Interview

Sie bleibt auch mit 75 am Ball: Löwen-Wirtin Christl Estermann von A bis Z

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Brennt auch mit 74 noch für ihren Verein - Christl Estermann

Von A wie Abstieg über N wie Nationalgericht bis hin zu Z wie Zukunft - Christl Estermann, die Wirtin des Löwensstüberls, im Hallo München Interview

Die Trainer kommen und gehen, nur eine bleibt: Christl Estermann, die Wirtin des Löwenstüberls. Sie begeht heuer Jubiläum – seit 25 Jahren betreibt sie die Fankneipe direkt beim Trainingsgelände. Und es gibt für Estermann noch mehr Grund zum Feiern: im Sommer wird sie 75. Dann plant die Münchnerin ein noch nie dagewesenes Riesenfest. „Vor allem, wenn wir in die Relegation gehen.“ Ans Aufhören denkt die Wirtin noch lange nicht – wenngleich sie 2015 schon mal gekündigt hatte. Aber: „Mein Herz hängt halt an den Löwen“, sagt sie, deswegen musste sie die Kneipe quasi weiterführen. Das Herz schmerzt nach dem Abstieg immer noch, dem Erfolg vergangener Zeiten trauert die Wirtin enttäuscht nach. In Hallo München verrät sie, warum sie schon einmal einen blauen Teppich ins Gefängnis schmuggelte, Wiener Würstl bei ihr Pacults heißen und wie viele Trainer sie überdauerte. Hanni Kinadeter

Abstieg: Der Abstieg im vergangenen Jahr hat mit das Herz gebrochen. Wir gehören nicht in diese Liga – jetzt kommen mir schon wieder die Tränen. Man leidet als Fan immer mit.

Blau: Seit 50 Jahren trage ich meine Nägel immer blau lackiert, mal mit Glitzer, mal etwas heller oder dunkler – aber immer blau.

C2 hieß die Kneipe, die ich früher in der Grünwalder Straße hatte – da sind schon immer die Spieler gekommen, die Löwen und die Bayern. Irgendwann hat mich Karl-Heinz Wildmoser gefragt, ob ich nicht einen Tapetenwechsel brauche und mich auf eine Seite schlagen will. Das war für mich ein Riesenkompliment und ich habe das Angebot, das Löwenstüberl zu betreiben, angenommen.

Dankbar: Wir müssen froh sein, dass wir den Trainer Daniel Bierofka haben. Ich schätze ihn sehr.

Ende: Eigentlich hatte ich schon mal gekündigt und wollte das Stüberl aufgeben. Aber als der Verein wieder im Grünwalder Stadion spielte, konnte ich nicht anders als weitermachen: Es hängt ja mein Herz dran.

Familie: Wir sind anders als die Bayern, die Löwen sind eine Familie, weil hier jeder gut integriert ist. Wir halten zusammen. Wir haben auch Fans, die schon seit 20 oder 30 Jahren oder noch länger mitfiebern und immer kommen. Man ist verheiratet mit dem Verein.

Geburtstag: Im Sommer werde ich 75, da feiere ich mit meinen Töchtern und Freunden und Fans im Stüberl. Wenn wir dann noch in die Relegation gehen, wäre es das Fest des Jahrhunderts.

Heimat: Mein Stüberl ist die Heimat der 60er, sie kommen zu Fuß zum Stadion und inzwischen habe ich mir einen Namen gemacht, die Fans kommen auch aus dem Bayerischen Wald oder von auswärts.

I-Tüpfelchen: Wir hatten viele große und tolle Feste und Feiern im Stüberl, besonders nach Siegen. Ein besonderes Highlight war, als Peter Enderlein von Haindling hier Geburtstag feierte und die Band Fanlieder sang.

Jugend: Der TSV 1860 macht eine tolle Nachwuchsarbeit. Früher waren die Eltern immer im Stüberl, wenn sie trainiert haben. Das hat inzwischen sehr nachgelassen. Aber ich kann mich nicht beklagen, das Geschäft läuft sehr gut.

Knast: Als Karl-Heinz Wildmoser junior zweieinhalb Jahre im Gefängnis war, habe ich ihm einen blauen Teppich rein schmuggeln lassen. Ich hatte Beziehungen und kannte den Sohn eines Gefängniswärters. Das hat mir richtig weh getan, wo sie ihn und seinen Vater abgeholt haben. Ich hab das vom Fenster aus gesehen.

Liebling: Mein Lieblingstrainer war und bleibt Werner Lorant. Ich hatte schon immer einen guten Kontakt zu ihm, er besucht mich auch heute noch ab und zu.

Mitgliedschaft: Ich bin seit Jahrzehnten Mitglied im Verein und bei mir im Stüberl und daheim ist alles blau. Sogar meine Weihnachtsnikoläuse sind jedes Jahr blau. Rot kommt mir nicht ins Haus.

Nationalgericht waren bei den Löwen eigentlich schon immer Schinkennudeln, weil sie Energie geben.

Ohne 60: Ein Leben ohne den TSV 1860 kann ich mir nicht vorstellen.

Pacults mit Senf stehen auf meiner Speisekarte, das sind Wiener Würstl. Peter Pacult ist ja aus Wien gekommen, das weiß jeder und hat gut gepasst. Er ist der einzige Trainer, der es in die Speisekarte geschafft hat.

Qual: Für mich ist es eine echte Qual, wenn jemand rot angezogen in mein Stüberl kommt. Das fällt sofort auf und ich verstehe auch nicht, warum man das macht. Ich spreche die Gäste dann auch darauf an.

Rückblick: Früher hatte ich drei Boutiquen in Giesing, vorher war ich Abteilungsleiterin bei Karstadt. Wenn ich die Kneipe nicht übernommen hätte, hätte ich sicher ein ruhigeres Leben. Aber ich bereue nichts.

Stadion: Früher habe ich mir mit meinem Mann jedes Spiel im Stadion angeschaut. Heute schaffe ich das gar nicht mehr, ich werde ja hier gebraucht. Aber natürlich habe ich eine Jahreskarte.

Trainer: Seit ich das Stüberl betreibe, habe ich 27 verschiedene Trainer miterlebt.

Urlaub: In meiner Freizeit gehe ich gern Skifahren oder spiele Tennis. Früher war ich wirklich mal eine gute Tennisspielerin, irgendeinen Ausgleich braucht man ja.

Vergangenheit: Mein größter Wunsch ist es, dass wieder alles so wird wie früher, als die Löwen richtig erfolgreich waren. Da hatte alles eine ganz andere Atmosphäre.

Wohnzimmer: Das Stüberl ist mein Wohnzimmer, das sage ich schon immer. Ich kenne meine Gäste und helf auch mal beim Schafkopfen aus, wenn einer fehlt.

X-fach auf- und wieder abgestiegen sind die Löwen – das muss man als Fan verkraften. Aber Herzschmerzen habe ich schon lange.

Yahya und Hasan Ismaik kenne ich beide, die Brüder waren schon zusammen im Stüberl. Ohne die 80 Millionen von Hasan Ismaik wären sehr schlimme Zeiten gekommen – er hat uns geholfen und dafür bin ich sehr dankbar.

Zukunft: Solange ich noch arbeiten kann, bleibe ich die Wirtin vom Stüberl, vorher gehe ich nicht.

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