die Caritas mit „Born“ gemacht: In diesem Schul- und Nachhilfeprojekt unterstützen junge Migranten mit erfolgreicher schulischer Laufbahn, die mittlerweile studieren, Migrantenkinder beim Übertritt in weiterführende Schulen. Den Familien der Schüler wird bei der Orientierung im deutschen Schulsystem geholfen und sie erhalten Informationen über den Themenkreis Schule. Der Verein Münchner Mentoren vermittelt Patenschaften und Pflegefamilien für junge, unbegleitete Flüchtlinge. E-Mail: info@muenchner-mentoren.de. Die Innere Mission sucht derzeit münchenweit ehrenamtliche Verständigungshilfen/Dolmetscher für Begleitungen aller Art (zu Ärzten, Ämtern etc.) mit Kenntnissen in Arabisch, Dari, Paschtu, Tigrina, Kurdisch und Urdu. Infos unter www.im-muenchen.de. Eine neue Initiative der Handwerkskammer für München und Oberbayern will das Potenzial junger Flüchtlinge nutzen und sie verstärkt in Praktika und Ausbildungen vermitteln. Handwerkskammerpräsident Georg Schlagbauer hat entsprechende Anträge im Stadtrat eingebracht. Das Münchner Unterrichtsprojekt Deutsch für Flüchtlinge in Trägerschaft des EineWeltHauses unterstützt mit seiner Spracharbeit Menschen, die ihr Heimatland in Not verlassen mussten. Internationale Künstler und Fußballer erheben ihre Stimme gegen Rassismus: Das nächste Konzert Music for Goals (www.musicforgoals.com) findet am Samstag, 24. Januar, in der Muffathalle München, Zellstraße 1 (20 Uhr), mit Roger und Schu von „Blumentopf“ statt. Karten für 23,60 Euro gibt es bei Münchenticket. Der Verein Lichterkette entwickelt und unterstützt Projekte und Aktionen, die im Sinne der Völkerverständigung die Begegnung, den interkulturellen Austausch und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in München fördern. Infos unter www.lichterkette.de.

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