Bürger urteilen über Straftäter – so können Sie Jugendschöffe werden

Laien auf der Richterbank

Eveline Jurka-Schmid urteilt in unregelmäßigen Abständen über heranwachsende Angeklagte im Jugendgericht an der Nymphenburger Straße. Juristische Ausbildung hat sie keine. Die 48-Jährige ist eine von rund 128 ehrenamtlichen Jugendschöffen am Amtsgericht München, die gemeinsam mit Berufsrichtern über Schuld und Unschuld von 14- bis 20-Jährigen entscheiden. Jetzt werden wieder neue Jugendschöffen gesucht.

„Ich hatte von Berufs wegen schon immer viel mit Jugendlichen zu tun und habe selbst drei Kinder. Als vor vier Jahren neue Jugendschöffen gesucht wurden, habe ich gedacht: Das ist genau das Richtige für mich“, sagt die Bezirkssozialarbeiterin.

Gesetzbücher musste sie für ihre Bewerbung nicht wälzen. Berufsrichterin Monika Andreß sagt: „In der Praxis dienen juristische Laien der Wahrung des gesunden Menschenverstandes. Wenn Paragraphen zu strikt angewendet werden, können sie auch zu Ungerechtigkeit führen.“

Einfach sei die Aufgabe nicht, sagt Eveline Jurka-Schmid. „Es gibt sehr schlimme Schicksale. Ich erinnere mich an einen Jugendlichen, der sich eine Scheinidentität aufgebaut hat. Er kam ganz allein von Marokko über den Landweg nach Deutschland und hatte keine Wohnung, gar nichts. Er hat zu stehlen angefangen.“ Kein Einzelfall: Die Verhältnisse vieler Jugendlicher, die auf der Anklagebank säßen, seien dramatisch: „Viele  haben keine feste Bleibe, keine Arbeit. Die Familie ist zerrüttet.“ Unter Einfluss von Alkohol und Drogen ließen perspektivlose Jugendliche oft die Fäuste sprechen: „Ein sehr häufiges Delikt ist Körperverletzung.“ Auch Diebstahl, Sachbeschädigung und Schwarzfahren würden oft verhandelt. „Da gibt es Leute, die zum 20. Mal beim Schwarzfahren erschwischt wurden.“

Jugendliche Straftäter, die klauen, dealen, schlägern oder sogar töten – wie sollen sie bestraft werden? Das ist die große Frage, die Eveline Jurka-Schmid und der Berufsrichter beantworten müssen. Wichtig sei, dass Taten jugendlicher Straftäter anders zu bewerten seien, als die Erwachsener, so Jurka-Schmid. „Das Jugendgericht hat einen Erziehungsauftrag. Wir wollen die jungen Menschen wieder auf den richtigen Weg bringen. Deshalb wird die Jugendstrafe, also der Freiheitsentzug, erst verhängt, wenn alle anderen Maßnahmen nicht greifen oder der junge Mensch besonders schwere Schuld auf sich geladen hat.“

Doch wie schwer die Schuld auch ist, Eveline Jurka-Schmid betritt den Gerichtssaal stets unvoreingonmmen. „Ich werde auch erst kurz vorher mit dem Fall vertraut gemacht.“ Für sie seien die „die Stunden der Entscheidung, in denen ein ganzes Leben durchleuchtet wird“, faszinierend.

das

»Wir begleiten Angeklagte über das Urteil hinaus«

Die Jugendrichterin Monika Andreß über den erzieherischen Auftrag von Jugendgerichten

Frau Andreß, warum werden  Schöffen eingesetzt?„Allein schon, weil es im Grundgesetz verankert ist. In Artikel 20 heißt es: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. In der Praxis dienen juristische Laien der Wahrung des gesunden Menschenverstandes – wenn Paragraphen zu strikt angewendet werden, können sie auch zu Ungerechtigkeit führen.“In welchen Fällen wird vor dem Jugendschöffengericht angeklagt?„Wenn eine Jugendstrafe im Raum steht. Diese bewegt sich zwischen mindestens sechs Monaten und maximal fünf Jahren. In der Jugendabteilung des Amtsgerichts München verhandeln wir im Monat rund 25 Fälle mit Einzelrichter und drei bis fünf Schöffensachen.“Welche Gewichtung hat das Schöffen-Urteil? „Der Schöffe steht gleichberechtigt neben dem Berufsrichter. Das Schöffengericht besteht aus zwei, meist einem männlichen und einem weiblichen Schöffen.“Was ist das Besondere an Jugendgerichtsverhandlungen?„Es steht ganz stark der erzieherische Auftrag im Vordergrund. Schwerpunkt ist die Frage nach den ,schädlichen Neigungen’ – schädliche Neigungen sind Defizite, die weitere Straftaten erwarten lassen. Bei der Beurteilung des Strafmaßes müssen wir nicht nur schauen, ob bei der Tat selbst schädliche Neigungen vorlagen, sondern auch beim Zeitpunkt des Urteils.“Fruchtet Ihr Erziehungsauftrag bei den Jugendlichen?„Ja. Nur fünf Prozent kommen wieder. Wir begleiten die Jugendlichen über das Urteil hinaus – die Vollstreckung, die Ausführung des Urteils, liegt bei uns.“

Auch interessant:

Meistgelesen

Abi Ofarims Traum vor dem Aus?
München Mitte
Abi Ofarims Traum vor dem Aus?
Abi Ofarims Traum vor dem Aus?
Spitzenkandidat der CSU
München Mitte
Spitzenkandidat der CSU
Spitzenkandidat der CSU
Sündhaft teure Armbanduhren am Viktualienmarkt geklaut ‒ Polizei München ermittelt wegen Seriendiebstahl
München Mitte
Sündhaft teure Armbanduhren am Viktualienmarkt geklaut ‒ Polizei München ermittelt wegen Seriendiebstahl
Sündhaft teure Armbanduhren am Viktualienmarkt geklaut ‒ Polizei München ermittelt wegen Seriendiebstahl
Alkoholkontrolle zuhause!
München Mitte
Alkoholkontrolle zuhause!
Alkoholkontrolle zuhause!

Kommentare