Kunkel, der Krawall-Auslöser

Wolfram Kunkel am Brunnen vor der Uni, wo er früher gern musizierte. Fotos: Bitterer/kn

Fast 50 Jahre nach den Schwabinger Unruhen widmet sich eine Ausstellung dem Thema – Beteiligter erinnert sich Schwabing/Maxvorstadt

Es ging ihnen um ein kulturell selbstbestimmtes Leben – und dafür gingen zehntausende Studenten, aber auch Arbeiter und Lehrlinge auf die Straße. So begannen am 21. Juni 1962 die „Schwabinger Krawalle“, denen jetzt eine Ausstellung in der Seidlvilla gewidmet wird. Auslöser der Unruhen: eine Gruppe von Musikanten um Wolfram Kunkel. Der 68-jährige Schauspieler erinnert sich... Der 21. Juni war der erste warme Tag des Jahres – Kunkel und seine Freunde Michael Erber, Sitka Wunderlich, Rüdiger Herzfeld und Hauke Olbricht musizierten deshalb draußen, im Englischen Garten. Die Kumpels hatten sich der Deutschen Jungenschaft angeschlossen – sie reisten viel und veranstalteten Feste rund um den Monopteros. Dort zupften sie zunächst auch am Abend des 21. Juni die Saiten ihrer Gitarren, später zogen sie weiter auf die Leopoldstraße. Das Spiel der Jugendlichen gefiel dem Publikum – eine Anwohnerin aber ärgerte sich und holte die Polizei. „Manche können es einfach nicht ertragen, wenn andere leben“, sagt Wolfram Kunkel. Die Polizisten hätten dann barsch gefordert, dass sie zum Spielen aufhören sollen. „Das Publikum war stinksauer, rief Vopo, Vopo“, erinnert sich der damalige Feinmechaniker-Lehrling. Drei der Musiker brachten die Beamten auf die Wache in der Ettstraße – nach einer Nacht in der Zelle kamen sie wieder frei – und liefen trotz Verbots gleich wieder auf die Leopoldstraße. Und dort war der sprichwörtliche Bär los: Menschen sangen, tanzten auf der Straße. „Erst war alles friedlich“, sagt der 68-Jährige. Doch es kamen immer mehr Leute, auch von außerhalb. Die Polizei schritt vehement ein. So kam es vier Tage lang zu regelrechten Straßenschlachten zwischen den rund 40 000 Protestteilnehmern und der Polizei, die zu ihren Schlagstöcken griff. „Die Bürger wollten endlich locker und fröhlich leben“, erklärt Wolfram Kunkel die Unruhen, die völlig unspektakulär zu Ende gingen: „Das Wetter schlug um. An den Bäumen gab es Anschläge, darauf stand: ,Polizeifest fällt heute aus.‘ Und das war es dann.“ Für Wolfram Kunkel allerdings war es das noch nicht. Sein Vater setzte sich dafür ein, dass sein Bub nicht länger als „Saubär“ dastand – Wolfram Kunkel erhielt dann sogar ein Entschuldigungsschreiben vom damaligen Bürgermeister Vogel. „Schließlich haben wir ja gar nichts verbrochen. Wir wollten doch nur Musik machen“, sagt er. Tanja Bitterer Die Ausstellung über die Schwabinger Krawalle wird am Donnerstag, 30. Juni, um 19 Uhr in der Seidlvilla, Nikolaiplatz 1b, eröffnet. Wolfram Kunkel, Sitka Wunderlich und Michael Erber umrahmen die Veranstaltung musikalisch. Infos unter Telefon 33 31 39. Bedeutung der Unruhen Über die Bedeutung der Schwabinger Krawalle sind sich die Experten bis heute nicht einig. Viele sind allerdings der Meinung, dass das Ereignis das Ende der Adenauer-Ära und die Liberalisierung der Bundesrepublik anzuzeigen schien. Fest steht, dass die Unruhen Einfluss auf die Polizei-Methoden nahmen. Denn nach den Krawallen erarbeitete die Münchner Polizei unter der Federführung von Manfred Schreiber ein Konzept, das erstmals in Deutschland auf Ansätze zur Deeskalation setzte. So sollten Ereignisse dieser Art in Zukunft vermieden werden. Im Zuge der Reformen wurde in München auch ein Polizeipsychologe eingesetzt. Einer der Teilnehmer am Protest war übrigens auch kein geringerer als Andreas Baader. Der spätere RAF-Terrorist soll geschockt gwesen sein von den Ereignissen im Münchner Sommer 1962. Die Mutter des damals 19-Jährigen hat berichtet, dass ihr Sohn zu ihr gesagt habe: „Weißt du Mutter, in einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung.“ bit

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