Bundeskanzlerin kommt zum 10. Jahrestag der Synagoge

Im Herzen angekommen

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Oberbayerischer Kulturpreis für Charlotte Knobloch
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Die Synagoge Ohel Jakob am Jakobsplatz von außen.
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Die Synagoge Ohel Jakob am Jakobsplatz von außen.
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Die Synagoge Ohel Jakob am Jakobsplatz von innen.
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Leiterin des Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München Ellen Presser
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Das Mahnmal „Gang der Erinnerung“ verbindet im Untergeschoss die Synagoge und das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde miteinander. Auf der 32 Meter langen Glasplatte stehen 4500 Namen von jüdischen Münchnern, die im Nationalsozialismus deportiert wurden

Die jüdische Gemeinde feiert am 9. November das zehnjährige Bestehen der Synagoge am Jakobs­platz. Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel wird mit dabei sein – ein deutliches Zeichen.

Für Charlotte Knobloch ist am 9. November 2006 ein Traum in Erfüllung gegangen. An diesem Tag wurde die Hauptsynagoge Ohel Jakob am Jakobsplatz eingeweiht. „Wir sind im Herzen der Stadt und in den Herzen der Münchner angekommen“, sagt die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Aber wie war das 2006? „ Dieser Tag war mehr als ein Umzug, es war eine Heimkehr, der bewusste Aufbruch aus dem Hinterhofdasein in eine auf Dauer angelegte, sichtbare Präsenz mitten in der Stadt“, erinnert sich Knobloch.

Am 9. November findet neben den Gedenkveranstaltungen auch ein Festakt statt, an dem sogar die Bundeskanzlerin teilnimmt. Sie bekommt die Ohel-Jakob-Medaille verliehen. Charlotte Knobloch: „Jüdisches Leben soll in München und ganz Deutschland auf Dauer eine sichere und geborgene Heimat haben. Für dieses Anliegen steht Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel.“ Ines Weinzierl

Infos zum „Tag des Gedenkens“ sowie zur nächsten Synagogen-Führung unter www.ikg-m.de

Seit der Eröffnung haben rund 300 000 Besucher aus aller Herren Länder die Synagoge besichtigt. Welche Fragen auftauchen und welche Vorurteile es bis heute gegenüber jüdischen Bürgern gibt, verrät die Leiterin des Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München, Ellen Presser, im Hallo München-Interview. 

Frau Presser, gibt es immer noch Vorurteile gegenüber jüdischen Bürgern?

Ja, es gibt etliche Standard-Vorurteile, die nicht aus der Welt zu schaffen sind. So besteht immer noch die hanebüchene Vorstellung, dass Juden keinen Dienst bei der Bundeswehr leisten müssen – so lange es die Wehrpflicht gab, mussten alle zur Musterung. Es gab nur eine Ausnahme: Jüdische Männer, die Nachkommen von NS-verfolgten Holocaust-Überlebenden waren, konnten sich vom Dienst befreien lassen. Ein zweites Vorurteil ist, dass jüdische Bürger keine Steuern zahlen müssen. Egal, wo man arbeitet, als Angestellter, Freiberufler – jeder zahlt in diesem Land Steuern. Vor einigen Monaten wurde mir bei einer Führung wieder mal gesagt: „Sie sprechen aber ein gepflegtes Deutsch.“ Klar, was soll ich sonst sprechen? Ich bin in München geboren!

Wie haben Sie die Einweihung der Synagoge Ohel Jakob erlebt?

Es war überwältigend. Der 9. November ist ein besonderer Tag – in vielerlei Hinsicht. Bis zum 9. November 2006 wurde in München der Reichskristallnacht gedacht. Ab 2006 wurde ein weiterer, neuer Akzent gesetzt, denn an diesem Tag wurde vor zehn Jahren die Synagoge am Jakobsplatz eröffnet. Die Präsidentin der jüdischen Gemeinde Charlotte Knobloch wollte schon damals, dass alle Gäste die Synagoge besichtigen können, und so wurde ein Tag der offenen Tür veranstaltet. Aufgrund der großen Nachfrage, es kamen 15 000 Besucher, hat die Polizei den Jakobs­platz sperren lassen. Charlotte Knobloch war es aber sehr wichtig, dass niemand abgewiesen wird, und so wurde im Dezember  ein weiterer Termin für die Besichtigung anberaumt. Das Interesse war wirklich überwältigend!

