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2400 Objekte aus Kriegszeiten: Licht ins eigene NS-Kapitel bringen

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Erste Ausstellung ihrer Art: Kunsthistorikerin Vanessa Voigt und Historiker Henning Rader arbeiten die Geschichte des Stadtmuseums im dritten Reich auf.
Erste Ausstellung ihrer Art: Kunsthistorikerin Vanessa Voigt und Historiker Henning Rader arbeiten die Geschichte des Stadtmuseums im dritten Reich auf. © in

München - Es ist eine absolute Premiere in Deutschland: Das Stadtmuseum blickt hinter die eigene Fassade und beleuchtet seine Zeit unter den Nazis

Vier Jahre lang hat Kunsthistorikerin Vanessa Voigt (Foto) geforscht, mit Lupe Kunstobjekte des Stadtmuseums untersucht, Archive gewälzt, telefoniert und im Internet gesucht... Die Expertin hat versucht, die Herkunft der Objekte, die zwischen 1933 und 1945 erworben wurden, zu klären. Wurden sie einst jüdischen Münchnern unter der Nazi-Terrorherrschaft geraubt? Oder wurden die jüdischen Besitzer gezwungen, sie weit unter Wert zu verkaufen?

Voigts Ergebnis ist die erste Ausstellung eines deutschen Museums, das die eigene Hausgeschichte zum Thema Kunst-Erwerb im Nationalsozialismus beleuchtet, erklärt Historiker Henning Rader (links), der mit Voigt die Ausstellung „Ehemaliger jüdischer Besitz – Erwerbungen des Münchner Stadtmuseums im Nationalsozialismus“ kuratiert. 

Die Besitzer herauszufinden ist eine Sisyphusarbeit

Voigt hat sich durch unzählige Inventarbücher geblättert – darin steht beispielsweise von wem das Objekt verkauft wurde. Sie hat versucht, Gravuren zu entziffern, hat Initialen bei Textilien untersucht. Wenn sie nicht weiter kam, hat sie auf der Datenbank „Lost Art“ geforscht, dort kann nach geraubten Kunstgegenständen in der NS-Zeit gesucht werden. „Es ist eine Sisyphusarbeit“, sagt sie. 

20 000 Kunstgegenstände hat der damalige Stadtmuseums-Direktor Konrad Schießl zwischen 1933 und 1945 erworben – bei etwa 2600 ist die Herkunft als „kritisch einzustufen“. 450 Objekte konnte Voigt binnen des Projektes zuordnen. Die Schau verdeutlicht das Ausmaß der Raubaktionen: „Es handelt sich ja nicht nur um namhafte Gemälde, sondern um Alltagsgegenstände, die den Menschen geraubt wurden. Durch die Machenschaften der Nationalsozialisten hat das Museum profitiert“, sagt Rader. 

Alle Gegenstände stammen aus jüdischem Besitz

Gezeigt werden Tafelsilber, Grafiken, Marionetten, Taufkleidchen, Musikinstrumente und 92 Rothschild-Hüte – alle stammen aus jüdischem Besitz und wurden zwischen 1933 und 1945 erworben. „Teilweise zu Schleuderpreisen“, sagt Rader. Für die Hüte wurde pro Stück eine Reichsmark gezahlt. Die Familie Rothschild forderte nach dem Krieg die Rückgabe der Wertgegenstände. Sie wurde mit 32 500 Mark entschädigt. Allerdings wusste sie nichts vom Verbleib der Hüte. Binnen des Projektes ist es Voigt gelungen, die Herkunft der Hüte aufzuklären: Sie stammten aus dem „Putz- und Hutgeschäft Heinrich Rothschild“. Die Brüder Otto und Joseph führten vor dem Krieg das Geschäft an der Sendlinger Straße 86, gegründet hatte es ihr Vater 1882. In der Pogromnacht im November 1938 zerstörten die Nationalsozialisten ihr Geschäft. Die Brüder wurden enteignet. Sie emigrieren nach Großbritannien und in die USA. 

Voigt hat die Nachfahren gefunden, ihnen von den Hüten ihrer Vorfahren berichtet. Jetzt kommen die Rothschild-Nachfahren zur Ausstellungseröffnung nach München. „Dort soll eine einvernehmliche Lösung herbeigeführt werden“, so Rader. Ines Weinzierl

Ab Freitag, 27. April, zeigt das Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, die Ausstellung. Teil der Schau ist eine Sprechstunde, bei der sich Münchner informieren lassen können, woher das Familienerbstück stammt.

Mehr Ansätze

So setzen sich Münchner Museen mit ihrer Geschichte auseinander: Pinakotheken: 1999 wurde eine Stelle für Provenienzforschung eingerichtet, mittlerweile sind es fünf. Seit 1998 wurden 13 Werke aus acht Sammlungen restituiert. 

Deutsches Museum: Auch an der Museumsinsel ist diese Forschung ein Thema, so Sprecher Gerrit Faust. Gerade gibt es einen aktuellen Fall: Eine Grafik von Wilhelm Kobell, die vermutlich einen Mannheimer Fabrikbesitzer und Grafiksammler gehörte. Jetzt sollen Nachkommen gefunden werden, um die Grafik zurückgeben zu können. 

Museum Fünf Kontinente: Geprüft wird, wenn ein Verdacht an das Museum herangetragen wird oder wenn Kuratoren einen Verdacht haben. Bisher gab es nur einen Fall, in dem Objekte untersucht wurden – es handelte sich allerdings nicht um Nazi-Raubgut. 

Bayerisches Nationalmuseum: Seit 1998 wurden 18 Objekte an Anspruchsberechtigte zurückgegeben. Den Großteil der Forschung macht die Sammlung Göring aus, die voraussichtlich in zwei Jahren fast vollständig erforscht sein wird.

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