Grundsatzdebatte über Brauchtum

Krach um Böller-Kanone

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Stein des Anstoßes: die Böllerkanone des Krieger- und Veteranenvereins Allach

Der Verein der Krieger und Veteranen löst im Allacher BA eine Grundsatzdebatte über ein ganz spezielles Brauchtum aus

Sind Salut- und Böllerkanonen Brauchtumsgegenstände oder Kriegsrelikte? Sollen für deren Erhalt öffentliche Gelder ausgegeben werden oder gehören sie eingemottet? Fragen, die jetzt im Bezirksausschuss (BA) Allach-Untermenzing hitzig diskutiert wurden. Der Grund: Der Krieger- und Veteranenverein Allach hat für eine rund 2500 Euro teure Reparatur seiner knapp 60 Jahre alten Böllerkanone vom BA einen Zuschuss in Höhe von 1800 Euro beantragt. Für Grünen-Sprecher Falk Lamkewitz ein Unding: „Letztlich sind auch Böllerkanonen wie Kriegsgerät zu behandeln. Die Welt steht am Rande eines Atomkriegs, da sollte man derartige Kriegssymbolik vermeiden und nicht verherrlichen“, sagt er. Außerdem habe „die Allgemeinheit keinerlei Nutzen von der Maßnahme“.

Grüne sagen Ja zu Traditionen. Aber: „In einer Böllerei kann ich keinen Sinn erkennen.“

Klaus Trapp, Vorsitzender des 1890 gegründeten Vereins mit derzeit 125 Mitgliedern, sieht das völlig anders: „Das ist Brauchtum. Am Volkstrauertag gehört geböllert, ebenso beim Jahrtag der Vereine und bei der Fronleichnamsprozession.“ Wenn Mitglieder sterben, sorge der Verein für ein feierliches Begräbnis, „soweit möglich mit Ehrensalut“. „Gerne unterstützen wir auch unseren Nachbarverein Untermenzing, der über keine eigene Böllerkanone verfügt“, ergänzt Trapp. Insgesamt werde das rund 450 Kilo schwere Stahlgerät also „nicht nur zu Vereinszwecken“, sondern auch bei öffentlichen Veranstaltungen eingesetzt. Überdies pflege der Verein die vorhandenen Denkmäler und Gedenkstätten. Überzeugend ist das für die Grünen im Allacher BA nicht: „Ich bin sehr für die Wahrung von Traditionen, aber nur dann, wenn sie einen Sinn haben“, betont Lamkewitz und erklärt: „Tradition ist schließlich kein Wert an sich. In einer Böllerei kann ich keinen Sinn erkennen.“ Die Mehrheit im BA dagegen kann: Gegen die Stimmen von drei Grünen- und zwei SPD-Mitgliedern bekommt der Verein einen Reparaturkosten-Zuschuss von 1500 Euro. Welchen Sinn ein Volkskultur-Experte im Böllern und Schießen sieht, lesen Sie im untenstehenden Interview. ul

Böllerschützen auf der Wiesn

Hallo München-Interview

„Vereine leisten wichtige Erinnerungsarbeit“

Magnus Kaindl (37) arbeitet im städtischen Kulturreferat in der Abteilung Volkskultur. Er befasst sich dort mit Brauchtum, Tracht, Dialekt und Heimatpflege. Im Hallo-­Interview erklärt er den Zusammenhang von Böllerschießen und Lebensfreude und welche Aufgaben Krieger- und Veteranenvereine heutzutage erfüllen können.

Herr Kaindl, was hat Böllerschießen mit Brauchtum zu tun?

Es ist schwer zu sagen, wann und wie diese Tradition entstanden ist. Es gibt Quellen, die sie bis ins 15. Jahrhundert zurückdatieren, bis zur Einführung des Schwarzpulvers in Europa. Oft geht es dabei um einen Ausdruck der Lebensfreude. Böllerschützen schießen zur Begrüßung eines neuen Jahres, bei Jubiläen oder zur Geburt des Christkindls. Manche Traditionen gehen auf vorchristliche Riten zurück: Das Schießen zur Abwehr von Geistern und Dämonen und zum Verjagen des Winters ist vor allem in den Alpenregionen noch sehr verbreitet. Die Silvesterknallerei ist auch so etwas.

Und das Böllern bei Krieger- und Veteranenvereinen?

Diese Vereine schießen vor allem zum Volkstrauertag und bei Beerdigungen von Mitgliedern. Mit diesen sogenannten Ehrensaluten werden die Verstorbenen geehrt und an die Gefallenen der Kriege erinnert. Das ist in Südbayern Tradition.

Ist das heute noch zeitgemäß?

Lärm zu machen, um Geister zu vertreiben oder jemanden zu begrüßen, ist auch in Regionen, in denen es gar nicht überliefert ist, verbreitet und beliebt. Man denke an das Böllerschießen am letzten Wiesntag.

Aber Sie können nachvollziehen, dass Böllern und Schießen auch kritisch gesehen werden?

Man muss differenzieren. Böllerschießen ist etwas anderes als ein Ehrensalut. Und dann gibt es noch Vereine wie die Gebirgsschützen, die vor allem mit Gewehren schießen und daran erinnern, dass ihre Vorfahren ihr Land verteidigt haben. Diese Tradition geht in Südbayern auch weit zurück bis ins 16. Jahrhundert. Da kann man sich schon die Frage stellen, ob das noch zeitgemäß ist.

Welche Aufgaben erfüllen Krieger- und Veteranenvereine über 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg?

Früher ging es unter anderem darum, Kriegsversehrte im Verein aufzunehmen und aufzufangen. Heute gibt es kaum noch Zeitzeugen in den Vereinen. Was die Vereine nach wie vor leisten, ist die Pflege von Kriegerdenkmälern und ähnlichem. Das kann unter dem Aspekt, Krieg zu verhindern, auch eine Form der Erinnerungsarbeit sein.

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