Rund 300 000 Besucher haben bis heute die Synagoge besucht. Welche Besuchergruppen kommen am häufigsten?

Von Schülern bis Seniorengruppen  ist alles vertreten. Es kommen Gruppen von der Bundeswehr, Architekturstudenten, Medienexperten – das Ensemble ist wirklich von großem Interesse. Wir haben schon immer Führungen angeboten, auch damals in der Synagoge an der Reichenbachstraße – aber damals bestand das Team aus ein bis zwei Personen. Heute ist das Team sechs bis acht Personen stark, um dem Besucherandrang gerecht zu werden.

Welche Fragen werden am häufigsten gestellt?

Früher haben Kinder oft gefragt, wo das Kreuz ist. Heute wird die Frage nicht mehr gestellt. Die Lehrer bereiten die Kinder auf die Führungen vor.

Wie sieht so eine Führung aus?

Ich erkläre die Architektur, die Innenarchitektur, die Liturgie sowie den Gottesdienstablauf. Ich spreche beispielsweise über Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Christentum, so sind Kirche und Synagoge immer nach Osten ausgerichtet. Und dass im jüdischen und christlichen Gottesdienst Psalme vorgetragen werden. Die Unterschiede bestehen zum Beispiel darin, dass es in einer Kirche Bilder gibt, in der Synagoge wegen des Abbildungsverbots nicht.

Wie in einer Moschee.

Genau, muslimische Schüler wissen das. Ebenso, dass Männer und Frauen getrennt sitzen und dass schon kleine Jungs, die das Gotteshaus betreten, eine Kopfbedeckung tragen. Unsere Gebetbücher sind in Hebräisch, die der Moslems in Arabisch. Aber auf die Lebensrealität bezogen: Die Gebetbücher bei uns sind heute zweisprachig,Hebräisch-Deutsch oder Hebräisch-Russisch.

Was bedeutet die Synagoge im Herzen der Stadt den jüdischen Münchnern?

Es war schon immer eine Herzensanliegen von Charlotte Knoblochs, eine Synagoge im Herzen der Stadt zu realisieren. Als sie das Amt übernahm hatte sie eine Vision: Sie wünschte sich, dass die Gemeinde ins die Stadtbild zurückkehrt. Diese Vision hat sie beseelt und verfolgt. Als dann der Stadtrat 1999 mit großer Mehrheit entschieden hat, den St.-Jakobs-Platz für einen Synagogenbau zur Verfügung zu stellen, erfüllte sich ihr ein Traum.

Welche Bedeutung hat die Synagoge Ohel Jakob für Bayern beziehungsweise Deutschland?

Schon eine sehr große. Denn München hatte ja den traurigen Titel „Hauptstadt der Bewegung“ und es war ein wirklich braunes Pflaster. Es hat sehr lange gedauert, bis man sich aufgerafft hat: Nämlich 1999, als entschieden wurde, dass die Synagoge im Herzen der Stadt errichtet wird. Das Projekt Jüdisches Zentrum wurde am Ende getragen vom damaligen Oberbürgermeister Christian Ude, der Bayerischen Staatsregierung unter Edmund Stoiber und Charlotte Knobloch.  

Wer waren die berühmtesten Besucher?

Neben manch anderen die Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie die Bundespräsidenten Horst Köhler und Christian Wulff. 

Wie oft werden jüdische Gottesdienste abgehalten?

Dreimal täglich soll man beten: morgens, nachmittags und abends. Wer unter der Woche beten möchte, geht in die eine kleine Tagessynagoge im Haus. Aus praktischen Gründen sind Nachmittags- und abendgebet zusammengelegt: Es besteht auch die Möglichkeit, Gebete zusammenzufassen. So dass man mit zwei Synagogengängen am Tag auskommt.

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