Löwen, ihr seid’s gar keine 60er!

Autor Dr. Claus Melchior über die Geschichte des TSV 1860 München zum 110-jährigen Jubiläum der Fußballabteilung

Giesing/Maxvorstadt Als er zehn Jahre alt war, durfte Claus Melchior das erste Mal länger aufbleiben, um das Europapokal-Endspiel TSV 1860 gegen West Ham United im Londoner Wembley-Stadion zu verfolgen. Der Beginn einer großen Fan-Liebe. Mitte der 70er-Jahre zog er nach München. Hier promovierte er in Anglistik, hier führt er die Buchhandlung „Words’worth“ in der Schellingstraße und hier besucht er jedes Spiel des TSV 1860 München. Zeitgleich mit dem Jubiläum der Fußballabteilung, 1999, veröffentlichte er auch ein Buch über die 100-jährige Fußballgeschichte des Münchner Traditionsvereins. Zum 110-jährigen Geburtstag der Fußballabteilung, die der Verein am 25. April feiert, hat „Hallo München“ den Autor und TSV 1860-Fan interviewt. Ist sich der Löwen-Fan eigentlich bewusst, dass seine Mannschaft gar keine 60er sind? Es gibt ein Bewusstsein, dass 1860 nicht identisch ist mit dem Beginn des Fußballs. Damals ist in Deutschland noch kein Fußball gespielt worden. Aber das Turnen hat nicht mehr so viele Mitglieder angezogen, deswegen haben die Vereine Spiele angeboten: Prellball, Völkerball, Fußball. 1899 wurde dafür die Spielriege gegründet und die Nutzungsgenehmigung für die Schyrenwiese erteilt, das erste Spiel fand 1902 statt. Aber trotzdem spielt man unter den Namen 1860 München? Das passt besser als bei der TSG Hoffenheim, die nun wirklich kein Traditionsverein ist, und sich, im Moment des Aufstiegs 1899 Hoffenheim nennt. Ist denn der TSV 1860 München wirklich der Traditionsverein – auch im Vergleich zu den FC Bayern? Die Vorstellung, der TSV 1860 München ist der Traditionsarbeiterverein und die Bayern sind die neureichen Emporkömmlinge, ist nicht haltbar. Sein erstes Spiel hatte der FCB in seinem Gründungsjahr 1900, also zwei Jahre vor den Löwen. Aber das Publikum aus Giesing waren sicher Arbeiter, während der FC Bayern ursprünglich aus Schwabing kam – mit Geschäftsstelle im Hotel Vier Jahreszeiten. Wie stehen Sie denn zur Stadionfrage? Der TSV 1860 muss sich abheben – zeitweise wurde er sogar FC Bayern light genannt. Für die eigene Identität ist ein eigenes Stadion wichtig. Als KarlHeinz Wildmoser damals den Umzug ins Olympiastadion verkündet hat, führte das zu einer Spaltung der Fan-Szene, die bis heute nicht überwunden ist. Geht es hauptsächlich darüber in Ihrem Buch? Da geht es um alle Aspekte der Vereinsgeschichte – die Spieler, die Präsidenten, die Sportereignisse, Historie von Giesing, um Rivalitäten, aber auch Politik. Wir streifen die fragwürdige Rolle des TSV 1860 während des Nationalsozialismus. Aber dazu erscheint jetzt ein Buch von Anton Löffelmeier: „Die Löwen unterm Hakenkreuz“. Ihr Buch ist gerade vergriffen. Wann gibt es eine Neuauflage? Wir arbeiten daran. Dann soll es – ergänzt um die Arena-Frage, das Ende der Ära Wildmoser und jüngsten sportlichen Ereignisse, im Herbst 2010 erscheinen. Maren Heußler

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